Wie kein zweiter dokumentierte und reflektierte Regisseur Andrzej Wajda in seinen Filmen die polnische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Früh spezialisierte sich der Pole auf Kriegsfilme und historische Dramen, in denen er vor allem zwei Themen immer wieder aufgriff: die Kriegs-Traumata der polnischen Bevölkerung und der Kampf des Individuums gegen übermächtige, totalitäre Systeme.
Zu den berühmtesten Werken des 2016 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Filmemachers zählen der Historienfilm „Danton“ (mit Gérard Depardieu in einer seiner besten Rollen) und das Polit-Drama „Der Mann aus Eisen“. Letztgenannter Film bekam etliche Preise, darunter 1981 die Goldene Palme von Cannes. Mehrere bedeutende Filmpreise – und sogar eine Nominierung für den Auslands-Oscar – erhielt auch Wajdas wohl bekannteste Arbeit: „Das Massaker von Katyn“, das auf dem Buch „Post mortem. Opowieść katyńska“ (dt. „Post mortem. Erzählung von Katyn“) von Andrzej Mularczyk basiert.
Wajdas 35. Spielfilm behandelt ein polnisches Jahrhunderttrauma. Es geht um den im Frühjahr 1940 begangenen Massenmord an 25.000 polnischen Kriegsgefangenen und Zivilisten durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD. Diese Hinrichtungen ereigneten sich an verschiedenen Orten des Sowjetreichs. Einer davon: das kleine russische Dorf Katyn.
Der größtenteils aus der Sicht der Hinterbliebenen erzählte, ergreifende Film ist herausfordernd und komplex. Denn „Das Massaker von Katyn“ stellt vielschichtige Fragen nach Schuld, Verdrängung und moralischer Haltung. Darüber hinaus ist das brillant fotografierte Lehrstück hochaktuell: Es geht um Vertuschung, Manipulation und die Umdeutung von Fakten, was uns in Zeiten autokratischer Systeme, illiberaler Staaten und „MAGA“ (leider) nur allzu bekannt vorkommt.
Das bewegende, aufklärende historische Drama ist unter anderem bei Amazon Prime Video als VOD in der Kaufversion verfügbar:
Alternativ könnt ihr den kompletten Film aktuell sogar ohne Abo gratis auf Joyn* und YouTube streamen. „Das Massaker von Katyn“ gibt es kostenlos zudem in der arte-Mediathek. Aufgrund jugendgefährdender Inhalte steht der Film dort aber nur von 22 bis 06 Uhr zum Abruf bereit. Um die Sendezeitbeschränkung zu umgehen, benötigt ihr ein Nutzerkonto und müsst euer Alter einmalig bestätigen.
Ein Jahrhundertverbrechen: Das ist "Das Massaker von Katyn"
September 1939: Polen wird von Deutschland aus dem Westen und Russland aus dem Osten angegriffen. Tausende fliehen, Universitäten werden geschlossen. Die Eliten und Intellektuellen des Landes landen im KZ. Unterdessen schicken die Rotarmisten und der NKWD tausende polnische Offiziere und Zivilisten ins Arbeitslager. Darunter ist auch der Offizier Andrzej (Artur Żmijewski), dessen Frau Anna (Maja Ostaszewska) sich nicht sicher sein kann, ob sie ihren Mann je wieder sieht. Wenig später beginnt der NKWD damit, die internierten Polen in die Wälder von Katyn zu transportierten. Es ist der Schauplatz eines der schwersten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Nach 1945 betreiben die Sowjets Geschichtsfälschung, da sie das Massaker von Katyn den Nazis anlasten.
Unter drei verschiedenen Gesichtspunkten nähert sich Academy-Award-Preisträger Wajda (Ehren-Oscar 2000) dem Massaker und seiner Folgen für die Angehörigen. Zum einen nimmt er die Perspektive der trauernden Schwestern, Mütter und Ehefrauen ein, die um die Wahrheit und die Aufklärung dieses Verbrechens kämpfen. Auf der zweiten Ebenen beschäftigt sich der Film mit eben dieser „Wahrheit“, die die Sowjets für sich umdeuteten. Mit der „Katyn-Lüge“ (eine Bezeichnung, die in Polen fast jeder kennt) ist die jahrzehntelange Verdrängung der russischen Schuld und Verantwortung gemeint.
Die sowjetische Propagandamaschinerie leistete nach dem Krieg mit ihrer manipulierten Geschichtsschreibung ganze Arbeit – das zeigt „Das Massaker von Katyn“ eindrucksvoll. Erst 1990 gab Michail Gorbatschow die Verantwortung Russlands zu.
Ein Ende, das man nie vergisst
Und schließlich rekonstruiert Wajda den Weg zum Massenmord sowie das Massaker selbst. Die Szenen im Lager künden noch von der Hoffnung der Gefangenen auf bessere Zeiten. Doch spätestens, wenn der Abtransport in den viel zu engen Viehwaggons in Richtung Katyn einsetzt, wird klar: Die gefangenen Offiziere sind dem Tod geweiht. Am Ende geht Wajda einen radikalen, aber notwendigen Weg, um den Betrachter das wahre Ausmaß des Grauens vor Augen zu führen. „Das Massaker von Katyn“ zeigt die Exekution in den Wäldern in erschütternder Deutlichkeit, und das volle zehn Minuten lang.
Zuvor sieht man zwischen einzelnen Szenen immer wieder Originalaufnahmen aus den Propaganda-Wochenberichten sowohl der Nazis als auch der Sowjets. Beispielhaft zeigt der Film hieran die Vereinnahmung des Verbrechens für politische Zwecke, da beide Seiten die beklemmenden Schwarz-Weiß-Bilder (zum Beispiel die Entdeckung der Massengräber und Bilder der Exhumierung) dazu nutzten, um dem Feind das Massaker in die Schuhe zu schieben.
Gelungen ist darüber hinaus die symbolische Aufladung des Films. Wajda findet starke metaphorische Entsprechungen für Religion, Kirche und den Glauben. An letzteren klammern sich schließlich auch die Gefangenen und Angehörigen, um das Leid und die erlittenen Qualen irgendwie auszuhalten.
30 Jahre vor „Das Massaker von Katyn“ kam einer der bis heute besten Kriegsfilme in die Kinos, der – auf ganz eigene Art und dennoch nachwirkend – das Grauen und die Unmenschlichkeit des Krieges zeigt:
"Der beste Kriegsfilm seit 'Im Westen nichts Neues'": Orson Welles verneigte sich vor diesem Monument des Genres, das 48 Jahre später noch immer erschüttert*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine Provision.