Monster Mia
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Monster Mia

Hintersinniger Halloween-Spaß für Groß und Klein

Von Gaby Sikorski

Dass Monster mittlerweile völlig selbstverständlich auch im Kinderzimmer präsent sind verdanken wir vor allem „Wo die wilden Kerle wohnen“ des US-Autors Maurice Sendak aus dem Jahr 1963. Die Geschichte wurde zuerst als Kurzfilm, dann als Oper und 2009 auch als Kinofilm (Regie: Spike Jonze) adaptiert und gilt heute als eines der besten Bilderbücher aller Zeiten. Dabei war es bei seiner Veröffentlichung durchaus umstritten – es sei zu gruselig, hieß es. Doch der Erfolg ließ sich nicht aufhalten, die Kinder liebten es einfach!

Das Grundmuster der Monster, die ein freies, abenteuerliches Leben führen, wurde seitdem vielfach variiert. Auch die „Monster Mia“-Buchreihe des britischen Autors A. B. Saddlewick greift dieses Motiv auf. Diese findet nun erstmals ihren Weg ins Kino – als deutsch-österreichisch-spanische Koproduktion unter der Regie von Verena Fels („Der kleine Rabe Socke“). Der Aufwand hat sich dabei unbedingt gelohnt, denn das Film-Abenteuer um ein mutiges Mädchen, das Menschen und Monster zusammenbringen will, kann sich nicht nur sehen lassen, sondern hält visuell sogar mit der großen Konkurrenz von Disney und Pixar mit. „Monster Mia“ bietet tolle Unterhaltung für Groß und Klein und macht einfach richtig viel Spaß!

Mia ist das genaue Gegenteil ihrer braven Schwester: chaotisch, impulsiv und mehr an Skateboard-Fahren als Ballett interessiert! Tobis Film
Mia ist das genaue Gegenteil ihrer braven Schwester: chaotisch, impulsiv und mehr an Skateboard-Fahren als Ballett interessiert!

Zu Beginn geht's gleich mit viel Schwung und Tempo in die garantiert monsterfreie Stadt Lilienthal – ein Ort mit dem trotzdem irgendwie beängstigenden Wahlspruch: „Seid normal, ordentlich und rein, denn so muss es in Lilienthal sein.“ Die dominierenden Farben in diesem vorbildlichen Musterstädtchen voller Harmonie und Einigkeit, wo die aufregendsten Radiomeldungen von Mülltrennung handeln, sind babyblau und rosa. Nur Mia ist anders. Sie ist chaotisch, impulsiv und wild, das vollkommene Gegenteil ihrer braven Zwillingsschwester Marie, die nicht nur total angepasst ist, sondern schon 12 Mal Schülerin des Monats war und gerade ein Ballettsolo für das kommende 500. Jubiläum der Monsterfreiheit einstudiert. Den klassischen Tanz lehnt Mia ab, stattdessen kann sie unheimlich gut Skateboard fahren. Und sie hat eine zahme Ratte.

Aber nicht nur das: Mia glaubt an Monster und will ihre gut recherchierten Ergebnisse im Rahmen eines Referats präsentieren. Doch das ist nicht erwünscht, denn niemand darf auch nur über Monster sprechen. Mia will aber nicht schweigen und wird zur Strafe in die berüchtigte Finsterwald-Schule versetzt. Ein paar kurze Momente in ihrer neuen Klasse, und sie erkennt sofort, dass sie von Monstern umgeben ist. Ein Traum könnte wahr werden – aber als einziger Mensch kapiert sie schnell, dass sie sich besser als Monster ausgeben sollte, denn Finsterwald ist das spiegelverkehrte Ebenbild von Lilienthal. Dort sind die Monster die Feindbilder, und in Finsterwald sind es die Menschen. „Menschen sind böse, ihr Blut ist eiskalt“, heißt es hier, und einmal pro Woche gibt es einen Menschenalarm.

Humor trifft auf Hintersinn

Das Essen in der Schulkantine mit Spinneneintopf, Grabwürmern und Stinkekäse ist nicht so ihr Fall, aber ansonsten findet's Mia ganz gut in Finsterwald, zumal sie direkt Freunde findet: den liebenswerten Oskar, der seinen Kopf abnehmen kann, und den vegan lebenden Vampirjungen Paprika, in den sich Mia gleich ein bisschen verknallt. Plötzlich geht Mia richtig gern zur Schule! Allerdings gibt es auch eine Rivalin, die Hexe Penelope, gegen die sich Mia zur Wehr setzen muss – und dann entdeckt Mia, dass der obskure Schulleiter van Vlad einen fiesen Plan ausheckt...

Die Geschichte selbst ist klug ausgedacht – mit viel Humor und genau der richtigen Portion Hintersinn. Denn natürlich geht es hier um Toleranz, Akzeptanz und das friedliche Miteinander, und auch darum, dass man manchmal Kompromisse eingehen muss, um aufeinander zuzugehen. Schließlich sind Mia und Marie, so gegensätzlich sie auch sein mögen, am Ende trotzdem Zwillingsschwestern, die sich lieben und brauchen. Lilienthal und Finsterwald sind wie die beiden feindlichen Seiten einer Medaille, die jeweils für sich selbst stehen wollen, aber doch zusammengehören.

Zwischen "Hotel Transsilvanien" und "Nosferatu"

Diese Message wird im Film so hübsch und beiläufig verpackt, dass nirgendwo auch nur die Spitze eines pädagogischen Zeigefingers sichtbar wird. Im Gegenteil: Es gibt jede Menge kleine Seitenhiebe auf eine Gesellschaft der Über-Angepassten, die es allen recht machen wollen. Ganz klar gehören die Sympathien nicht nur der einfallsreichen und sehr starrköpfigen Mia, die sich in ihrer neuen Umgebung im geklauten Outfit ihrer Schwester erfolgreich als „Tütü-Monster“ behauptet, sondern auch den zahllosen, einfallsreich gestalteten Monstern. In der Finsterwald-Schule dürfen alle so anders sein, wie sie eben sind und sein wollen, deshalb wird es dort auch niemals langweilig.

Einige Handlungselemente und Monstrositäten erinnern an das beliebte „Hotel Transsilvanien“, aber das ist kein Wunder. Auch für Werwölfe, Vampire und Hexen existieren schließlich mediale Normen und Regeln, die bereits jüngeren Kindern bekannt sind und mit denen hier – genau wie in Filmen für Erwachsene – auch gern mal freudvoll gespielt werden darf. Das gilt nicht nur für den vegan lebenden Vampir (siehe Ulrike Ottingers am 29. Oktober 2026 startender „Die Blutgräfin“), sondern auch für die gesamte Optik der Finsterwald-Schule, die mit ihren schiefen Wänden und gotischen Fenstern durchaus an expressionistische Stummfilm-Klassiker wie „Nosferatu“ oder „Das Cabinet des Dr. Caligari“ erinnern könnte – wäre da nicht eine ziemlich straighte Farbgebung in grünen und violetten Tönen und ein angenehmer Humor, der überall hervorblitzt.

Unter den Monstern der Finsterwald-Schule gefällt es Mia deutlich besser als im angepassten Lilienthal! Tobis Film
Unter den Monstern der Finsterwald-Schule gefällt es Mia deutlich besser als im angepassten Lilienthal!

Natürlich dürfen genrebedingt hier und da Anleihen an Harry Potter nicht fehlen, unter anderem in Gestalt eines ziemlich originellen Luftrennens mit Flughunden. Besonders gelungen sind allerdings die vielen kleinen Details sowohl in der Geschichte als auch in der Gestaltung. Da wäre zum Beispiel eine Love Story zwischen einer Ratte und einer Fledermaus, die sich im Hintergrund abspielt. Oder die scheinbar hingekritzelten, an Comics angelehnten Emanata, die zwischendurch um Mias Kopf herum auftauchen und so ganz nebenbei ihre Gefühle in Gestalt von Regenwolken, Sternchen, Herzen oder Ausrufungszeichen offenbaren. Hinzu kommt ein flotter Soundtrack zwischen Disco und Rockmusik, quasi als Sahnehäubchen (igitt, Menschenfraß!) auf dem ganzen Spektakel.

Fazit: Passend zu Halloween ist „Monster Mia“ ein fantasievoller, sehr amüsanter Animationsfilm, der nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene kurzweilige Unterhaltung bietet und angenehm beiläufig auch gesellschaftliche Themen wie Toleranz und Courage anspricht.

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