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    Die Eiche – Mein Zuhause
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Eiche – Mein Zuhause

    Nach diesem Film sieht man den Wald mit ganz anderen Augen

    Von Michael Meyns

    Auf die Idee muss man erst einmal kommen – und sie dann auch noch dermaßen eindrucksvoll umsetzen: Im Mittelpunkt des Films von Laurent Charbonnier und Michel Seydoux steht die titelgebende Eiche – ein alter, knorriger Baum, in und um den sich ein erstaunlich abwechslungsreiches Ökosystem breit gemacht hat. Mit exzeptioneller Kameraarbeit (und einigen technischen Tricks) zeigt „Die Eiche – Mein Zuhause“, welche (Arten-)Vielfalt nicht nur in fernen Urwäldern oder an sonstigen exotischen Orten existiert, sondern eben auch in einem vermeintlich-profanen französischen Wald. Ganz ohne Kommentar und nur einem meist dezenten Musikeinsatz lassen die Regisseure 80 Minuten lang nur die Natur wirken. Und die ist ein bemerkenswert vielseitiges Schauspiel, wenn man sich nur die Mühe macht, ganz genau hinzuschauen. Irgendwo in Frankreich, malerisch an einem See gelegen, steht sie, die titelgebende Hauptdarstellerin: Los geht’s im Spätsommer, wenn das Leben rund um die Eiche noch blüht. Doch schon bald kündigen Gewitter den baldigen Herbst an, in dem der Baum seine Blätter verliert, sich langsam Moos am knorrigen Stamm bildet, bis im Winter eine Schneedecke die leeren Äste bedeckt, bis sich unweigerlich der Frühling durchsetzt: Setzlinge keimen, die Tiere, die sich unter dem Baum Höhlen gegraben haben, erwachen aus ihrem Winterschlaf. Vögel bauen neue Nester, in denen alsbald der Nachwuchs schlüpft und den nahenden Sommer erwartet...

    Die titelgebende Eiche hat bereits stattliche 210 Jahre auf dem Buckel!

    Laurent Charbonnier hat sich bereits einen Namen als Kameramann für Naturdokus gemacht, in dieser Funktion zum Beispiel für die spektakulären Bilder des Kino-Hits „Nomaden der Lüfte“ gesorgt. Gemeinsam mit dem Produzenten Michel Seydoux („Cyrano de Bergerac“ und ja, entfernt mit Léa verwandt) hat er nun einen ganz besonderen Dokumentarfilm gedreht: Ohne Worte kommt „Die Eiche“ aus, ohne einordnenden, erklärenden Kommentar, ohne Kontext, ohne den Anblick eines einzelnen Menschen. Ganz rein, im wahrsten Sinne des Wortes dokumentarisch mutet „Die Eiche – Mein Zuhause“ an, was so allerdings nicht ganz zutrifft. Ein Tiertrainer war ebenso am Film beteiligt wie Spezialist*innen für Computereffekte, die manche der tatsächlich unglaublich wirkenden Szenen den Wünschen der Regisseure entsprechend aufgepeppt haben. Die halsbrecherische Jagd eines Habichts auf einen kleinen Eichelhäher etwa, die rasant durch den Wald rasen, bis sich der Eichelhäher im letzten Moment doch noch verstecken kann. Ohnehin fließt kein Blut in „Die Eiche – Mein Zuhause“ – ein wenig wirkt es, als wären die in der Umgebung des Baumes lebenden Tiere allesamt Vegetarier und würden sich blendend verstehen. Vom Fresse-und-gefressen-Werden soll hier augenscheinlich nicht erzählt werden. Stattdessen wird ein Miteinander der unterschiedlichsten Tier- und Insektenarten heraufbeschworen.

    Die Kamera liefert spektakuläre Bilder – von den großen, aber auch von den ganz kleinen tierischen Bewohnern des Ökosystems Eiche.

    Das aber zeigen Charbonnier und Seydoux in eindrucksvollen Bildern und Montagesequenzen. Besonders ein Eichhörnchen hat es ihnen angetan, das in allen Jahreszeiten präsent ist, sich rasant den knorrigen Stamm hoch und runter bewegt, Eicheln sammelt und mit dem Vergraben der Setzlinge für das Sprießen neuer Bäume sorgt. Doch nicht nur für das Eichhörnchen ist die Eiche Wohnort und Nahrungsquelle: Zahllose Insekten krabbeln durch die tiefen Furchen der Rinde, hängen an Blättern und begatten einander in schwereloser Höhe. Weiter unten reiben sich die Wildschweine am Stamm, während im Boden unter dem Baum eine ganze Mäusefamilie einen weitverzweigten Bau bewohnt. Kein ungefährlicher Wohnort, denn wenn es gewittert, drohen die Gänge zu überfluten. Wie ein Katastrophenfilm mutet „Die Eiche – Mein Zuhause“ in solchen Momenten an. Da retten sich die Mäuse in höhergelegene Regionen ihres Baus, scheinbar zitternd vor Sorge, ob das Wasser bis zu ihnen hochsteigt. Nach ihrer Rettung machen sie sich sodann an die Aufräumarbeiten. Solche kleineren Dramatisierungen sind jedoch das Äußerste. Auf die fragwürdige Methode vieler Naturdokumentationen, Tiere zu vermenschlichen, verzichten die Regisseure dankenswerterweise weitestgehend. Stattdessen lassen sie die Natur für sich sprechen und zeigen mit „Die Eiche – Mein Zuhause“, welch aufregendes Schauspiel die uns täglich umgebende Natur sein kann. Fazit: Zwar nicht ganz frei von künstlichen Inszenierungen, aber dafür komplett ohne Kommentar lassen die Regisseure Laurent Charbonnier und Michel Seydoux ihre spektakulären Bilder für sich sprechen. Nach diesem Film sieht man den mitteleuropäischen Wald garantiert mit ganz anderen (und im besten Fall sehr viel offeneren) Augen für das Außergewöhnlich im (vermeintlich) Alltäglichen. Wir heben „Die Eiche – Mein Zuhause“ im Rahmen der Französischen Filmwoche 2022 gesehen.

     

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