TV-Premiere ohne Werbung: Intensives, knallhartes und emotionales Psycho-Drama hinter Kasernenmauern
Oliver Kube
Oliver Kube
-Freier Autor & Kritiker
Das deutschsprachige Gegenwartskino ist oft deutlich besser als sein Ruf. Oliver Kube fallen aktuell u. a. "Rose", "Vier minus drei", "Silent Friend" und "Der Tiger" als Belege dafür ein.

Seid ihr bereit für eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen zwei Charakteren, die ihr nach dem Genuss des Films so schnell nicht wieder aus dem Kopf bekommen werdet? Dann schaltet heute Abend zur Primetime euer Fernsehgerät für „Eismayer“ ein.

Das abendfüllende Regiedebüt des für seine Kurzfilme vielfach ausgezeichneten David Wagner basiert auf einer wahren Geschichte – was das exzellent gespielte Werk nur noch berührender macht.

Eismayer“ läuft am heutigen 19. September 2025 um 20.15 Uhr auf arte. Eine Wiederholung folgt in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober um 0.05 Uhr. Zudem steht der Film aktuell als Gratis-Stream in der Mediathek des Senders zur Verfügung. Zum immer wieder schauen ist der FSK-12-Titel auch als DVD erhältlich:

"Eismayer": Das ist die Story

1999: Vizeleutnant Charles Eismayer (Gerhard Liebmann) ist Ausbilder beim österreichischen Bundesheer und das, was man einen „harten Hund“ nennt. Das Alpenpendant von Gunnery Sergeant Hartman aus „Full Metal Jacket“ kennt kein Pardon. Wer von seinen Untergebenen nicht zu 100 Prozent spurt, wird gnadenlos vor versammelter Truppe zur Minna gemacht. Kein Wunder, dass die Rekruten in ständiger Angst vor seinen cholerischen Ausbrüchen leben.

Doch Eismayer hat ein Geheimnis, das er bisher nicht nur in der Kaserne, sondern auch daheim vor seiner Ehefrau Christina (Julia Koschitz) und dem gemeinsamen Sohn verbergen konnte: Er ist schwul. Was niemand wissen darf, denn diese Eigenschaft ist mit Eismayers Vorstellungen davon, wie ein Mann und erst recht ein Soldat zu sein hat, nicht vereinbar. Doch dann wird ihm eines Tages der offen homosexuelle Mario Falak (Luka Dimić) unterstellt und Eismayers streng reglementierte Gedankenwelt gerät ins Wanken …

Eismayer
Eismayer
Starttermin 1. Juni 2023 | 1 Std. 27 Min.
Von David Wagner (II)
Mit Gerhard Liebmann, Luka Dimic, Julia Koschitz
User-Wertung
3,1

Ein Macho in Uniform

Regisseur und Drehbuchautor David Wagner zeichnet eine stimmige Welt im Kleinen, indem er uns mit der Titelfigur glaubhaft einen Mann präsentiert, der voller Widersprüche ist. Er will sich seine eigene Natur nicht erlauben und lässt deshalb seine daraus resultierenden Frustrationen nicht nur an sich selbst aus, sondern vor allem an denen, die ihm untergeordnet sind.

Eismayer wird sehr überzeugend von Gerhard Liebmann („M - Eine Stadt sucht einen Mörder“) verkörpert, der uns einerseits abschreckt, andererseits aber auch mit ihm fühlen lässt. Warum er sich selbst nicht zugestehen will, zu sein, wie er ist, wird im Film nicht ausdrücklich gesagt. Homosexualität war zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr verboten und scheint auch kein Problem innerhalb des Militärs zu sein. Indem wir die Titelfigur erleben und beobachten, können wir es uns aber nach und nach selbst erschließen, was den Macho in Uniform umtreibt. Liebmann macht das hervorragend, indem er uns nach und nach kleine Risse in der Fassade zeigt, ohne dass die Figur diese plump zur Schau stellen würde.

Luka Dimić („Die Toten vom Bodensee“) mag den auf den ersten Blick einfacheren Job haben, ist aber ausgesprochen effektiv in seinem Auftreten. Und auch Julia Koschitz („Der Vierer“), deren Figur zunächst keine Ahnung hat, was um sie herum passiert, trägt viel dazu bei, dass wir die Entwicklung Eismayers verstehen und nachvollziehen können. Wir fühlen mit ihr, ahnen, was in ihr vorgeht, und können ihre letztendliche Reaktion begreifen.

Das ist alles sehr emotional und erfreulich arm an Klischees. „Eismayer“ ist ein Film, über den man nach dem Anschauen sicher noch eine ganze Weile nachgrübeln kann und der auch Jahre nach dem ersten Genuss immer mal wieder in der Gedankenwelt auftaucht. Der Verfasser dieses Artikels empfiehlt euch, ihn einzuschalten. Allein die Performance von Gerhard Liebmann sollte jedem Filmfan die Investition von knapp 90 Minuten wert sein.

„Eismayer“ wurde übrigens mit vier Österreichischen Filmpreisen (Beste männliche Hauptrolle, Beste männliche Nebenrolle, Bestes Drehbuch, Beste Musik) und dem Deutschen Schauspielpreis 2023 für Liebmann ausgezeichnet. Zudem erhielt der Streifen noch zahlreiche weitere Ehrungen – unter anderem bei den renommierten Filmfestspielen von Venedig.

Ganz andere, aber ebenso berührende Emotionen gibt es im folgenden Streaming-Tipp von FILMSTARTS-Autor Michael Gasch zu erleben:

Heute Abend streamen: Einer der besten und gefühlvollsten deutschen Filme der letzten Jahre

*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.

facebook Tweet
Das könnte dich auch interessieren