The Death Of Robin Hood
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Death Of Robin Hood

Abrechnung mit einer Legende

Von Christoph Petersen

Zumindest das mit den Bogenkünsten stimmt. Auf beachtliche Entfernung schießt Robin Hood (Hugh Jackman) einem flüchtenden kleinen Jungen in den Hinterkopf, sodass der Pfeil vorne durchs Auge wieder heraustritt. Wer beim Namen Robin Hood sofort an Errol Flynn („Robin Hood, König der Vagabunden“), Kevin Costner („Robin Hood – König der Diebe“) oder einen animierten Fuchs (Disneys „Robin Hood“) denken muss, wird sonst sein blaues Wunder erleben. Denn im Vergleich zur ersten Dreiviertelstunde von „The Death Of Robin Hood“ ist selbst Ridley Scotts betont rauer „Robin Hood“-Action-Blockbuster mit Russell Crowe im „Gladiator“-Berserkermodus geradezu harmlos.

Michael Sarnoski („A Quiet Place: Tag Eins“) demontiert die Legende vom Gesetzlosen aus dem Sherwood Forest, der mit seinen Gefährten den Reichen nimmt, um den Armen zu geben, nicht einfach nur – er zerfetzt sie regelrecht! Dieser Robin Hood hat jahrzehntelang Männer, Frauen, Söhne und Töchter gemeuchelt, ohne je wieder einen Gedanken an sie zu verschwenden. Inzwischen sind die Kinder und Enkelkinder seiner Opfer voller Rachedurst herangewachsen – und so muss der vermeintliche Volksheld auch sie töten, bevor sie ihm an den Kragen gehen. Aus diesem ewigen Kreislauf des sinnlosen Mordens scheint es in „The Death Of Robin Hood“ schlichtweg keinen Ausweg mehr zu geben.

Hugh Jackman ist das genaue Gegenteil von dem, wie man Robin Hood sonst aus Büchern und Filmen kennt! DCM / A24
Hugh Jackman ist das genaue Gegenteil von dem, wie man Robin Hood sonst aus Büchern und Filmen kennt!

Es ist gerade mal fünf Jahre her, seit Michael Sarnoski mit seinem Langfilmdebüt Begeisterungsstürme provoziert hat: In „Pig“ verkörpert Nicolas Cage den allein im Wald hausenden Rob, der nur widerwillig in die Zivilisation zurückkehrt, als sein geliebtes Trüffelschwein Apple entführt wird. Das klingt nach einer „John Wick“-Variante mit Ferkel statt Welpen, aber es kommt ganz anders: Statt roher Gewalt folgt kulinarische Sanftmut. Aus Rob wird nun Robin – und auch der Look samt wildem Vollbart und ungewaschenem langem Haar ist ähnlich. Aber schon auf dem Poster zu „The Death Of Robin Hood“ prangt es dick und fett: „Er ist kein Held!“

So verbirgt sich hinter der verlotterten Einsiedlerfassade diesmal auch kein überraschender Meisterkoch, sondern ein eiskalter Killer, der in seiner Gesetzesbrecherkarriere schon so viele Leben ausgelöscht hat, dass er sich an die allermeisten davon längst nicht mehr erinnern kann. Aber dann bekommt er doch noch einmal eine Aufgabe: Sein alter Kumpan Little John (Bill Skarsgård), der sich unter dem falschen Namen Edward inzwischen eine bürgerliche Existenz aufgebaut hatte, wurde enttarnt. Seither werden seine Frau und seine Tochter Margaret (Faith Delaney) als Geiseln gehalten. Des eigenen Lebens ohnehin überdrüssig schließt sich Robin Hood der Befreiungsmission an …

So viel Härte verkraftet nicht jeder

… und genau wie sein Nicht-Held macht auch Michael Sarnoski dabei absolut keine Gefangenen: Wenn Robin Hood Halsschlagadern durchtrennt oder Kehlen aufschlitzt, kriegt man es oft kaum mit, so schnell und präzise bewegt Hugh Jackman den kleinen Dolch. Aber es bleibt nicht bei solchen Schleich-Kills – und dann wird es richtig heftig. „The Death Of Robin Hood“ mag mit seinen rau-bedrohlichen Bildern der ungezähmt-felsigen Landschaften visuell an frühere A24-Produktionen wie „The Witch“, „The Green Knight“ oder „Lamb“ erinnern, aber wenn Robin und John die Familienfarm stürmen, dann machen sie eher dem „Terrifier“-Clown Konkurrenz – per Hand herausgerissener Unterkiefer inklusive.

In der Berliner Pressevorführung hat der offenbar unerwartete Gewaltgrad einige Kolleg*innen sehr schnell wieder aus dem Saal vertrieben. Dabei ist „The Death Of Robin Hood“ alles andere als ein plumpes Gore-Fest. Der Großteil des Films spielt stattdessen auf einer abgelegenen kleinen Insel, wo sich die Nonne Brigid (Jodie Comer) ebenso fürsorglich um ihren schwerverletzten, mysteriösen Patienten wie um den stattlichen Obstgarten kümmert. An diesem Ort der Heilung entwickelt sich „The Death Of Robin Hood“ zu einem intimen Drama rund um die Frage, ob Erlösung immer möglich ist – oder ob es nicht doch einen Punkt gibt, an dem man schlicht zu viel Schuld auf sich geladen hat.

Auch die herzensgute Schwester Brigid (Jodie Comer) scheint ein dunkles Geheimnis mit sich herumzutragen. A24 / DCM
Auch die herzensgute Schwester Brigid (Jodie Comer) scheint ein dunkles Geheimnis mit sich herumzutragen.

An dieser Stelle kommt dann auch die kleine Margaret – die wohl jeden Merida-Doppelgängerinnen-Wettbewerb für sich entscheiden würde – noch einmal ins Spiel. Verbitterte alte Männer, die plötzlich auf Kinder aufpassen müssen und dadurch womöglich noch einmal ins Leben zurückfinden – das kennt man natürlich aus dem Kino, man denke nur an Clint Eastwood im grandiosen „Gran Torino“.

Aber es ist eben was anderes, wenn einem nur wenige Minuten zuvor ausführlich erklärt wurde, dass dieser alte Grummel-Greis sein ganzes Leben lang selbst wehrlosen Kindern die Köpfe abgeschlagen hat. Da muss Hugh Jackman – er war gerade erst als treuguter Schäfer in „Glennkill: Ein Schafskrimi“ im Kino zu sehen – wirklich sein ganzes natürliches Charisma in die Waagschale werfen, um uns vielleicht nicht unbedingt auf seine Seite zu ziehen, aber doch zumindest ambivalente Gefühle im Publikum heraufzubeschwören.

Fazit: Eine in jeder Hinsicht gnadenlose Abrechnung mit der volkstümlichen Legende vom edlen Räuber, die mit ihrem saumäßig brutalen Auftakt direkt tief verstört, der in ihrer auf Erlösung abzielenden, deutlich betulicheren zweiten Hälfte aber ein wenig die Puste auszugehen droht.

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