Die Geschichte eines fälschlich inhaftierten Mannes, der große Folter erdulden muss, bietet enormes cineastisches Potential in mehreren Genres. Wäre sie ein adrenalingeladener Mix aus Abenteuer und Action, würde es wohl niemanden überraschen, sollte sie zudem zum Superhit werden. Vor allem aus heutiger Sicht, da Balanceakte aus Thrill und Unterhaltung oft die Kasse klingeln lassen.
Eine dramatische Nacherzählung eines solchen Lebens wie in „Papillon“ würde man heute eher als Kino-Achtungserfolg erwarten – oder direkt als (Mini-)Serie im Streaming. In den 1970ern galten jedoch andere Kino-Gesetzmäßigkeiten. Solcher Wandel bezüglich Geschmäcker, Kinogewohnheiten und Konsumverhalten liegt in der Natur der Sache. Dennoch ist es rückblickend erstaunlich, wie erfolgreich „Papillon“ war:
Das Drama mit Steve McQueen und Dustin Hoffman erreichte in den deutschen Kinos mehr Menschen als der Original-„Star Wars“! Und heute, am 12. September 2025, läuft „Papillon“ ohne Werbeunterbrechungen im Fernsehen – ab 22.45 Uhr im BR!
Darum geht es in "Papillon"
Marseille in den 1930er-Jahren: Kleingauner Henri Charriere (Steve McQueen), genannt „Papillon“, landet unschuldig in einer Strafkolonie in Französisch-Guyana. Auf der sogenannten „Teufelsinsel“ soll er für einen Mord büßen, den er nie begangen hat. Das Einzige, was Papillon davon abhält, komplett zu verzweifeln, sind seine Fluchtpläne.
In die weiht er einen Mitinsassen ein: Geldfälscher Louis Dega (Dustin Hoffman). Nach langem Zittern scheint Papillons Plan eines Tages wie geschmiert zu laufen. Doch dann kommt es zu einem gewaltigen Rückschlag. Kann Henri sich davon erholen und Mut für einen weiteren Fluchtversuch sammeln?
Ein wahrer Ausnahmeerfolg!
Mit sensationellen 8,5 Millionen verkauften Eintrittskarten ist das von Franklin J. Schaffner inszenierte Historiendrama „Papillon“ nicht nur Deutschlands größter Kinoerfolg des Jahres 1973. Die vor Staub, Schweiß, Schmutz, Siff und Elend triefende Geschichte ist noch immer auf einem beachtlichen Platz in der ewigen Bestenliste der größten Kinohits. Ganz konkret befindet sich „Papillon“ auf Rang 67 der meistbesuchten Filme seit 1958 – und damit unter anderem über „E.T. – Der Außerirdische“ (erreichte 8,33 Millionen) und „Krieg der Sterne“ (erreichte 8,19 Millionen)!
Allein schon aus filmhistorischer Neugier ist es spannend, sich „Papillon“ (erstmals oder wieder) anzuschauen – schließlich gibt es weniger als 70 Geschichten, die in Deutschland noch mehr Menschen ins Kino lockten. Das will geschätzt und bewundert werden. Zumal „Papillon“ selbstbewusst einen Gros seines Abenteuer- und Thrill-Potentials links liegen lässt. Schaffner und die Drehbuchautoren Lorenzo Semple Jr. („Batman hält die Welt in Atem“) sowie Dalton Trumbo („Ein Herz und eine Krone“) legen den Schwerpunkt auf die Dynamik zwischen Henri und Louis.
Schweiß, Dreck, Freundschaft und ein wenig Hoffnung
Diese zeitlos erzählte Freundschaft voller Widerhaken ist letztlich der Hauptgrund, dass „Papillon“ weit mehr ist als ein Kuriosum der Kinochart-Historie: McQueen als zielstrebiger, verschlagener sowie tatkräftiger Kerl und Hoffman als sein hoch intelligenter, aber auch neurotisch-passiver, nahezu willenloser Kompagnon sind ein ungleiches Duo. Nicht aber im Buddy-Action-Sinne. Sie sind kein sich Sprüche um die Ohren hauendes Doppel, das sich ununterbrochen gegenseitig anregt, über den eigenen Schatten zu springen.
Viel mehr geht es im Film darum, ihnen zuzuschauen, wie sie aus einer Zweckfreundschaft blindes Vertrauen formen und eine nahezu wortlose Kommunikation entwickeln. Die zwei Freunde halten sich trotz unterschiedlicher Lebensziele und völlig entgegengesetzter Mechanismen, mit ihrer niederschmetternden Lage umzugehen, emotional über Wasser. Das ist eine bewegende Komplizenschaft, die dennoch nicht vom sie umgebenden Grauen ablenkt.
Die FSK-Freigabe ab 16 Jahren, die „Papillon“ weiterhin trägt, ist angesichts heutiger Sehgewohnheiten keineswegs ein Muss. Dennoch ist sie noch immer nachvollziehbar – nicht aufgrund irgendwelcher für junge Teenager unzumutbarer Gewaltspitzen. Sondern weil Schaffner sein Publikum so effektiv in eine Welt der Härte versetzt, in der Körperkräfte zerschunden und geistige Kräfte durch Verzweiflung gebrochen werden. Die Bildsprache von „Papillon“ sorgt dafür, dass Hoffnung wie Schweiß davon fließt und die langen, langen Strecken ohne Filmmusik provozieren ein Gefühl des Verlorenseins.
Wenn Jerry Goldsmiths sehnsüchtig-romantischen und exotisch arrangierten Impressionen auftauchen, verschmelzen in ihnen das karibische Setting und ferne Erinnerungen an Papillons Heimat. Sie machen die seelische Desorientierung der Hauptfigur deutlich, wirken in ihrer Harmonie und melodischen Greifbarkeit jedoch zugleich wie ein Rettungsring in einem Meer des Kummers. Die Musik ist daher ein wertvoller Beitrag zu „Papillon“, schließlich verhindert sie, dass wir uns einen raschen Gnadenschuss von einem Ende wünschen. Sondern zehrend darauf warten, dass dieser Schmetterling endlich seine Flügel ausbreitet...
Wenn das noch nicht genug war, haben wir im folgenden Beitrag einen weiteren aufwühlenden, hervorragenden Filmtipp für euch:
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Dies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.