“Gegen die Wand” hat mich kalt erwischt und überrollt! Der Film ist so unmittelbar, so wuchtig und so heftig, dass es fast körperlich schmerzt. Das liegt zum großen Teil an den wirklich hervorragenden Schauspielern, zum anderen aber auch an dem starken Drehbuch, dass die beiden Kulturen, die sich hier treffen, ja aufeinander treffen muss man sagen, sehr nuanciert und pointiert abbildet. Birol Ünel spielt seinen Cahit so intensiv und unmittelbar, an der Grenze zum Method Acting. Den abgestürzten, hoffnungslosen und völlig desillusionierten Alkoholiker nimmt man im sofort ab, auch seine Entwicklung im Verlauf der Story ist jederzeit nachvollziehbar und glaubhaft. Ihm zur Seite gestellt ist Sibel Kekilli, die ebenfalls eine unfassbar beeindruckende Performance abgibt, kaum zu glauben, dass sie keinen Schauspielunterricht hatte.
Ihre Sibel ist gefangen im Korsett kultureller und familiärer Konventionen, ohne Möglichkeit, diesem Käfig zu entfliehen – außer durch eine Heirat, natürlich aber auch nur mit einem Türken. Ihre Verzweiflung ist so groß, dass sie sogar mehrfach einen Suizidversuch unternimmt. Dabei ist sie sich selbst noch gar nicht so sicher, wer sie überhaupt ist und wo sie hin will, letztlich ist es ihr dann auch egal, ob sie den “Penner” Cahut (so spricht er von sich selbst) oder irgendeinen anderen heiratet. Und kaum ist die Trauung vollzogen, zieht sie dann auch los und haut so richtig auf die Kacke. Und irgendwie weiß auch Cahut – wenn auch nur unbewusst – dass das auch sein Ticket raus aus der Finsternis sein könnte, vielleicht stimmt er deswegen zu...? Aber es kommt natürlich, wie es kommen muss, die beiden steuern auf die Katastrophe zu. Diese Art von Katastrophe kam zumindest für mich sehr überraschend, auch die Folgen davon sind zwar konsequent, aber nochmal viel schmerzhafter als der eh schon so ungemütliche Anfang. Und auch das Ende hält dann nochmal eine Überraschung bereit.
Regisseur Fatih Akin versteht es meisterhaft, den Clash of Cultures für uns erfahrbar zu inszenieren. Sibels Familie lebt offenbar schon länger in Deutschland (sie ist in Hamburg geboren), ist aber den orthodoxen Traditionen ihrer Heimat noch immer sehr verbunden. Vor allem ihr Vater zeigt sich streng und kompromisslos, was vor allem nach dem Twist der Geschichte mit allen impliziten Konsequenzen deutlich wird. Cahut seinerseits hat mit dem ganzen “Kanacken-Scheiß” (seine Worte!) nichts am Hut und will damit auch nichts zu tun haben. Er scheint sowohl deutsche als auch türkische Freunde zu haben, sein bester Kumpel ist aber offenbar auch Türke. Der Film zeigt uns auf sehr eindringliche und schmerzhafte Weise, was diese alten, aus der Heimat mitgebrachten Überzeugungen mit jungen Menschen in der nächsten Generation machen und wie sie so nur allzu schnell unter die Räder geraten. Gleichzeitig versteht es Fatih Akin, seine Themen ohne Urteil und ohne Pathos zu präsentieren, zu keinem Zeitpunkt ergreift er Partei, weder für die eine, noch für die andere Seite. Er geht dabei sehr respektvoll und einfühlsam vor, was diesen Film eben auch zu einem ganz besonderen Erlebnis macht, denn wie auch im richtigen Leben, gibt es auch in “Gegen die Wand” keine Antwort auf die brennenden Fragen und keine Katharsis für seine Figuren. Tragisch, traurig, und zugleich unfassbar schön.
Ein letztes Wort noch zur (nicht vorhandenen Synchronisation). Was dem Film oftmals negativ angekreidet wird, nämlich, dass die Türken türkisch sprechen (mit deutschen Untertiteln) ist wichtiges und unverzichtbares Stilmittel. Dadurch wird der Film erst so authentisch und unmittelbar erfahrbar, alles andere würde der Intention des Films gegenlaufen.
FAZIT: Fatih Akin liefert mit “Gegen die Wand” nichts Geringeres als ein Meisterwerk ab. Die Geschichte einer jungen Frau, die versucht, aus den durch ihre Familie vorgegebenen starren Konventionen auszubrechen und schmerzvoll die Konsequenzen erfahren muss. Getragen von zwei überragenden Schauspielern ist dieser Film unbedingt sehenswert und bekommt von mir klare 10 Punkte.