Dieser Artikel erschien ursprünglich am 5. Mai um 13.57 Uhr und wurde seitdem aktualisiert. Die Updates finden sich am Ende des Textes!
Das Zollgebaren von Donald Trump über die ersten Monate seiner Amtszeit stiftete auch so viel Chaos, weil niemand wusste, woran er wirklich ist. Ankündigungen erfolgten oft über Trumps eigenen Kurznachrichtendienst Truth Social, wurden dann irgendwie im Hauruckverfahren per Anordnung umgesetzt und dann auch wieder modifiziert oder zurückgenommen. Nun trifft es Hollywood – und löst dort Panik und größte Aufregung aus.
Laut dem Branchenmagazin Variety stecken die Bosse der großen Hollywood-Studio gerade mitten in Notsitzungen und -Calls, um zu eruieren, wie sie mit Donald Trumps neuester Zoll-Ankündigung umgehen sollen und was diese für ihre aktuellen und kommenden Kinostarts bedeutet.
Doch was hat der US-Präsident überhaupt gesagt? Und was steckt dahinter? Und warum kann dieser Zoll auch ganz konkrete Folgen für uns in Deutschland haben?
Das hat Donald Trump wortwörtlich gesagt
Auf seiner Plattform Truth Social hat Donald Trump am gestrigen Sonntagabend amerikanischer Zeit den folgenden, von uns übersetzen Post abgesetzt. Trumps Großschreibungen haben wir nicht verändert.
„Die Filmindustrie in Amerika STIRBT einen sehr schnellen Tod. Andere Länder bieten alle möglichen Anreize, um unsere Filmemacher und Studios aus den Vereinigten Staaten wegzulocken. Hollywood und viele andere Gebiete innerhalb der USA werden verwüstet. Dies ist eine konzertierte Aktion anderer Nationen und daher eine Bedrohung der nationalen Sicherheit. Es ist, zusätzlich zu allem anderen, Nachrichtenübermittlung und Propaganda! Daher ermächtige ich das Handelsministerium und den Handelsbeauftragten der Vereinigten Staaten, unverzüglich mit der Einführung eines 100% Zolls auf alle Filme zu beginnen, die in unser Land kommen und im Ausland produziert wurden. WIR WOLLEN, DASS FILME WIEDER IN AMERIKA GEMACHT WERDEN!“
Diese wirklichen Sachverhalte greift Donald Trump an
Wer sich mit dem Filmgeschäft beschäftigt, dem dürfte klar sein, was er vor allem angreift:
Es geht ihm um die Steueranreize, mit denen sich diverse Länder große Produktionen sichern wollen. Das meinte er mit „weglocken“ und der angeblich „konzertierten Aktion“ – wobei gerade letzteres nicht stimmt. Denn verschiedene Länder in Europa oder Kanada, aber zum Beispiel auch Australien, wo jeweils zahlreiche Hollywood-Produktionen entstehen, haben sich ganz sicher nicht verbündet, um US-Produktionen wegzulocken – ganz im Gegenteil. Sie stehen ihrerseits in Konkurrenz, um attraktive Anreize zu setzen.
Er adressiert aber ein durchaus vorhandenes Problem. Gerade seit dem großen Hollywood-Streik 2023 haben die Drehs in den USA deutlich abgenommen. Immer mehr US-Filme entstehen zu großen Teilen im Ausland. In Interviews im Anschluss an die Truth-Social-Ankündigung erklärte er so auch: „Regierungen geben tatsächlich große Summen. Sie unterstützen sie finanziell. Das ist in gewisser Weise eine Bedrohung für unser Land.“
Zur Wahrheit gehört aber natürlich auch, dass die US-Bundesstaaten selbst versuchen, die Produktionen im Land zu halten. Auch hier gibt es zahlreiche Steueranreiz- und Förderprogramme, um Produktionen dazu zu bringen, zum Beispiel in Georgia statt Kalifornien zu drehen.
Daneben greift Trump noch an, dass mit im Ausland produzierten Filmen Propaganda betrieben werde. Das dürfte aber eher ein Scheinargument sein, das vor allem bei seiner Basis zünden soll. Hollywood-Filme, die in London, Melbourne oder Berlin entstehen, haben keine andere Botschaft, als wenn sie in Los Angeles, New York oder Atlanta gedreht werden würden.
Welche Filme betrifft Trumps Zoll überhaupt?
Rätselraten herrschte direkt nach der Ankündigung aufgrund des Propaganda-Arguments erst einmal, ob Donald Trump vielleicht nur ausländische Filme, die nicht nur seit dem Oscar-Erfolg von „Parasite“ größeren Marktanteil in den USA haben, attackieren wollte. Doch es ist eigentlich ziemlich eindeutig, dass er auch und vor allem Hollywood-Filme meint, die wie zum Beispiel aktuell „Avengers 5: Doomsday“ in London oder „Avatar 3: Fire And Ash“ in Neuseeland gedreht wurden – also nicht in den USA. Diese Produktionen haben natürlich einen Großteil ihres Budgets in anderen Ländern und nicht in den USA ausgegeben.
Fraglich ist unter anderem aber, ob Trumps Zoll-Ankündigung Filme betrifft, die bereits abgedreht sind und in Kürze in den Kinos starten. Oder kann die Zoll-Ankündigung sich rein rechtlich nur auf kommende Produktionen beziehen, die erst jetzt produziert werden? Bekommt der in wenigen Wochen startende „Mission: Impossible 8 - The Final Reckoning“ also überhaupt die Nachteile des neuen Zolls zu spüren?
Der Actioner mit Tom Cruise ist ohnehin ein interessantes Beispiel. Trump attackiert in erster Linie Filme, die aus Kostengründen im Ausland gedreht werden. Bei „Mission: Impossible 8“ dürften Teile des Films deswegen in England entstanden sein. Aber was ist mit den Drehs rund um den Globus, weil das weltumspannende Agenten-Abenteuer eben England, Malta, Südafrika, Italien oder Norwegen auch als Schauplätze braucht? Greift dann trotzdem der Zoll oder gibt es dafür Ausnahmen? Mittlerweile (siehe Update #3 am Ende dieses Artikels) wurde klargestellt, dass die Zölle nur Produktionen betreffen sollen, die in den USA hätten gedreht werden können, aber nicht wurden.
Das wird in Einzelfällen natürlich immer noch für Diskussionen sorgen. Wer entscheidet, wann ein Auslandsdreh storybedingt war und wann ein finanziell motivierter Drehort? Schließlich gibt es auch genug Fälle, wo aus Kostengründen bereits im Drehbuch der Schauplatz geändert wird und wir dann eine storybedingte Location haben.
Auch wenn sich unser Artikel sehr auf Hollywood-Blockbuster fokussiert, darf nicht unerwähnt bleiben, dass es auch und vor allem ein großes Problem für das Independent-Kino und wirklich ausländische Filme ist. Verleiher, die sich womöglich auf den Import von ausländischen Filmen spezialisiert haben, sehen ihr komplettes Geschäftsmodell gefährdet. Titel aus Deutschland oder Südkorea dann in den USA zu zeigen, könnte ein Ding der (finanziellen) Unmöglichkeit werden. Aber auch hier herrscht Unsicherheit, weil so viel unklar ist.
Wie äußert sich ein Zoll von 100 % (oder mehr)?
Eine wichtige Frage ist: Was bedeutet es überhaupt, dass ein Zoll von 100 % auf einen Film erhoben wird? Bei einem physischen Produkt, zum Beispiel einem Auto, welches in die USA eingeführt wird, ist es kein Problem, einen Zoll auf die Einfuhrsumme aufzuschlagen. Doch ein Film wird ja nicht physisch eingeführt, kommt nicht über einen Hafen oder per Luftpost ins Land, um dann verzollt zu werden. Wird einfach eine Summe auf den Kinoticketpreis aufgeschlagen? Verdoppelt sich dieses? Nein, so wird es nicht sein, wie mittlerweile klargestellt wurde, nachdem es anfangs viel Rätselraten gab.
Die Zölle sollen auf jene Summen aufgeschlagen werden, welche Produktionen im Ausland als Steueranreize bekommen haben. Denkbar seien dabei aber auch Zölle von bis zu 120 %, heißt es mittlerweile.
Nehmen wir mal als fiktives Rechenbeispiel einen Hollywood-Film, der in Großbritannien gedreht wird. Das Land lockt Filme mit dem Versprechen an, dass sie bis zu 25,5 % ihrer Investitionen vom Staat zurückerhalten. Der Einfachheit halber rechnen wir hier jetzt mal mit 25 %. Gehen wir davon aus, dass für diesen Film 100 Millionen Dollar ausgegeben werden. Das Budget wäre dann bei 75 Millionen Dollar gewesen, denn man hätte 25 Millionen Dollar vom britischen Staat zurückerhalten. Bei einem Zoll von 100 % müsste das Studio aber diese 25 Millionen Dollar wieder an die US-Behörden abdrücken. Das Budget würde sich also auf 100 Millionen Dollar erhöhen. Dieser fiktive Film müsste also künftig mehr Geld einspielen, um profitabel zu werden.
Wie hoch diese Summen bei großen Blockbustern wie den eingangs erwähnten „Avengers: Doomsday“ oder „Avatar: Fire & Ash“, bei denen schon steuerbereinigte Budgets von 400 oder sogar 500 Millionen Dollar kursieren könnten, veranschaulicht einer der wenigen Filme, für welche wir genaue Zahlen haben. Im folgenden Artikel haben wir uns eine Berichterstattung über die absurd hohen Zahlen für „Jurassic World 3: Ein neues Zeitalter“ angeschaut:
583,9 Millionen Dollar Kosten! "Jurassic World"-Spektakel soll der teuerste Film aller Zeiten sein!Dort wird berichtet, dass das Dino-Abenteuer satte 114,8 Millionen Dollar als Steuervergünstigungen vom britischen Staat zurückbekommen hat. Das würde das Budget also schon sehr massiv erhöhen.
Das Argument, es sind ja Kosten, die bislang schon anfallen, zieht nicht. Denn die Studios kalkulieren mit diesen Rückzahlungen, daher sind sie nicht Teil des finalen Budgets. Das große Problem ist folglich, dass die Studios mehr Geld wieder einspielen müssen – und wie bei allen Zöllen trifft das am Ende uns. Preise würden sich erhöhen – und das heißt am Ende dann Kinotickets. Und hier werden sich die Studios sicher nicht nur auf die USA beschränken, sondern, wenn es so weit kommen sollte, dann weltweit höhere Preise verlangen.
Wie die Zölle berechnet werden, wenn man einen ausländischen Film (zum Beispiel aus Deutschland) für die US-Auswertung einkauft, ist noch nicht bekannt.
Der Zoll-Fehlglaube: Es wird dann nicht plötzlich alles in den USA gemacht!
Donald Trump und seine Anhängerschaft argumentieren immer gegen Preiserhöhungen als logischen Schritt. Schließlich müssten alle nur ihre Produktion in die USA verlegen. Doch das ist ein großer Irrglaube, weil es oft nicht das nötige Know-How, die Ausgangsrohstoffe oder einfach nur die reine Anzahl an Arbeitskräften gibt, um in den USA zu produzieren. Das lässt sich auch eins zu eins auf Filmdrehs sowie die jeweiligen Nachproduktionen, die natürlich auch erfasst sind, übertragen.
Da reden wir gar nicht einmal darüber, dass bestimmte Filme im Ausland gedreht werden müssen, wenn sie uns glaubwürdig erzählen wollen, dass James Bond die ganze Welt rettet (siehe oben). In Malta und Großbritannien gibt es zum Beispiel gigantische Wassertanks für den Dreh von Szenen auf dem offenen Meer, die so in den USA nicht vorhanden sind und auch nicht so schnell (wenn überhaupt) nachzurüsten sind.
Spezialeffekte-Spezialisten existieren in Studios rund um die Welt (ganz berühmt zum Beispiel der Weta Workshop in Neuseeland) und lassen sich nicht so einfach in die USA verfrachten. Entsprechend geschulte Leute in den USA auszubilden würde Jahre dauern und scheitert schon daran, dass es dort dafür gar nicht genug Menschen gibt. Wie werden diese Filme dann behandelt, wenn sie Steueranreize für ihren Dreh in Neuseeland oder auf Malta bekommen? Gelten sie als Filme, die in den USA hätten gedreht werden können (wenn halt auch in schlechterer Qualität)?
Ein Hollywood-Star mischt im Hintergrund mit!
Übrigens hat der Hollywood-Schauspieler Jon Voight (u. a. bekannt aus „Mission: Impossible“ sowie Klassikern wie „Asphalt-Cowboy“ und „Runaway Train“) im Hintergrund eine Rolle bei Trumps Plänen gespielt.
Gemeinsam mit Sylvester Stallone und Mel Gibson wurde Voight Anfang Januar von Trump zum „Special-Hollywood-Botschafter“ ernannt. Die drei sollten dafür sorgen, dass das US-Kino wieder zurückkehrt. Während nicht bekannt ist, ob Stallone und Gibson in dieser Rolle schon irgendwie groß tätig waren, hat Voight in den vergangenen Wochen zahlreiche Treffen u. a. mit Gewerkschaften absolviert. Dabei wollte er herausfinden, warum viele Filme bzw. Filmbestandteile nicht mehr in den USA produziert werden.
Auch TV-Serien betroffen!
Klarheit bei allen offenen Fragen müssen am Ende US-Handelsministerium und der Handelsbeauftragten liefern. Sie wurden von Trump schließlich mit der genauen Umsetzung seiner Agenda beauftragt. Auch erst durch die daraus resultierende Gesetzgebung treten die Zölle in Kraft – noch nicht durch eine Ankündigung per Social Media.
Eine Frage, die zu Beginn bei vielen für Stirnrunzeln sorgte, ist mittlerweile geklärt: Auch wenn Trump nur Filme angegriffen und nicht TV-Serien erwähnt hat, gelten die Regeln auch für diese. Dort ist schließlich die Auslandsflucht ein eigentlich viel größeres Problem. Während viele Filmproduktionen zwar Steueranreize gerne mitnehmen, aber den Auslandsdreh aufgrund von Schauplätzen, Studio-Möglichkeiten (siehe die Wassertanks) oder besonderer Expertise brauchen, ist es bei vielen TV-Serien üblich, einfach in Kanada zu drehen und das als Double für eine US-Großstadt zu nutzen, weil es einfach billiger ist.
Noch fraglich: Darf Trump das überhaupt?
Auf ein grundsätzliches Problem wollen wir auch noch hinweisen. Es ist fraglich, ob Donald Trump überhaupt die Macht hat, diese Zölle festzulegen. Das Büro des Gouverneurs von Kalifornien und damit der Heimat Hollywood hat bereits mitgeteilt, dass nach ihrer Rechtsauffassung Trumps Regierung eine entsprechende Umsetzung gar nicht möglich ist. Sollte diese es trotzdem versuchen, würde sich wahrscheinlich ein Rechtsstreit anschließen.
Update #1: "Noch keine endgültige Entscheidung über Zölle"
Update vom 5.5., 18.15 Uhr: Nach einer langen Unruhe hat sich mittlerweile das Weiße Haus gemeldet und darauf verwiesen, dass noch „keine finale Entscheidung“ über die Zölle für Filme getroffen wurde.
„Auch wenn noch keine endgültigen Entscheidungen über Zölle auf ausländische Filme getroffen wurden, prüft die Regierung derzeit alle Optionen, um Präsident Trumps Anweisung umzusetzen, die nationale und wirtschaftliche Sicherheit unseres Landes zu schützen und gleichzeitig Hollywood wieder großartig zu machen,“ teilte dabei der Sprecher Kush Desai in einem Statement mit.
Update #2: Jon Voight sorgt noch nicht für Licht im Dunkeln
Update vom 6.5., 9.20 Uhr: Bei einem Besuch in Donald Trumps Luxusanwesen hat Schauspieler Jon Voight bestätigt, dass er an den Plänen des Präsidenten beteiligt ist. Es gehe darum, wie man Hollywood „retten“ könne. Seine Pläne hat er am nächsten Tag noch mal konkretisiert (siehe Update #3)
Auch Donald Trump hat in diesem Zusammenhang plötzlich moderatere Töne gewählt. Er wolle Hollywood helfen, nicht es schädigen. Für Beruhigung in Hollywood hat er damit aber wohl vorerst noch nicht gesorgt. Im Gegenteil: Die Verunsicherung soll aufgrund eines wahrscheinlichen Schlingerkurses groß sein – vor allem da immer noch überhaupt nicht auf viele der Fragen eingegangen wird, die wir auch in diesem Artikel aufgeworfen haben. Laut Deadline gibt es aktuell auch noch keine Pläne für ein Meeting von Hollywoods Studio-Bossen mit Trump.
Update #3: Jon Voight präsentiert detaillierten Plan – auch für Serien
Update vom 7.5., 17.55 Uhr: Jon Voight hat mittlerweile weitere Details zum Plan veröffentlicht, was man machen will. Dabei hat er klargestellt, dass auch TV-Serien betroffen sind, was zuerst unklar war.
Zudem hat er erklärt, wie die Zölle funktionieren sollen. Sie sollen auf jene Summen aufgeschlagen werden, welche Produktionen im Ausland als Steueranreize bekommen haben. Sie könnten dabei aber sogar bis zu 120 % hoch sein. Die Zölle sollen Produktionen betreffen, die in den USA hätten gedreht werden können, aber nicht wurden. Das dürfte im Einzelfall zu Streitfragen führen, schafft aber immerhin etwas Klarheit. Ein „James Bond“-Film, der auf Drehs rund um die Welt angewiesen ist, wird dafür nicht mit Zöllen belegt.
Für Aufsehen sorgte Jon Voight mit der Ankündigung, die sogenannten fin-syn-Regeln wieder einzuführen. Diese existierte bereits von 1970 bis 1993 und verbot den damals drei großen US-Sendeanstalten selbst die Rechte an den für sie produzierten Inhalten zu halten. Dadurch begann ein goldenes Zeitalter für unabhängige TV-Produktionsfirmen. Heute scheint eine Rückkehr zu diesem Modell undenkbar – gerade angesichts einer vielfältigeren Medienlandschaft mit großen Streamingdiensten wie Netflix.