Anthologiefilme sind in der Bewertung immer eine schwierige Sache. Es gibt wenig Episodenfilme, die mich vollständig überzeugen konnten – abgesehen von Jim Jarmuschs „Coffee And Cigarettes“, wobei die Kurzfilme hier zumindest stimmungstechnisch aufeinander aufbauen. Sofern die einzelnen Episoden jedoch nur einen groben Verknüpfungspunkt besitzen, können sich diese qualitativ schon gewaltig voneinander unterscheiden – gerade wenn dann auch noch verschiedene Regisseure involviert sind.
Der dreigeteilte „Memories“ ist beispielsweise so ein Fall, bei dem ein Kurzfilm die anderen um Meilen überragt. Auch wenn der skurrile „Stink Bomb“ von Tensai Okamura („My Hero Academia: You're Next“) und der dystopische „Cannon Fodder“ von Katsuhiro Otomo („Akira“) nicht schlecht sind, können sie es nicht mit „Magnetic Rose“ von Kōji Morimoto („The Animatrix“) aufnehmen – den ich im Folgenden gesondert vorstellen will.
Dieses Genre-Meisterwerk ist hierzulande bedauerlicherweise jedoch viel zu unbekannt. Dabei kann „Memories“ ganz bequem gegen eine Gebühr bei Online-Anbietern wie Amazon Prime Video* geliehen werden. In diesem Fall ist übrigens auch die wunderschöne Blu-ray zu empfehlen, die mit einem Artwork aus „Magnetic Rose“ geschmückt ist:
Darum geht es in "Memories"
„Magnetic Rose“: Auch im Weltraum gibt es Schrott – und um genau diesen kümmern sich Heinz und Miguel mit ihrem in die Jahre gekommenen Raumschiff. Als sie plötzlich ein Notsignal erhalten, das von einer verlassenen Raumstation stammt, beschließen sie, der Sache auf dem Grund zu gehen. Dort angekommen, scheint die Station verlassen – und ist zudem wie ein luxuriöses Opernhaus aus längst vergangenen Tagen eingerichtet. Schon bald müssen die beiden feststellen, dass es an diesem geisterhaften Ort nicht mit rechten Dingen zugeht.
„Stink Bomb“: Der junge Laborassistent Nobuo Tanaka arbeitet in einem Pharmaforschungszentrum. Als seine Kollegen abwesend sind, nimmt er versehentlich eine experimentelle Pille gegen Erkältung – die in Wirklichkeit ein geheimes militärisches Biowaffenprojekt ist. Die Pille verwandelt ihn unbemerkt in eine biologische Massenvernichtungswaffe: Sein Körper produziert ein extrem tödliches Gas – doch Nobuo selbst scheint von seinen neuen Fähigkeiten nichts mitzubekommen.
„Cannon Fodder“: Es herrscht Krieg. Gegen wen, ist eigentlich egal. Hauptsache ist, dass die Artillerie jeden Tag kräftig rummst und den Feind in die Flucht schlägt. Und tatsächlich ist das Leben der Bewohner*innen dieser militaristisch geprägten Stadt auch nur auf dieses Ziel ausgerichtet. Jeden Tag müssen die Zerstörungsapparate gewartet werden – und wer will sich schon gegen den Krieg aussprechen, wenn er doch die eigene Existenzgrundlage ist?
"Magnetic Rose" - wunderschöner Science-Fiction-Horror
„Magnetic Rose“ ist atemberaubend schön gezeichnet. Das ist auch kein Wunder, schließlich hat Kōji Morimoto beispielsweise bereits bei dem Anime-Meisterwerk „Akira“ als Animator mitgewirkt - und das sieht man. Das Innere der Raumstation ist ein surreales Opernhaus, das Theater-Ästhetik mit schrägen Sci-Fi-Elementen verbindet. Selbst die zerstörten Areale, in denen Schrott, Wasser und Überreste klassischer Bühnenbauten eine neue Welt geschaffen haben, verzaubert durch ihren Look. Den Räumen, die sich vor den Forschenden auftun, wohnt eine fragile Schönheit inne, die jeden Moment in sich zusammenbrechen könnte.
Zudem ist „Magnetic Rose“ auch hervorragender Weltraum-Horror. Die Erkundung dieses im Jahrhunderte andauernden Dornröschenschlaf gefangenen Raumschiffs entpuppt sich als faszinierende Schauermär. Erst nach und nach werden die Geheimnisse des fliegenden Opernhauses preisgegeben – wobei sich eine beklemmende Atmosphäre der Melancholie entfaltet.
Wie im Genre-Meilenstein „Alien“ bleibt die Bedrohung lange unsichtbar. Welche Geheimnisse warten noch im Bauch dieses Schiffes auf die Entdecker? Ist der Schrecken real – oder spuken hier tatsächlich nur die Geister der Vergangenheit? Und wenn dann schleichend Wirklichkeit und Traum vollends ineinander überfließen, entfaltet „Magnetic Rose“ einen fast hypnotischen Sog – und untermalt von wunderschönen Klassik-Klängen driftet man langsam dem Untergang entgegen.
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