So intensiv kann deutsches Kino sein: Dieser Film lässt euch den Atem stocken – jetzt im Heimkino nachholen!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Basierend auf wahren Begebenheiten: In „Karla“ wird ein zwölfjähriges Mädchen mit dem Dilemma konfrontiert, dass es sowohl auf sein Recht pochen als auch seine Würde behalten will. Jetzt ist der bewegende Justizfilm im Heimkino erhältlich.

Es ist ein Thema, das bedauerlicherweise nicht an Aktualität verliert: Menschen, die sexuelle Übergriffe durchstanden haben, müssen handeln, wollen sie Gerechtigkeit erfahren und verhindern, dass die Personen, die sie missbraucht haben, ihr Handeln ungesühnt fortsetzen können. Doch wenn sie sich zu Wort melden, finden sie kaum Gehör, werden belehrt, der Lüge bezichtigt und retraumatisiert – der ersehnte Seelenfrieden rückt da womöglich weiter in Ferne.

In ihrem Langfilmdebüt „Karla“ greift Regisseurin Christina Tournatzés dieses Sujet anhand eines wahren Justizfalls aus den 1960er-Jahren auf, auch wenn die Namen aus Gründen des Respekts geändert wurden: Das Drama erzählt von einer Zwölfjährigen, die ihren Vater aufgrund vielfachen Missbrauchs anzeigt, und von einem Richter, der sich bemüht, ihr ebenso Gehör wie Respekt zu verschaffen. Der Film wurde auf dem Filmfest München mit den Auszeichnungen für die beste Regie und das beste Drehbuch prämiert, war Teil der FILMSTARTS-Aktion „Deutsches Kino ist [doch] geil!“ und seit dieser Woche ist „Karla“ auf DVD und Blu-ray erhältlich:

Darum geht es in "Karla"

Deutschland, 1962: Die zwölfjährige Karla (Elise Krieps) kreuzt selbstbewusst in einem Polizeirevier auf. Sie will ihren Vater Karl (Torben Liebrecht) anzeigen, zitiert wortgetreu den Paragrafen 176 des Strafgesetzbuchs und verlangt, einen Richter zu sprechen. Das Mädchen stößt auf Unverständnis, doch es bleibt beharrlich, bis sich Richter Lamy (Rainer Bock) erbarmt und mit Karla spricht. Er erkennt, dass Karlas Anliegen dringlich ist. Zugleich ist Karla von dem, was ihr widerfahren ist, verstört und beschämt, weshalb Lamy fürchtet, dass ihre Klage vor Gericht mangels Indizien und belastbaren Aussagen scheitern wird.

Vorerst kommt Karla ab er in einem Mädchenwohnheim unter, wo sie von ihrer Wohngenossin Ada (Carlotta von Falkenhayn) Rückhalt erhält, wann immer sich die strengen Nonnen über ihr Verhalten beklagen. Und bei zahlreichen Treffen sprechen Lamy und seine geduldige Sekretärin, Frau Steinberg (Imogen Kogge), einfühlsam mit Karla. Sie wollen mehr über ihr Leid erfahren, um die Verhandlung vorbereiten zu können – und zugleich eine Sprache finden, um Karlas Würde zu bewahren...

Hoffnung, ohne zu verharmlosen

Autorin Yvonne Görlach und Regisseurin Christina Tournatzés haben in „Karla“ einen Drahtseilakt zu meistern: Ihr Drama will und muss unmissverständlich klar machen, welche Schrecken die Titelheldin durchlitten hat, die zahlreichen Hürden anprangern, die sich Überlebenden sexueller Gewalt in den Weg stellen, und sollte dennoch nicht hoffnungslos sein. Denn angesichts dieses erzählerischen Fokus – wem wäre geholfen, all denen, die sich mit Karla identifizieren können, zu vermitteln, ihr Kampf um Würde und Gerechtigkeit wäre schon verloren, bevor sie ihn begonnen haben?

Bei Themen wie sexueller Gewalt steht aber schnell der Vorwurf der Verharmlosung im Raum, ist ein Drama nicht einzig und allein niederschmetternd. Tournatzés und Görlach vermeiden den Absturz in das eine oder andere, fatale Extrem durch klug gewählte, konsequent verfolgte Schwerpunkte: „Karla“ zeigt die zweifelsfrei traumatisierte Protagonistin, die immense emotionale und behördliche Hürden nimmt, weil sie verdientermaßen daran glaubt, dass ihr justizielles Recht zusteht.

Auf dem Weg dorthin werden aber auf vielschichtige Weise Wegschauen und Schweigen zu zentralen Themen. In einer Filmpassage, die den Atem stocken lässt, visualisieren Tournatzés, Kameramann Florian Emmerich („Und morgen Mittag bin ich tot“) und Editorin Isabel Meier („Lara“) etwa eine Traumatisierungsschleife Karlas: Während einer Autofahrt wird die Zwölfjährige zu konkret mit dem konfrontiert, was sie zu Gunsten ihres situativen Wohlseins zu vergessen versucht, zur Vorbereitung auf die Verhandlung aber gedanklich aufleben lassen muss.

Karla
Karla
Starttermin 2. Oktober 2025 | 1 Std. 44 Min.
Von Christina Tournatzés
Mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge
User-Wertung
3,4
Filmstarts
4,5
Vorführungen (10)

Daraufhin changiert der Film desorientierend zwischen Karlas Gegenwart, Erinnerungsfetzen, forcierter Umdeutung des Erlebten und Wach-Albträumen, konventioneller Kameraführung und Karlas Egoperspektive. Ein Gedanken- und Emotions-Wust, aus dem Karla so schnell nicht zurückfindet. Diese Sequenz allein genügt, um die Dringlichkeit von Karlas Fall zu verdeutlichen – und sie taumelt eindringlich vom heilsamen Schweigen und Verdrängen eines Mädchens, das mehr sein will als die Überlebende sexueller Gewalt, und dem schädlichen Totschweigen und Wegschauen einer Gesellschaft, die ignorieren will, was da passiert.

Dieser thematische Drahtseilakt ist nicht frei von weniger geglückten Augenblicken: Wenn in einer von Karlas traumatischen Erinnerungen eine Vergewaltigung erzählt, aber das Pflücken einer Blume gezeigt wird, wirkt dieser Rückgriff auf eine alte, literarische Metapher eher verkitscht-deplatziert als respektvoll. Doch diese wenigen Filmsekunden sind angesichts der sonst so starken Bilder, die Tournatzés findet, und der unter die Haut gehenden Darbietung von Jungschauspielerin Elise Krieps leicht verkraftet.

FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl fasste „Karla“ in ihrer 4,5-Sterne-Kritik daher treffend wie folgt zusammen: „Karla' ist viel mehr als ein Gerichtsdrama. Es ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und das Recht auf Schweigen.“ Mehr über die Entstehung des Films hat Krieps unserer Autorin übrigens im folgenden Interview verraten:

"Alle hatten Angst, etwas Falsches zu sagen": Das große FILMSTARTS-Interview mit "Karla"-Star Elise Krieps

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