„Vor Gericht wird die Wahrheit nicht ermittelt, sie wird verhandelt.“ In „Karla“ klagt die zwölfjährige Titelfigur (Elise Krieps) ihren Vater wegen Vergewaltigung an. Um ihre Würde zu behalten, beschließt Karla, den Tathergang nicht zu beschreiben. Kein leichtes Unterfangen, doch Christina Tournatzés gelingt in ihrem preisgekrönten Spielfilmdebüt mit viel Feingefühl, Karlas Geschichte zu erzählen, ohne das Unaussprechliche zu zeigen. Sie nutzt bildliche und akustische Erinnerungsfetzen aus der Sicht der zwölfjährigen Protagonistin.
Hauptdarstellerin Elise Krieps schweigt viel und erzählt trotzdem mit so einer Eindringlichkeit, dass es kaum zu glauben ist, dass sie zuvor nur einen Kurzfilm gedreht hat. Deshalb wollte FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl von Elise Krieps, Tochter von Schauspielerin Vicky Krieps und Schauspieler Jonas Laux, wissen, wie die Arbeit ihrer Eltern sie am Set beeinflusst hat, was sie beim Dreh zu schultern hatte und wie sie drei Jahre später ihre Rolle wahrnimmt.
FILMSTARTS: Ich habe mir deinen Kurzfilm „Arman & Elisa“ angeschaut. Ich finde ihn wirklich super.
Elise Krieps: Süß, ne? Der ist ganz schön.
FILMSTARTS: Wie kam es dazu?
Elise Krieps: Ich war oft bei Drehs von meiner Mama dabei, manchmal auch als Komparsin. Zum Beispiel war ich in „Corsage“ eine der Töchter der Familie in England, die Sissi besucht. Die Atmosphäre dort mitzuerleben, wie meine Mama jeden Morgen eingeschnürt wurde, war beeindruckend. Bei „Arman & Elisa” war es Zufall. Ich war auf einem Filmset von meiner Mama in Luxemburg, ich glaube beim „Ingeborg Bachmann“-Film. Ich musste draußen warten und habe mich mit Kiyan Agadjani gut unterhalten. Ich wusste nicht, dass er Regisseur ist, weil er am Set assistiert hat. Irgendwann kam dann die Nachricht, dass er gerne ein paar Videos hätte. Ich hatte voll Angst vor dem Videocasting, weil ich das noch nie gemacht hatte. Aber Mama hat mir geholfen und gesagt, es muss nicht perfekt sein, nur so, wie ich es machen würde.
FILMSTARTS: Plötzlich warst du selbst Schauspielerin in einer tragenden Kurzfilmrolle. Wie war das für dich?
Elise Krieps: Es hat sehr viel Spaß gemacht. Mit dem Jungen, der Arman gespielt hat, habe ich mich auch sehr gut verstanden. Ich habe nicht viele, aber nur positive Erinnerungen an den Dreh. Vielleicht erinnere ich mich deswegen auch gar nicht mehr so viel an den Kurzfilm, weil ich es so gewohnt bin, am Set zu sein.
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FILMSTARTS: Der Kurzfilm hat einen leichteren Tonfall. Die beiden teilen sich ihr Pausenbrot, laufen gemeinsam durch die Wiese und streicheln eine Katze, am Ende haben sie was verbockt und die Eltern streiten sich. „Karla“ ist da schon eine ganz andere Nummer.
Elise Krieps: Ja, auf jeden Fall. Es war auch ein noch größeres Brett, weil die Schauspielerin, die das eigentlich spielen sollte, ausgefallen ist. Das war sehr kurzfristig. Ich war nie bei irgendwelchen Castings und habe mich nie auf irgendwelchen Internetseiten für Castings angemeldet. Melanie Blocksdorf, eine der beiden Produzentinnen, kannte mich. Sie hatte einmal auf mich aufgepasst, als meine Mama ein Radio-Interview geben sollte und keine Babysitterin da war.
Sie hat sich gefragt, ob ich für die Rolle in „Karla“ in Frage komme, und hat dann Mama einfach gefragt. Sie hat ihr meinen Kurzfilm geschickt und mir das Thema erklärt. Ich war überhaupt nicht so: „Au ja, los geht‘s, lass uns voll rein starten!“ Mein größtes Problem war eher: „Was denken meine Freunde darüber? Denken sie, ich mach‘ das nur wegen meiner Mutter?”. Meine beste Freundin meinte aber zu mir: „Natürlich machst du das. Das ist krass und cool.”
FILMSTARTS: Was hat dir Sicherheit gegeben?
Elise Krieps: Ich war unsicher, ob ich zusagen soll. Mama hat mir die Entscheidung überlassen: „Die Wahl liegt bei dir, du wirst zu nichts gezwungen, du kannst es aber gerne machen, es steht dir alles offen.” Sie hat mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen muss, weil ich am Set wie ein Kind behandelt werde und immer jemand da ist, der auf mich achtet. So konnte ich mich auf meine Rolle konzentrieren, ohne das Gefühl zu haben, alles allein tragen zu müssen. Natürlich hatte ich Respekt davor, die Hauptrolle in einem Kinofilm zu spielen – aber dann habe ich mich schlussendlich bewusst dazu entschieden. Auch, weil es ein harter Film sein wird und trotzdem eine Geschichte ist, die Mut macht.
Ich wusste, dass die Regisseurin mit mir ihren ersten langen Kinofilm macht und dass wir so ähnliche Erfahrungen teilen können. Je näher ich dem Dreh gekommen bin, desto mehr Lust hatte ich darauf und gleichzeitig wuchs die Angst vor emotionalen Szenen wie Karlas Panikattacke im Auto. Da meinte Mama, dass es bei solchen Szenen nicht direkt funktionieren muss, sondern dass man das eben mehrmals macht. Mir hat es auch geholfen, dass ich das Drehbuch nicht kannte.
FILMSTARTS: Warum?
Elise Krieps: Mama hat mir das Drehbuch erzählt, damit ich einen Überblick hatte. Danach bekam ich jeweils nur die Seiten, die für den nächsten Drehtag oder die nächsten ein bis drei Drehtage relevant waren. So musste ich mich nicht auf alles gleichzeitig einstellen, sondern konnte immer frisch und konzentriert in die jeweilige Szene gehen. Mama wollte mir damit den Druck nehmen, „spielen“ zu müssen oder alles „richtig“ machen zu müssen. Das hat mir sehr geholfen.
FILMSTARTS: Wie hat Christina mit dir gearbeitet?
Elise Krieps: Vorsichtig. Es gibt so viele Geschichten über Regisseure, die Kinder gezwungen haben, Sachen zu machen, die nicht gut für sie sind. Aber Christina ist so eine liebe Person. Sie hat mir sehr geholfen. Herzen gehen raus an Christina. Ich glaube, das war auch total wichtig, wie ich mich mit Christina verstanden habe, weil ein Filmset voller Trubel ist, aber sie war immer für mich da. Ich habe mich auch mit allen wohlgefühlt. Immer am Wochenende haben Christina, die Person, die auf mich aufgepasst hat – also meine Kinderfrau oder meine Oma – und ich die nächsten drei Szenen besprochen und sind darauf eingegangen, was auf mich zukommen wird. Am Set musste man dann nicht mehr so lange reden und konnte schnell in die Szene eintauchen. Den Text habe ich am Abend zuvor gelernt.
FILMSTARTS: Karla schweigt viel, weil sie sich entschließt, ihre Geschichte nicht zu erzählen, um ihre Würde zu behalten. Wie spielt man das, was Karla „nur” denkt?
Elise Krieps: Man muss denken. Aber nicht an das Skript, nicht an den nächsten Text, sondern an die Schuhe vom Kameramann zum Beispiel oder an die Wandfarbe oder so, weil man das ja in Wirklichkeit auch machen würde. Man sieht, ob man denkt oder nicht. Das hat Mama mir beigebracht und dass der Rhythmus eines Textes eine sehr große Rolle spielt.
Achtung Panda! / Florian Emmerich
FILMSTARTS: Vor Gericht klagt Karla ihren Vater an, der mit ihr im Raum sitzt. Die meiste Aufmerksamkeit liegt vor Gericht bei dir. Damit die Wahrheit „verhandelt werden kann“ werden zum ersten Mal richtig harte Worte ausgesprochen ...
Elise Krieps: ... und es ging um richtig unangenehme Dinge, die auch für Erwachsene schwierig sind. Es gab viele harte Dialoge, die mir Respekt eingeflößt haben. Das war schon anstrengend im Gerichtssaal. Ich habe mich erschreckt, als Torben Liebrecht mit der Hand auf den Tisch geschlagen hat – damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe die Szene nur einmal gedreht, und meine beste Freundin war dabei, um mich zu unterstützen.
FILMSTARTS: Da ist dieses kleine Mädchen und diese Wand aus alten weißen Männern. Das klingt einschüchternd. Konnte dich Katharina Schüttler bei der Gerichtsszene unterstützen?
Elise Krieps: Katharina Schüttler kannte ich tatsächlich schon. Sie ist die Mutter von einer sehr guten Freundin von mir. Dass sie meine Mutter war, war total schön. Vor den Szenen am Gericht war sie sehr in sich gekehrt und nicht ansprechbar. Rainer Bock auch nicht. Die anderen haben sich miteinander unterhalten. Ich glaube, niemand hat sich getraut, mit mir zu reden, weil alle Angst hatten, irgendwas Falsches zu sagen, weil die Szene sehr schwierig war. Viele Leute, auch Christina und meine Kinderfrau, haben aber am Set darauf geachtet, dass es mir gut geht. Aber irgendwie war es trotzdem die Szene, wo ich mich am meisten allein gefühlt habe. Das lag auch daran, dass es ein riesiger Raum war. Aber die Szene im Gerichtssaal war für mich leichter als die Szene, in der ich wütend sein und ein Glas wegschubsen sollte.
FILMSTARTS: Warum?
Elise Krieps: Vielleicht, weil ich im echten Leben meine Wut nicht so ausdrücken würde. Wut und Trauer ist was, womit man vertraut ist, aber nicht mit Gerichtsszenen und Anschreiszenen im Wald. Eine Wut- und Trauer-Szene ist etwas, was wirklich passiert. Ich bin manchmal wütend, aber würde nie ein Glas schmeißen. Und dann versuchen, so etwas Echtes zu spielen, ist schwierig. Eine traurige Szene kann man nicht aus dem Kopf heraus spielen. Ein Salzkristall-Spray hat geholfen, damit meine Augen tränen.
FILMSTARTS: Du hattest gerade eine Anschreiszene erwähnt. Was passiert da genau?
Elise Krieps: Das war die Szene am See, als Karla sich umbringen will und ich rückwärts ins Wasser gegangen bin. Die war in der Vorbereitung krass, weil wir auch nur einen Shot hatten. Ich bin als Karla weggerannt. Torben Liebrecht kam von hinten und hat mich runtergezogen. Ich hatte Knieschoner an und bin auf die Knie gefallen. Das haben wir tausendmal geübt, wie ich auf die Knie falle. Es war für mich aber eher eine technische Szene, für Torben war sie sicherlich schlimmer, weil er so heftige Sachen sagen musste.
FILMSTARTS: Immer, wenn man eine Fleischfliege hört, hat man dieses schrecklich-komische Gefühl, dass etwas Schlimmes passiert ist.
Elise Krieps: Man sieht im Film nur Flashbacks aus Karlas Sicht. Mama hat sehr darauf geachtet, dass ich die schlimmen Szenen nicht selbst spielen muss – sonst hätte sie mir „Karla“ nicht vorgeschlagen. So versteht man trotzdem, dass Karla über das Erlebte nicht sprechen kann: wie schlimm es für sie ist, dass sie sich übergeben muss, wenn sie darüber reden soll und wie es sie in den Gesprächen mit Lamy einholt.
FILMSTARTS: Es sind wahnsinnig persönliche Gespräche zwischen Richter Lamy und Karla. Wie war die Zusammenarbeit mit Rainer Bock für dich?
Elise Krieps: Rainer war ernst, natürlich, professionell, hatte seine eigene Meinung zum Skript und ist mit eigenen Ideen ans Set gekommen. Er hat mit Christina diskutiert und hat seine eigene Meinung auch gesagt. Wir sind komplett unterschiedlich. Er hatte Erfahrung, ich nicht. Er hat sich vorbereitet, ich nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ein einziges Mal für irgendeine Szene geübt habe. Ich habe den Text gelernt. Und dann am Set bei laufender Kamera die Szene gespielt.
Wir haben aber gut zusammengepasst. Ich erinnere mich noch an unsere letzte Szene eines Tages, wo die Spannung hochgekurbelt war. Wir haben die ganze Zeit diskutiert und wollten immer das letzte Wort haben. Dann habe ich am Ende gesagt: „Tja, Rainer, das Problem ist, wir wollen beide die ganze Zeit das letzte Wort haben und damit, lieber Rainer, es tut mir leid, habe ich jetzt endgültig das letzte Wort, weil ich das jetzt gesagt habe.” Und so war's dann auch.
FILMSTARTS: Die Kamera begleitet euch und trotzdem musstest du sie irgendwie vergessen...
Elise Krieps: Flo [Florian Emmerich], der Kameramann, hat so gute Ideen gehabt und das hat super geholfen. Er hat mir ein Gefühl für Szenen und den Film gegeben. Zum Beispiel hat er mir gesagt, dass ich nicht die ganze Zeit gestikulieren soll. Es kommt schließlich nicht nur darauf an, was man sagt, sondern auch, wie die Szene aussieht. Es ist wichtig, wo man sitzt, ob man die Hände still hat oder ob man sie in die Luft schmeißt. Er hat Szenen für mich einfacher gemacht, als er sich hinter ein Schallplattenregal gestellt hat, um zu filmen. Man hat mein Gesicht nur in einem Spalt gesehen und er hatte Abstand zu mir, statt die Kamera direkt auf mein Gesicht zu halten.
FILMSTARTS: Hast du vor Ort auf den Bildschirm geschaut?
Elise Krieps: Ich habe mich über Ton, Licht und Kamera informiert und gefragt, wie alles funktioniert, aber den Bildschirm habe ich mir nicht angeschaut.
Achtung Panda! / Florian Emmerich
FILMSTARTS: Was könntest du heute von der zwölfjährigen Elise lernen?
Elise Krieps: Einfach zu machen. Nicht darüber nachzudenken, wie ich aussehe. Ich weiß auch, wenn ich jetzt den Film drehen würde, würde ich so viel mehr auf das Aussehen achten. Sie hatten mir Augenringe geschminkt und ich hatte fettige Haare, weil ich im Film durch die Nacht gerannt bin. Im Mädchenheim trage ich ein kratziges Kartoffelsackkleid. Als ich das erste Mal den Film gesehen habe, dachte ich am Anfang: „Wie schlimm. Ich kann es gar nicht angucken. Meine Stimme klingt so komisch. Alles ist so fake. Das ist doch kein gutes Schauspiel.“ Aber es kommt sehr viel gute Kritik und wenn ich die anderen Szenen anschaue, dann bin ich beeindruckt. Was mir der Film erzählt. Was er mit sich bringt. Wie schön das eingefangen ist. Und dann noch dazu so ein Thema, das so wichtig ist. Aber auch so traurig. Ich habe so geweint. Meine Mutter auch.
FILMSTARTS: Der Film bekommt schon jetzt viel Anerkennung und wurde auf dem Filmfest München mit dem Förderpreis Deutsches Kino ausgezeichnet. Wie ist das für dich, dass du mit deiner ersten Hauptrolle so viel Wind mitbringst?
Elise Krieps: Ich duck‘ mich. Ich freue mich über die Anerkennung für den Film, möchte aber nicht zu viel Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Natürlich bin ich froh, dass „Karla“ den Preis gewonnen hat und ich stehe auch zu hundert Prozent hinter dem Film. Aber ich finde es auch gut, dass ich nicht den Schauspielpreis (beim Förderpreis Deutsches Kino) gekriegt habe. Das wäre mir zu viel Aufmerksamkeit.
FILMSTARTS: Wie geht es denn jetzt für dich bezüglich Schauspielerei weiter?
Elise Krieps: Ich weiß es nicht. Wie der Wind mich dreht. Ich bin offen für alles, habe aber keine Pläne.
FILMSTARTS: „Barbie“ und „Oppenheimer“ haben sich gegenseitig promotet, also machen wir das jetzt auch. Welchen deutschsprachigen Film, der demnächst oder gerade im Kino läuft, kannst du empfehlen?
Elise Krieps: Ich mochte „Mariannengraben“ mit Luna Wedler und Edgar Selge sehr gerne. Die Regisseurin Eileen Byrne ist meine Patentante, aber das ist natürlich nicht der einzige Grund, warum ich den gerne empfehle.
Wir empfehlen euch derweil, auch noch in unseren Podcast zu „Karla“ reinzuhören, für den Regisseurin Christina Tournatzés als Special Guest vorbeigeschaut hat. Im ausführlichen Interview spricht sie nicht nur über die besondere Arbeit mit Elise Krieps, sondern auch darüber, wie sie um das schwere Thema der sexuellen Gewalt gegen Kinder einen hoffnungsvollen Film gestrickt hat: