Ein Talent fürs Morden
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ein Talent fürs Morden

Psychoduell in den Schweizer Alpen

Von Christoph Petersen

Kettenrauchend, whiskeyschlürfend, menschenhassend – wenn wir Patricia Highsmith (Helen Mirren) im Jahr 1995 und damit nur wenige Monate vor ihrem Tod das erste Mal in ihrem Alpenchalet zu sehen bekommen, hockt sie so tief zusammengesackt im Sessel, dass es fast aussieht, als sei der Kopf ohne Hals direkt auf den Schultern montiert. Aber es sind ihre Augen – nur noch kleine Schlitze, und dennoch verschlagen funkelnd –, die sofort klarstellen, dass mit dieser Autorin auch im hohen Alter nicht zu spaßen ist.

Oscarpreisträgerin Helen Mirren („Die Queen“) verkörpert in „Ein Talent fürs Morden“ die Psychothriller-Pionierin Patricia Highsmith mit einer ansteckenden Lust am Amoralischen und Abgründigen. Und wenn sie den Lektoren-Jungspund Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich), den ihr New Yorker Verlag in die Schweiz entsandt hat, um ihr einen sechsten Ripley-Roman aus den Rippen zu leiern, nicht mit ihrer schroff-abweisenden Art in die Flucht schlagen kann, dann bereitet sie ihm eben ein Frühstück – und lässt in der Küche betont auffällig das Arsen neben der Rühreipfanne stehen.

Mit Patricia Highsmith fügt Helen Mirren ihrer Filmografie noch eine weitere ikonische Leinwandrolle hinzu. Tobis
Mit Patricia Highsmith fügt Helen Mirren ihrer Filmografie noch eine weitere ikonische Leinwandrolle hinzu.

Basierend auf dem 2014 uraufgeführten Zwei-Personen-Theaterstück „Switzerland“ der Australierin Joanna Murray-Smith, die auch das Drehbuch zur Verfilmung beigesteuert hat, entspinnt sich in der mit einem Waffenkabinett und einer Giftsammlung ausgestatteten Berghütte vom ersten Klopfen an ein Katz-und-Maus-Psychokrieg zwischen Starautorin und Nachwuchsagent. Alden Ehrenreich („Solo: A Star Wars Story“) spielt als ungebetener Gast quasi eine Doppelrolle, denn die Figur des überforderten Verlagsboten verschwimmt zunehmend mit Highsmiths ikonischster Schöpfung – dem charismatisch-chamäleonartigen Gentleman-Soziopathen Tom Ripley.

In der berühmtesten Verfilmung – „Der talentierte Mr. Ripley“ mit Matt Damon aus dem Jahr 1999 – steht Ripley stellvertretend für all das, was Highsmith auszeichnet: die Lust am stilvoll Kaltblütigen, die Faszination am moralkompassfreien Obsessiven. Dabei überlässt es „Ein Talent fürs Morden“ dem Publikum zu entschlüsseln, ob der auf der Herfahrt im Zug mit der amerikanischen Studentin Clementine Balfour (Olivia Cooke) angebandelte Edward tatsächlich etwas Abgründiges im Schilde führt – oder ob sich die Dinge nur im Kopf der Autorin vermischen.

Patricia Highsmith glaubt, ihr Gegenüber Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) einfach so von dannen jagen zu können. Tobis
Patricia Highsmith glaubt, ihr Gegenüber Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) einfach so von dannen jagen zu können.

Schon vor seinem Kinodurchbruch mit der Joy-Division-Biografie „Control“ hat der Niederländer Anton Corbijn den Look einer ganzen Popkultur-Epoche als Fotograf und Musikvideoregisseur geprägt – und selbst wenn „Ein Talent fürs Morden“ aus seiner Filmografie als vergleichsweise „leichtfüßig“ herausfällt, tut das seinem unbedingten Stilwillen keinen Abbruch. Gemeinsam mit dem zweifach oscarnominierten Yorgos-Lanthimos-Kameramann Robbie Ryan („Poor Things“, „The Favourite“) verwandelt Corbijn die vermeintliche Weite der Schweizer Alpen in ein klaustrophobisches Kammerspielset, bei dem es einem auch schon mal eiskalt den Rücken herunterlaufen kann, wenn Edward etwa morgens mit einer blutenden Schnittwunde am Hals aufwacht, als hätte seine Gastgeberin ihn nur aus Spaß mit einem besonders scharfen französischen Messer angeritzt.

Im Gegensatz zum Theaterstück, das als klassisches Kammerspiel nur im Arbeitszimmer spielt, verfolgen wir Ripley (ebenfalls: Alden Ehrenreich) im Film dabei, wie er seine im Duell zwischen Autorin und Agent erdachten mörderischen Machinationen in die Tat umsetzt. Auch das sieht richtig gut aus, vor allem wegen des Noir-typischen, aber hier auch angenehm verspielten Einsatzes von Licht und Schatten. Allerdings sind die verschlungenen Verbrechenspläne in diesem fiktiven Ripley-Komplott am Ende längst nicht so elegant und kühl kalkuliert, wie wenn die reale Patricia Highsmith selbst noch einen sechsten Roman über ihren Lieblingsmörder verfasst hätte. Aber das konnte vermutlich auch niemand ernsthaft erwarten.

Fazit: Ein köstlich-amoralisches Psycho-Duell vor atemberaubender Alpenkulisse – in den mörderischen Details zwar nicht ganz so clever wie ein Highsmith-Original, aber dafür stürzt sich Helen Mirren mit ansteckender Spiellaune in eine ihrer bislang düstersten Rollen.

Wir haben „Ein Talent fürs Morden“ auf dem Filmfest Hamburg 2026 gesehen, wo der Film seine Deutschlandpremiere gefeiert hat.

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