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    Sonne
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Sonne

    Mit dem Hijab zu Social-Fame

    Von Ulf Lepelmeier

    Zu ihrem ersten Spielfilm „Sonne“ ließ sich Kurdwin Ayub von einem Clip schiitischer Mädchen inspirieren, die vollverschleiert muslimische Lieder auf Englisch sangen. Bei seiner Premiere auf der Berlinale landete der von Ulrich Seidl („Rimini“) produzierte Film einen vollen Erfolg, dort lief das zeitgeistig-kraftvolle Coming-Of-Age-Drama nämlich nicht nur in der Sektion Encounters, sondern wurde zudem auch noch mit dem GWFF-Preis für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet. Die irakisch-österreichische Regisseurin liefert dabei ein Gen-Z-Portrait ab, das genauso wild und wenig fokussiert daherkommt wie ihre Social-Media-fixierten Protagonistinnen. Nur so zum Spaß verkleiden sich die beste Freundinnen Yesmin (Melina Benli), Nati (Maya Wopienka) und Bella (Law Wallner) mit den Hijabs von Yesmins Mutter. So filmen sich die drei Wiener Oberstufenschülerinnen beim gemeinsamen Singen des R.E.M.-Songs „Losing My Religion“ – inklusive spaßiger Filter, twerken und sexy Posen. Als Bella das Video unbekümmert bei YouTube hochlädt, geht es schnell viral. Neben den Likes und positiven Kommentaren gibt es natürlich auch negatives Feedback. Yesmins Mutter empfindet den aus einer Laune heraus entstandenen Clip gar als religiösen Affront, während sich ihr Vater in der Rolle des Agenten gefällt, der für die drei Teenagerinnen fortan kleine Auftritte auf kurdischen Familienfesten organisiert. Doch die Beziehung zwischen den drei Freundinnen wird zunehmend komplizierte und auch die Anspannung innerhalb der Familie droht zu eskalieren…

    Dank ihrer Hijab-Interpretation von „Losing My Religion“ sind die drei Freundinnen auch ohne ein exzeptionelles Gesangstalent plötzlich Internetberühmt geworden.

    Gelangweilt vom Alltag probieren sich Yesmin und ihre Freundinnen aus, wissen nicht wohin mit ihren Gedanken und ihren Gefühlen. Das jegliche Tätigkeit auch als Video festgehalten, gepostet und geteilt werden muss, macht ihre Welt dabei noch rasanter. Alles wird kommentiert und ist so auch für Freunde, Eltern und Verwandte einsehbar. Ein Gefühl dafür, was man dann doch besser im kleinen Kreis belassen sollte, besteht kaum. Im besten Fall wird einmal eine größere Anzahl von Klicks erreicht und man darf sich in einen Moment der Internetrelevanz sonnen. Im schlechtesten Fall steht plötzlich die Polizei auf der Matte. Um diese emotionale Achterbahnfahrt zwischen analoger und digitaler Selbsterfahrung auch für das Publikum nachvollziehbar zu machen, setzt Kurdwin Ayub in „Sonne“ auf massenhaft aufpoppende Textnachrichten und Instagram-Posts sowie eingewobene TikTok- und YouTube-Videos. Dieser wilde Mix ist dabei genauso abwechslungsreich wie anstrengend, wenn der Fluss der Handlung immer wieder unterbrochen, ergänzt oder kommentiert wird. Zu Beginn bietet dieser Ansatz einen frisch-unbekümmerten Einblick in die Lebenswirklichkeit der Wiener Jugendlichen, aber mit zunehmender Laufzeit werden die Clips nicht nur willkürlicher und vulgärer, sie wollen auch immer weniger ineinandergreifen. Die Erzählung um kurze (Instant-)Berühmtheit, um Freundschaft sowie dem Aufwachsen zwischen den Kulturen verliert sich dabei immer mehr. Genauso wie spannende Identitätsfragen und gesellschaftliche Probleme, die zwar kurz angestoßen, aber dann leider nicht konsequent weiterverfolgt werden.

    Als einzige der drei Freundinnen ist Yesmin (Melina Benli) tatsächlich Muslima – und steckt deswegen in einer besonderen kulturellen und religiösen Zwickmühle.

    Das Hochladen der „Losing My Religion“-Performance nutzt Kurdwin Ayub, um – angelehnt an ihre eigenen Erfahrungen als in Wien aufgewachsene Kurdin – das Leben einer jungen Muslima zwischen Familie, Schule und über die Stränge schlagenden Freundinnen einzufangen. Die Popularität des Videos wirft dabei nicht nur die offensichtliche Frage auf, ob es sich einfach nur um einen witzigen Clip, eine Befreiungsbotschaft für junge Frauen mit Kopftuch oder doch schon um einen Diffamierungsakt handelt. Es geht auch darum, wie Yasmin, Bella und Nati mit der einsetzenden Popularität, mit der kulturellen Aneignung von Symbolen sowie mit kultureller Diversität umgehen. Die neue mediale Aufmerksamkeit verändert die Beziehung der drei Freundinnen zueinander. Yesmin, die von Melina Benli mit großer Natürlichkeit verkörpert wird, zweifelt an den Auftritten, in denen sich ihre beiden nicht-muslimischen Freundinnen die Kopftücher nur als Verkleidung überziehen und keinerlei Feingefühl für die kulturellen Zusammenhänge an den Tag legen. Nati und Bella finden hingegen zunehmend Gefallen an der für sie exotischen Community, in der sie beständig herausstechen und in der ihnen junge Männern Avancen machen. Die Eltern der Protagonistin werden von den Eltern der Regisseurin verkörpert und brechen bei ihren Darstellungen mit den gängigen Klischees: Hier ist die Mutter streng und weist ihre Tochter beständig in die Schranken, während sie dem Sohn alles durchgehen lässt. Der Vater ist der tolerante, offene Elternteil, der sich für die Gleichbehandlung seiner beiden Kinder einsetzt, Yasmin beständig unterstützt und sich gar über das Video freut. In einer gelungenen emotionalen Szene wird die von Angst getriebene Haltung der Mutter verständlich, während die Auftritte des offeneren Vaters, der sich auch mal den Kajal seiner Tochter borgt, um seine weißen Barthaare zu kaschieren, für die humorvollsten Momente des Films sorgen. Fazit: Auch wenn „Sonne“ mit zunehmender Laufzeit immer weniger fokussiert daherkommt und zum Ende hin gar zu implodieren droht, liefert Kurdwin Ayub mit ihrem Debütfilm einen erfrischenden Einblick in eine jugendliche Lebenswelt zwischen Kopftuch, Leichtsinn, Freundschaft und Social Media-Fixierung ab. Dabei nähert sie sich unverkrampft Themen wie Identitätssuche und kulturelle Aneignung an. Wir haben „Sonne“ beim Seville European Film Festival gesehen.

     

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