„Entschuldigen Sie, wir sind heute nur zu zweit...“
Die schweizerische Regisseurin Petra Volpe hatte nicht nur einmal mit ihren Werken die internationale Filmlandschaft aufgerüttelt. Ihr Film „Die göttliche Ordnung“ war unter anderem auch in Amerika erfolgreich. Ihr neuster Film jedoch könnte international einiges bewegen, zumindest ist das meine Hoffnung. „Heldin“ von 2025 setzt sich nämlich mit der maroden Situation der Pflege auseinander. Jeder weiß vermutlich, dass die Pflege nicht so läuft, wie sie soll, doch was wissen wir genau? Gerade Menschen, die nicht in dem Bereich arbeiten oder Freund*innen oder Familie haben, die aus dem Berufszweig kommen, werden sicherlich keine Ahnung haben von den teils katastrophalen Zuständen. Die Situation ist mehr als ernst und dennoch passiert nichts. Doch dieser Film könnte daran vielleicht etwas ändern, wenn er die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Umso glücklicher bin ich, dass „Heldin“ 2026 für den Oscar als bester internationaler Film nominiert ist. Und so wichtig die Thematik auch ist, mir war vor allem wichtig, dass diese auch gut rüber gebracht wird. Denn was nützt ein wichtiges Thema, wenn die Präsentation schlecht ist? Mit „Heldin“ ist das jedoch nicht der Fall! Ich hatte schon ein wenig Angst vor dieser schweizerischen, deutschen Produktion, da diese oftmals überhaupt nicht meinen Geschmack treffen. Die Ausnahmen sind sehr selten, aber „Heldin“ ist glücklicherweise eine dieser positiven Ausnahmen.
Die Story ist wunderbar simpel und doch kraftvoll: In einer Schweizer Klinik erleben wir die Spätschicht der jungen Pflegerin Floria Lind, mit welchen Patient*innen sie zu tun hat und welchem emotionalen Stress sie ausgesetzt ist. Denn an diesem Abend ist sie mit ihrer Kollegin und der Schülerin nur zu dritt. Trotz der Überforderung arbeitet sich die junge Frau durch den Alltag…
Spätestens am Ende des Films sollte jedem klar sein, was für eine wahnsinnige Arbeit in Krankenhäusern geleistet wird. Für Außenstehende (wie mich) wirkt das schon sehr schlimm, doch viele Pflegekräfte bewerteten die gezeigte Schicht als okay. Und tatsächlich sind die Zustände in anderen Einrichtungen (zum Beispiel der Altenpflege) noch viel schlimmer. Dass Regisseurin Volpe trotzdem einen relativ „normalen“ Tag zeigt, macht den Film umso echter und verhindert eine ausufernde Dramatik. Das Drama kommt nämlich von ganz allein. Und ich liebe es, dass wir nur diesen kleinen Ausschnitt gezeigt bekommen. Wir erfahren nicht, wie es mit den Patient*innen weiter geht oder mit dem Privatleben der Protagonistin Floria. Wir sehen nicht mal den ganzen Tag, sondern nur eine Spätschicht (im Englischen heißt der Film sogar „Late Shift“).
„Heldin“ erhebt trotzdem nie den moralischen Zeigefinger, ebenso verzichtet der Film auf eine zu düstere Aussage. Am Ende gibt es sogar einen Funken Positivität, den ich anfangs zwar als etwas zu kitschig angesehen habe, aber es ist irgendwie auch wichtig ein Gefühl der Hoffnung zu vermitteln, zumindest in meinen Augen. Denn so entstehen für mich die vielen emotionalen und tragischen Momente der Story. Nebenbei fühlt sich „Heldin“ aber auch wie ein Thriller an, was angesichts der Lage auch passt.
Sehr beeindruckt war ich von der Natürlichkeit des Films. Nicht nur die schauspielerische Leistung, auch die Dialoge waren erfrischend authentisch, ohne den furchtbaren, deutschen Pathos. Aus erster Hand weiß ich auch, dass die Abbildung des Alltags sehr echt ist, bis hin zu kleinen Griffen und Reaktionen. Dafür hatten Volpe und ihr Team mehrere Profis aus der Branche an ihrer Seite. Besonders Hauptdarstellerin Leonie Benesch schafft es auf beeindruckende Weise diese Natürlichkeit und Gewohnheit zu verkörpern. Sie ist sowieso das Herz des Films und liefert eine grandiose Leistung ab, so wie immer! Auch der restliche Cast ist extrem stark, bis hin zu kleinen Nebenrollen.
Ebenso wunderbar ist die realistische Darstellung der Patient*innen. Wir erleben hier keine klischeehaften Stereotypen wie in „Grey´s Anatomy“, sondern ganz normale Menschen. Viele sind respektvoll, manche möchten einfach nur nett sein und selbst wenn einer sich als anstrengender und arroganter Geselle outet, sehen wir hinter der Fassade eine gebrochene Seele. Und das ist am Ende die Portion Kitsch, die ich gern sehe in diesen Filmen!
Sowohl die Kameraarbeit (Judith Kaufmann) als auch die dezente, aber effektive Musikuntermahlung (Emelie Levienaise-Farrouch) sind toll und helfen die Geschichte kraftvoll zu erzählen!
Fazit: Ich bin wirklich beeindruckt und zutiefst gerührt von diesem Werk. Für mich ist „Heldin“ ohne Zweifel einer der besten Filme des Jahres und sicherlich einer der wichtigsten des Jahrzehntes. Petra Volpe zeigt uns hier, was an dem System falsch läuft und wie kurz wir vor einem Kollaps stehen. Der Film bezieht sich zwar auf eine Schweizer-Klinik, aber das Grundgerüst lässt sich natürlich auf alle Länder anwenden. Über all dem steht aber ein wirklich kraftvoller und berührender Film, der vollkommen zurecht die Nominierung für den Oscar verdient hat. Vielmehr hat er aber die Aufmerksamkeit aller Menschen verdient und sollte in meinen Augen auch in Schulklassen gezeigt werden. Absolut beeindruckend!