„Stiller“ zählt zu den größten und wichtigsten Romanen im Schaffen des schweizerischen Autors Max Frisch. Das Buch galt lange als unverfilmbar. Nun hat Regisseur Stefan Haupt mit „Stiller“ das Gegenteil bewiesen. Das Identitätsdrama startet am 30. Oktober 2025 in den Kinos und könnte durch sein Thema, welche Rolle wir in der Gesellschaft spielen möchten und wie stark der Mensch letztlich vor sich selbst flieht, aktueller kaum sein.
Anlässlich des Kinostarts von „Stiller“ hatte FILMSTARTS-Redakteur Pascal Reis die Möglichkeit, ein ausführliches Interview mit Hauptdarsteller Albrecht Schuch zu führen. Darin gewährt der vielfach ausgezeichnete Schauspieler nicht nur Einblicke, wie er sich der komplexen Rolle im Film angenähert hat, sondern erzählt auch über Einsamkeit, die Enge von Zürich und was es bedeutet, sich selbst entkommen zu wollen.
Immer noch ein brandaktueller Stoff
FILMSTARTS: Für dich ist die Stimme bei der Schauspielerei ein ganz entscheidendes Instrument. Wie hast du dich in die Sprache von James Larkin White aka Anatol Stiller hineingearbeitet
Albrecht Schuch: Ich dachte irgendwie, dass dieser Anatol diese Unsicherheit, diese Unzufriedenheit sich selbst gegenüber, dass er irgendwie etwas Fahriges, Nach-Unten- Schauendendes hat, was sich auch in der Stimme widerspiegelt. Ganz im Gegensatz zu diesem ja doch sehr selbstbewussten White, der ja auch sehr geprägt ist vom Amerikanischen, wenn er deutsch spricht.
Wir haben dafür auch einen Amerikaner konsultiert, der in Österreich lebt. Mit dem habe ich herum gesponnen und letztendlich haben wir es immer wieder austariert. Manchmal war es zu viel, manchmal zu wenig. Wir haben bis in die Nachsynchronisation an der Stärke des Akzents von White herum justiert. Es war ein stetiger Prozess.
FILMSTARTS: Der also auch beim Drehen immer weiterentwickelt wurde?
Albrecht Schuch: Absolut. Die erste Szene mit Dialog, die wir gedreht haben, war zwischen Julika (Paula Beer) und White. Sie sitzen beim Essen und wir haben eine Version gemacht, wo der Akzent sehr stark ist und dann wieder eine, wo er weniger stark ist. Man probiert sich aus, weil wir alle ein unterschiedliches Empfinden haben, was zu viel und was zu wenig ist. Irgendwann haben wir dann eine Mitte gefunden.
FILMSTARTS: Hat dich an dem Film gerade die Mischung aus Identitätsdrama und Thriller gereizt?
Albrecht Schuch: Mich hat die krasse, drastische, existentielle Entscheidung gereizt, also dieses: Ich flüchte, ich habe keinen Bock mehr auf mich, ich möchte mich auslöschen, ich widere mich so sehr an, dass es nur einen einzigen weiteren Schritt geben würde, nämlich den Freitod. Man verletzt ja so viele Menschen, wenn man verschwindet, man hinterlässt ja auch Traumata. Aber es ist auch eine Art letzter narzisstischer Schritt hin zu einem Ich, das nicht mehr Ich-zentriert ist, sondern offener.
FILMSTARTS: Genau das macht den Stoff ja auch so aktuell, die Fragen: Wer bin ich, wer möchte ich sein, was wird mir zugeschrieben und wovon kann ich mich noch lösen?
Albrecht Schuch: Da hast du zu 100 Prozent Recht.
Ist Schauspielerei auch eine Form von Flucht?
FILMSTARTS: Wie sehr steckt dieses Ich-Flüchte-Vor-Mir-Selbst auch in deiner Auffassung von Schauspielerei? Wie zerrissen muss man selber sein, um dieser Rolle nahezukommen?
Albrecht Schuch: Ich glaube, man muss überhaupt nicht zerrissen sein. Man muss nur in der Lage sein, zerrissene Persönlichkeiten zu verstehen. Man muss es schaffen, sich mit solchen Menschen auseinanderzusetzen und empathisch genug sein, um eine Vorstellung davon zu bekommen. Zuhören ist der größte Schlüssel. Der Beruf verändert sich ja kontinuierlich, auch für mich. Früher habe ich mich durch die Schauspielerei viel stärker mit mir selbst auseinandergesetzt. Jetzt habe ich nicht mehr diese jugendliche Unsicherheit, jetzt stehe ich in meiner eigenen Person, habe mich oft genug selbst ins Gericht genommen.
Ich bin der Überzeugung, dass man, wenn man ein guter Mensch sein möchte, der mit anderen in einer Gesellschaft existiert, sich seiner Rolle bewusst sein muss, ob Schauspieler oder nicht. Jeder versteckt sich bis zu einem gewissen Punkt gerne in der Rolle, die er im Alltag einnimmt. Wir alle sind gefragt, zu überprüfen, was macht dieses Berufsleben mit mir und was bringe ich mit nach Hause? Wo verführt es mich? Ich verschwinde gerne in einer Rolle, ich weiß, wie man in eine Rolle reinkommt – und inzwischen glücklicherweise auch, wie man wieder herauskommt. Ich liebe dieses Spiel, dieses Kostümieren.
Aber ich glaube, dass das jeder in sich hat. Also wenn ich auf Kostümpartys gehe, dann merke ich, wie Menschen es lieben, sich zu verkleiden. Wie Menschen es lieben, eine Rolle einzunehmen, grell zu sein, laut zu sein, aus ihrem Alltag herauskommen. Das muss ja nicht heißen, sich zu verlieren, das kann ja auch bedeuten, sich besser kennenzulernen.
Studiocanal
FILMSTARTS: Für einen Schauspieler ist es doch die größte Herausforderung, eine Figur zu spielen, die auch jemanden spielt. Man funktioniert dadurch ja noch deutlicher auf mehreren Ebenen.
Albrecht Schuch: Stimmt. Aber ehrlich gesagt, habe ich mir diese Frage gar nicht gestellt. Ich habe mich eher gefragt, wie sehr sind dieser White und dieser Stiller in der Lage, irgendwann ihre eigene Wahrheit zu glauben? So bin ich dann auch an die Szenen herangegangen. Ich habe sie mal als ein White gespielt, der nicht weiß, dass eine Julika vor ihm sitzt und ein White, der sehr wohl weiß, dass Julika vor ihm sitzt, diese aber neu kennenlernen möchte.
Aber das schaffen doch Menschen, sich eine bestimmte Realität über die Jahre einzureden, dass es ihre Wahrheit wird und sie irgendwann vergessen, was gelogen und was echt ist. Das ist doch wie, als wenn man sich an etwas erinnert, denn wir werden so die Autoren unserer eigenen Wahrnehmung. Da wird aus einem Bach schnell mal ein reißender Fluss.
FILMSTARTS: Der Film hat eine sehr ausgewählte visuelle Umsetzung. Schöne Erinnerungen sind in warmen Herbstfarben gehalten, die Rückblenden in schwarz-weiß, die Gegenwart farbig. Macht die Farbgebung einen Unterschied für dich als Schauspieler?
Albrecht Schuch: Nein. Gar nicht. Ich muss nur wissen, wie sich die Figur fühlt, wo sie in der Geschichte steht. Da denke ich nicht an Farbe.
Zwischen Thomas Mann und Paolo Sorrentino
FILMSTARTS: Wie wichtig war für dich der Dreh in Zürich und Umgebung?
Albrecht Schuch: Schon sehr wichtig. Also, erst einmal haben wir in Davos über der Schatzalp angefangen, wo damals auch schon Thomas Manns „Der Zauberberg“ verfilmt wurde. Und ich war irgendwie schon eine Woche vorher da, bevor der Rest des Teams ankam. Nur fünf oder sechs Architekturstudentinnen waren noch dort, die jedes Jahr eingeladen werden, um diesen sehr maroden Ort in Schuss zu halten. Und das war schon etwas sehr Besonderes, das hatte etwas Mystisches, mit diesen vier Katzen, die versuchen, der Mäuseplage vor Ort Herr zu werden. Die in dein Zimmer kommen, sich ausruhen und dann wieder auf die Jagd gehen.
Dieser Geist von „Der Zauberberg“ und „Ewige Jugend“ von Paolo Sorrentino, der dort gedreht wurde. Ich mag es einfach sehr gerne, in dieser Natur zu sein. Da fängt es ja auch schon an, in die Einsamkeit dieses Filmes oder dieser Figur einzutauchen. Wenn man so um sich selbst kreist, wird man ja auch wahnsinnig einsam, so wie Social Media meinetwegen, wo es auch oft diesen scheuklappenbehafteten, teuflischen Blick nach innen zu beobachten gibt.
Das andere ist natürlich das Thema Zürich, das im Roman und auch im Film vorkommt. Was diesen Anatol Stiller so wahnsinnig macht, nämlich dieser Ort der absoluten Enge und Unmöglichkeit des menschlich Widersprüchlichen. Ich habe das selbst in Zürich wahrgenommen, dass dort eine gewisse Enge als Stimmung zu finden ist. Eine Form von innerer und äußerer Sauberkeit gibt es dort, die fast schon etwas mit einer Makellosigkeit zu tun hat, der man hinterher eifert. Man will keine Fehler machen und das setzt manche Menschen unter Druck. Und an dieser Makellosigkeit, was am Ende ja auch wenig mit einem Menschen zu tun hat, weil wir ja nicht reinlich, gerade sind, daran hat sich ja dieser Anatol Stiller gerieben und das konnte ich auch gut nachvollziehen und genau deswegen war es auch wichtig, dass wir den Film in Zürich gedreht haben.
Studiocanal
FILMSTARTS: Wann bist du das erste Mal in Kontakt mit dem Roman „Stiller“ gekommen?
Albrecht Schuch: Ich war damals während meines finalen Schauspielstudiums, wo sich alle deutschsprachigen Schauspielschulen versammeln, in Zürich. Damals habe ich tatsächlich einen Roman von Max Frisch gelesen und ich war mir absolut sicher, dass es „Stiller“ war. Als ich den Roman jetzt noch einmal für die Verfilmung herausgeholt habe, ist mir aufgefallen, dass ich das Buch nie gelesen habe.
Damals war es „Mein Name sei Gantenbein“, das ich verschlungen habe und total liebte. Und jetzt, über zehn Jahre später, habe ich „Stiller“ zur Vorbereitung in die Hand genommen und festgestellt, dass ich gar nichts damit anfangen konnte. Aber ich wusste, wenn ich das Buch während meines Studiums gelesen hätte, hätte ich es genauso verschlungen wie „Gantenbein“. Jetzt war nicht meine Zeit für „Stiller“, vielleicht weil ich auch einfach schon zu viel über Max Frisch wusste.