TV-Premiere: Starkes Historien-Kino über den größten (und schlimmsten!) Manipulator der Geschichte Deutschlands
Oliver Kube
Oliver Kube
-Freier Autor & Kritiker
Oliver Kubes Top 10 neue Filme 2025: 1. The Life Of Chuck 2. Train Dreams 3. Black Bag 4. One Battle After Another 5. The Mastermind 6. The Negotiator 7. Warfare 8. Stormskärs Maja 9. Sentimental Value 10. Heldin

Der heute erstmals im deutschen Free-TV laufende Kinofim vom Sommer 2024 ist ein gewagtes Experiment. Zeigt er doch Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus aus Sicht der Täter – vor allem aus der von Propaganda-Mastermind Joseph Goebbels.

Der international sehr positiv beachtete und mehrfach preisgekrönte Film „Führer und Verführer“ bietet einen ebenso erstaunlich persönlichen wie moralisch abstoßenden Blick hinter die Kulissen der Propagandamaschinerie des Dritten Reichs. Schade, dass „Führer und Verführer“ erst zu so später Stunde gezeigt wird. Der Film lohnt sich als eine Art „Making-of des Nationalsozialismus“ nämlich wirklich.

„Führer und Verführer“ läuft am heutigen 25. Januar 2026 um 23.35 Uhr auf Das Erste. Alternativ könnt ihr den FSK-12-Titel als DVD oder kostenpflichtiges Video-on-Demand erwerben:

Hitler und Goebbels als "normale" Menschen

Seit Dekaden fragen sich immer neue Generationen, wie es den Nazis gelang, die deutsche Bevölkerung so effizient zu manipulieren, dass viele Menschen selbst zu Täter*innen wurden oder zumindest bewusst wegschauten. Der von Joachim Lang („Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm“) geschriebene und inszenierte „Führer und Verführer“ stellt die These auf, dass dies nahezu allein Joseph Goebbels’ „Verdienst“ war. Der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“, so der offizielle Titel seines Amtes, hatte unumschränkte Macht über die Medien wie Zeitungen, Bücher, Rundfunk und Film. Goebbels hielt alle Fäden in seinen Händen – nichts geschah oder wurde veröffentlicht, ohne dass er seine Zustimmung gab beziehungsweise es selbst initiiert hatte.

Wie in der starke 4 von möglichen 5 Sternen vergebenden FILMSTARTS-Kritik dargelegt, will Lang ins Innere der Nazi-Machtstrukturen vordringen, die Mechanismen der Demagogie, der Propaganda und Manipulation offenlegen, um damit die Gefahren der Gegenwart zu verstehen. Sein Werk ist über weite Strecken mehr Dokudrama als Spielfilm. Es soll – auch mit Hilfe von Archivmaterial und Statements realer Überlebender des Holocausts – aufklären und dazu aufrufen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, um eine drohende Wiederholung solcher Entwicklungen und Vorgänge erkennen und abwenden zu können.

Laut unserer Rezensentin Gaby Sikorski verzichtet Lang dabei darauf, dem Film eine Handlung zu geben, in der sich das Publikum in irgendeiner Form wiederfinden könnte: Keine der Personen ist sympathisch oder dient als Identifikationsfigur, wie es etwa damals die von Alexandra Maria Lara verkörperte naive Sekretärin in „Der Untergang“ tat. Trotzdem gelingt es, Hitler, Goebbels und deren Umfeld nicht nur als Täter*innen darzustellen, sondern sie auch zu entdämonisieren, indem sie nicht als charikaturhafte Monster, sondern als „normale“ Menschen gezeigt werden.

Führer und Verführer
Führer und Verführer
Starttermin 11. Juli 2024 | 2 Std. 04 Min.
Von Joachim Lang
Mit Robert Stadlober, Fritz Karl, Franziska Weisz
User-Wertung
3,4
Filmstarts
4,0

Ihre Gräueltaten sind das logische Ergebnis einer fanatischen, von Hass getriebenen Grundeinstellung, bei der die Ermordung von Millionen zum zwar lästigen, aber notwendigen Schritt bei der Verwirklichung der gemeinsamen Ziele wird. „Führer und Verführer“ zeigt die mit skrupelloser Gelassenheit entworfenen und dann fast schon klinisch abgewickelten Vorgänge in passend kühlen Bildern. Auf diese Weise, die Vorbereitungen der Pogromnacht, des Krieges und der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ zu erleben, geht beim Zusehen an die Substanz. Das ist vor allem so, weil vieles davon, wie die teils sogar wortwörtlich übernommenen Dialoge, auf Originaldokumenten wie Tagebüchern, Briefen, Protokollen und Tonbandmitschnitten basiert.

Dabei stellt Lang Goebbels in den Fokus. Er ist der Verführer – und zwar in jeglicher Hinsicht. Der exzellent aufspielende Robert Stadlober („Sonnenallee“) gibt ihn nicht nur als meisterhaften Manipulator, sondern auch als Frauenheld. Zu Beginn ist er ein eitler Strahlemann. Doch mit der Zeit verschwindet das Lächeln zusehends aus seinem Antlitz. Die Arbeit, die er als Kunst bezeichnet, erfüllt Goebbels mit Stolz: „Ich habe den Führermythos erschaffen“, prahlt er und betrachtet Hitler als sein Produkt – auch wenn er sich dennoch dessen Willen beugen muss. Fritz Karl („Im weißen Rössl - Wehe Du singst!“) wirkt als Hitler dagegen beinahe schon unauffällig. Er führt ohne das ihm in anderen Filmen oft zugeschriebene manische Geschrei und setzt sich durch, auch bei Goebbels.

„Führer und Verführer“ ist ein mutig gemachter, weil unerwartete Blickwinkel bietender, dabei stark zum Nachdenken (und hoffentlich auch zum Aufpassen!) anregender Film.

Darum geht es in "Führer und Verführer"

Die Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 war nur der erste große Schritt. Für Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels (Robert Stadlober) geht die Arbeit danach erst richtig los. Und sie trägt erstaunliche Früchte. Denn Hitler (Fritz Karl) und vor allem die von ihm und seinen Gefolgsleuten betriebene Politik erfahren in den Jahren darauf Zustimmung des Volkes in bisher unerreichter Höhe. Und doch hat Goebbels sich 1938 in eine Sackgasse manövriert: Während seine Strategie auf Sicherheit abzielt, ist sein Chef fest entschlossen, Europa mit einem Krieg zu überziehen, wie es ihn nie zuvor erlebt hat.

Um weiterhin in der Gunst des Diktators zu stehen, stellt Goebbels seine Propaganda um. Unter anderem mit den antisemitischen Hassfilmen „Jud Süß“ und „Der ewige Jude“ soll es ihm gelingen, die Menschen in Deutschland endgültig zu radikalisieren. Mit der Niederlage in Stalingrad dreht sich der Verlauf des Krieges dann allerdings langsam, aber unabwendbar gegen die Nazis. Goebbels beginnt einen verzweifelten Kampf um das Bild, das der Faschismus in der Zukunft abgeben wird – auch für den Fall, dass das Deutschland, das er mit aufgebaut hat, untergehen wird…

Auf ganz andere Weise nähert sich der Film dem Thema, den wir euch im folgenden Artikel vorstellen:

Neu bei Amazon Prime Video: Eine bissige Satire über das Comeback eines Diktators – ebenso lustig wie schmerzhaft

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