„Every man... every man has to go through hell to reach paradise.“
Kaum einer kann menschliche Abgründe filmisch so gut erzählen, wie Martin Scorsese. Nicht umsonst sind einige seiner Filme gerade deswegen so große Klassiker geworden („GoodFellas“, „Taxi Driver“ oder „Shutter Island“). Doch Scorsese drehte auch abseits dieser Meisterwerke richtig starke Filme. Einer davon ist „Kap der Angst“ von 1991. Das Werk basiert auf einem Thriller-Roman von John D. MacDonald unter dem Namen „The Executioners“. Bereits 1962 wurde der Stoff jedoch verfilmt, unter selbem Namen („Kap der Angst“). Für die Neuverfilmung jedoch war zunächst Steven Spielberg vorgesehen, doch dieser gab das Projekt in die Hände seines Freundes Scorsese. Und kaum jemand war so gut für diesen Stoff geeignet. Scorsese orientierte sich bei der Umsetzung dieses düsteren Thrillers am großen Alfred Hitchcock, konnte aber seinen eigenen, gnadenlosen Stil wunderbar mit ein bringen. Das Ergebnis ist ein Psycho-Thriller der Extraklasse!
Als der Vergewaltiger Max Cady nach 14 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, sucht er seinen damaligen Verteidiger auf, Samuel Bowden. Bowden erinnert sich zunächst nicht an den tätowierten und dubiosen Mann, doch das ändert sich schnell als Cady anfängt Bowdens 15-jähriger Tochter nachzustellen…
Die Story ist so simpel, wie genial und hat mich direkt mitgerissen. Dabei beginnt alles recht harmlos und wir als Zuschauer sind genauso unwissend, wie Familienvater Sam. Doch genau wie Sam, werden wir immer mehr in einen düsteren Strudel gesogen. Dabei ist es leicht Cady als das pure Böse hinzustellen, was er in vielen Bereichen auch ist. Doch auch Sam, der als Anwalt eigentlich die höchste moralische Instanz sein sollte, entwickelt blutrünstige Gedanken. Und es ist wirklich clever, dass Cady das Gesetz und seine offensichtlichen Lücken ausnutzt, um Sam und seine Familie zu terrorisieren. So dreht Scorsese die beiden Protagonisten auf die andere Seite und die Grenze zwischen Recht und Unrecht verschwimmt zunehmend.
Das Finale ist dabei etwas over the top inszeniert, behält aber die Spannung und Intensität, die der Film die ganze Zeit über aufbaut. „Kap der Angst“ ist stellenweise nicht nur beängstigend realistisch, sondern auch traumatisierend, was nicht zuletzt an den großartigen Performances der Darsteller*innen liegt.
Der Cast ist fantastisch und Robert De Niro spielt hier eine seiner besten Rollen als diabolischer Max Cady. Ja, das soll schon was heißen bei einem De Niro, aber der Kerl war und ist noch ein Gigant in der Schauspielerwelt. Er ist Cady, er spielt ihn nicht und nie hat man Zweifel an seiner Performance. Nicht ohne Grund gab es hierfür eine Oscar-Nominierung. Aber auch Nick Nolte ist sehr überzeugend, ebenso wie Jessica Lange und besonders Juliette Lewis. Letztere erhielt ebenfalls eine Nominierung und das zurecht, denn sie spielt das junge, naive und rebellische Mädchen extrem überzeugend! Daneben gibt es sogar einen Gastauftritt von Gregory Peck, der im ersten Film von 1962 die Rolle als Bowden übernahm.
Visuell beeindruckt der Film mit einer glatten, aber auch rustikalen Kameraführung von Freddie Francis. Besonders einige der gewaltsamen Szenen sind überaus schockierend in Szene gesetzt. Scorsese und sein Kameramann schrecken vor blutigen Momenten nicht zurück, ganz im Gegenteil. Doch diese Momente braucht es auch, da man sonst keinen guten Eindruck von dem bekommt, zu was Cady fähig ist.
Scorsese orientierte sich wie bereits geschrieben an Hitchcock und das nicht nur in Bezug auf Story und Inszenierung, sondern auch optisch. Besonders die Arbeit mit Filtern, Farben und wilden Schnitten in essenziellen Momenten machen das deutlich.
Die Musik ist großartig und stammt sogar eins zu eins vom Originalfilm, aus der Feder von Bernard Herrmann. Elmer Bernstein arrangierte diesen neu für das Remake.
Fazit: „Kap der Angst“ ist einer der besten Filme des Jahres und auch heute noch extrem spannend und mitreißend. Scorsese zeigt uns, wie schnell die eigene Moral gebrochen werden kann und zu was Menschen fähig sind, wenn sie in eine Ecke gedrängt werden. Eine Story, die viele andere Filme benutzen, aber nur wenige wirklich meistern. „Kap der Angst“ hat sie gemeistert und bietet einen Psycho-Thriller, der nicht nur unter die Haut geht, sondern auch mit großartigen Schauspieler*innen, starker Optik und ebenso starkem Soundtrack aufwartet!