Es gab eine Zeit in Hollywood, da hat man es mit den Rechten von Tieren nicht ganz so genau genommen. Glücklicherweise sind diese Zeiten inzwischen weitestgehend vorbei. Eines der tragischsten Schicksale dürfte jedoch die Lebensgeschichte des Orang-Utans Joe Martin sein. Der Affen-Schauspieler trat zwischen 1914 und 1924 in mindestens 50 Stummfilmen auf. In einigen Quellen wird sogar angegeben, dass er in über 100 Filmen zu sehen war. Die genaue Zahl ist nicht mehr festzustellen, da viele der Werke aus dieser Zeit als verschollen gelten.
Gerade in humoristischen Kurzfilmen war er ein gern eingekauftes Gimmick, doch er war auch in Abenteuerfilmen zu sehen. Joe Martin war den Kontakt mit Menschen gewohnt, dennoch griff er im Laufe seiner Karriere immer wieder seine Trainer und Co-Stars an. Wir wollen euch hier einmal einen Einblick in die fragliche und ungewollte Karriere eines der außergewöhnlichsten Filmstars überhaupt geben. Es sei dabei angemerkt, dass die Daten und Eckpfeiler in Joe Martins Leben nur schlecht überliefert sind. Die Quellen widersprechen sich teilweise gegenseitig.
Anfänge in Hollywood
Laut zeitgenössischen Zeitungsberichten wurde Joe Martin irgendwann in den frühen 1910er-Jahren geboren – und wahrscheinlich bereits mit sechs Monaten von seiner Mutter getrennt. Das ist besonders schrecklich, da junge Orang-Utans bis zum Alter von acht Jahren in hohem Maße an ihre Mutter gebunden sind. Der Verkauf von jungen Orang-Utans bedingte so die Tötung der Mutter – ein grausames Verbrechen.
Über Singapur soll Joe Martin 1911 in die Vereinigten Staaten verschifft worden sein, wo er über Umwege seinen Weg zum Tiertrainer „Pop“ Saunders fand, der im Laufe seines Berufslebens Hunderte von Tieren kameratauglich trainierte und über den schließlich auch der Kontakt zu Universal hergestellt wurde – der Beginn einer außergewöhnlichen und überaus fragwürdigen Karriere.
Probleme im Jugendalter
Ähnlich wie Menschen durchlaufen auch Affen eine Pubertät – und damit gehen Probleme einher. Bei Joe Martin äußerten sich diese in aggressivem Verhalten. Er begann damit, Menschen und andere Tiere am Set körperlich anzugreifen – darunter beispielsweise auch den Regisseur Alfred„Al“ Santell („The Hairy Ape“) oder die Schauspieler*innen Dorothy Phillips („Man, Woman & Marriage“) und Edward Connelly („So This Is Marriage?“). Doch seine Wutausbrüche waren dabei nicht immer unbegründet, denn oftmals wurde er provoziert oder versuchte sogar Personen oder Tiere zu verteidigen.
Einer der ersten Fälle ereignete sich 1918. Hier behauptete der Universal-Sicherheitsmann Thomas G. Cockings, dass ihm Joe Martin 40 Mal ins Bein gebissen habe. Doch der Angriff war höchstwahrscheinlich provoziert worden, wie sich herausstellen sollte, denn Schauspieler und Regisseur Al Santell gab zu diesem Fall später folgendes Statement ab:
„Es gab eine Zeit lang einen Nachtwächter in der Menagerie, der auf seinen Runden immer eine Flasche bei sich trug, und ab und zu gab er Joe einen Drink. Aber eines Nachts, als er völlig durch den Wind war, gab er roten Pfeffer in den Whisky und, oh Mann, Joe wurde fast verrückt bei dem Versuch, den Mann zu erwischen... Aber er tut nie einer Frau oder einem Kind weh. Wenn wir Babys in den Tierkomödien einsetzen, sind sie bei ihm absolut sicher."
Universal Film Manufacturing Company
So sicher war Alfred Santell später dann übrigens selbst nicht mehr. Bei einem Vorfall im November 1919 griff Joe Martin seinen Regisseur nach einer Auseinandersetzung an, packte ihn am Knöchel und rollte ihn die Treppe hinunter. Die Folge: ein übel zugerichteter Arm, eine Schnittwunde an der Wange, ein verstauchtes Bein und zahlreiche Prellungen. Der Grund für den Streit war übrigens, dass Al Santell lautstark mit Joe schimpfte, da dieser eine Tür heftig zugeschlagen und damit das Set beschädigt hatte.
Flucht aus dem Zoo
Im Juli 1919 bracht Joe Martin aus seinem Käfig im Zoo aus – und hinterließ bei seiner Flucht eine Schneise der Verwüstung: Er demolierte nicht nur das Quartier eines Assistenztrainers, sondern ließ bei seinem Ausbruch auch 15 Wölfe und einen dressierten Elefanten frei, die ebenfalls für jede Menge Chaos sorgten. Nachdem er einige ihm gestellte Fallen geschickt aushebelte, wurde er schließlich am Ufer eines Bachs in der Nähe des Universal-Studios gefunden.
Eine der unterhaltsamsten Episoden dieser Flucht war Joe Martins Konfrontation mit einem Evangelisten, der an der Hauptstraße aus einem tragbaren Tabernakel auf Rädern zu seinen Gläubigen predigte. In einer William-S.-Campbell-Komödie hatte Joe Martin eine ähnliche Szene bereits spielen müssen – jedoch löste er hier die Kirchenversammlung auf. Anscheinend muss sich der Orang-Utan an diese Sequenz erinnert haben, denn er machte sich daran, die Glaubensgemeinschaft zu zerstreuen, bevor er seinen Weg fortsetzte.
Joe Martin: Ende der Karriere
Im Frühjahr 1922 mehrten sich die Schilderungen um das Karriereende von Joe Martin. Die Jahre in Gefangenschaft und vor der Kamera hatten endgültig ihren Tribut gefordert. Immer öfter fiel der „Star“ durch brutales und unberechenbares Verhalten auf – und schlug sogar nach Augenzeugenberichten einen anderen Affen an den Gitterstäben seines Käfigs tot. Und auch am Set wurde er zunehmend zu einer Gefahr. Bei einem Dreh brach er beispielsweise dem Schauspieler Edward Connelly den Arm und verstümmelte dessen Hand.
Dennoch wurde Joe Martin bis Ende 1923 vor die Kamera geholt, obwohl die Zusammenarbeit mit ihm zunehmend schwieriger wurde. Am 31. Dezember 1923 wurde Joe Martin dann an einen Zirkus verkauft. Der ungewöhnliche Filmstar verstarb 1931 – und blieb bis dahin in Gefangenschaft.
Ein tragisches Schicksal. Auch heute noch sind dressierte Tiere vor der Kamera zu sehen - inzwischen natürlich unter ganz anderen Voraussetzungen. Will Smith war beispielsweise großer Fan seiner Leinwandgefährtin in „I Am Legend“. Mehr dazu könnt ihr hier lesen:
"Eine brillante Schauspielerin": Will Smith war von diesem "I Am Legend"-Star tierisch beeindruckt