Ari
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Ari

Von Seepferdchen und Gründen, doch noch an eine Zukunft zu glauben

Von Michael Meyns

Viel wurde in den letzten Jahren diskutiert über die Vertreter der Generation Y, die zwischen 1981 und 1995 geboren wurden – zu einem Zeitpunkt also, in dem die von den Vorgänger-Generationen lange ignorierten Probleme der Welt allmählich unübersehbar wurden. „Wofür soll man leben, wenn demnächst doch die Klimakatastrophe droht?“, fragen sich etwa viele Millennials – und ernten dafür von älteren Semestern oft nur Unverständnis.

Léonor Serraille ist gleich mit ihrem Debüt „Bonjour Paris“, einer Art französischer Antwort auf „Frances Ha“, der Durchbruch gelungen. Nun erzählt sie – 1986 geboren und damit selbst Millennial – in ihrem dritten Spielfilm „Ari“ erneut eine Art Slacker-Geschichte und damit in ruhigen, behutsamen Bildern zugleich von den tatsächlich oder auch nur eingebildeten Problemen ihrer Generation. Ein wenig zu sanft ist das Ergebnis bisweilen geraten, Ecken und Kanten sucht man vergebens – doch am Ende mag man sich mit der anfangs verlorenen Hauptfigur freuen, dass sie wieder ein gewisses Maß an Lebensmut gefunden hat.

Nicht gerade grundschultauglich

Einer Grundschulklasse das Wesen des Seepferdchens nahe bringen zu wollen und dabei vom Zweiten Weltkrieg, Opium und sexuellen Abweichungen zu erzählen, mutet seltsam an. Kein Wunder, denn der Lehrer der Sechsjährigen ist Ari (Andranic Manet), ein weicher, übersensibler 27-jähriger Mann, der droht, am Leben zu verzweifeln. Nach seinem seltsamen Auftritt in der Klasse wird er für zwei Monate krankgeschrieben – für seinen alleinerziehenden Vater der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt.

Er schmeißt Ari raus. Der findet daraufhin Unterschlupf bei diversen Bekannten, kommt mal bei einem lesbischen Pärchen unter, dann bei einem wohlhabenden Kindheitsfreund, schließlich bei einem Kumpel aus ähnlichen sozialen Verhältnissen. Ein loser Reigen aus Typen entfaltet sich – unterschiedliche Vertreter der Generation Y, die auf die eine oder andere Weise mit sich, dem Leben und einer anscheinend aus den Fugen geratenen Welt kämpfen…

 Ist Ari (Andranic Manet) tatsächlich lebensuntauglich – oder einfach nur zu sensibel für seine Umwelt? Geko Films - Blue Monday Productions - ARTE France - PICTANOVO - Wrong Men - 2025
Ist Ari (Andranic Manet) tatsächlich lebensuntauglich – oder einfach nur zu sensibel für seine Umwelt?

Léonor Serraille hat „Ari“ im Rahmen eines Workshops an der Akademie für Dramatische Kunst in Paris gemeinsam mit Menschen dieses Alters erarbeitet. Sie hat mit etlichen jungen Schauspieler*innen gesprochen, sich ihre Sorgen und Ängste angehört und aus diesen Gesprächen einen Film entwickelt, der dementsprechend nur einer losen Struktur folgt. Nach und nach schüttet der Protagonist sein Herz verschiedenen Freunden und Bekannten aus, wofür er mal Verachtung, mal Zuwendung erfährt.

Wen das an Louis Malles „Das Irrlicht“ erinnert, darf nicht nur stolz auf seine filmhistorischen Kenntnisse sein, sondern hat auch recht: Der 1963 entstandene Film über einen Selbstmörder, der am Tag seines Todes noch einmal all seinen Freunden begegnet, um zu entscheiden, ob das Leben nicht vielleicht doch einen Sinn hat, wird von Serraille als dezidierte Inspiration für „Ari“ beschrieben.

Eine sanfte Entlassung in die Zukunft

Doch während es in dem französischen Klassiker am Ende tatsächlich zu einem Suizid kommt, wählt Serraille ein offeneres, optimistischeres Ende. So weinerlich und lebensunfähig seine Freunde bisweilen auch wirken mögen, im Laufe seiner Begegnungen beginnt Ari langsam einen Sinn zu sehen. Vielleicht sind es die vielen Kinder, auf die er im Laufe des Films trifft? Darunter auch seine eigene Tochter, von der er erst Jahre nach ihrer Geburt erfährt, die ihm am Ende dieses lose beobachteten Generationen-Porträts aber zeigt, wofür es sich trotz allem zu leben lohnt.

Fazit: Lose strukturiertes Porträt über die Generation Y, das nach Gründen fürs Weiterleben angesichts nagender globaler und persönlicher Probleme fragt – und eine überraschend versöhnliche Antwort findet.

Wir haben „Ari“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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