Streaming-Tipp bei Amazon Prime Video: So einen Film habt ihr noch nicht gesehen – versprochen!
Kevin Gawlik
Kevin Gawlik
-Freier Autor
Film ist für Kevin schon immer die große Liebe gewesen. Dabei faszinieren ihn vor allem Grenzerfahrungen im Genrebereich, Gangsterepen und verzaubernde Begegnungen im Arthaus-Segment.

Wo Gaspar Noé draufsteht, erwarten einen Schocks, menschliche Abgründe und ausgefallene Inszenierungstechniken. Warum „Lux Æterna“ mit keinem seiner weiteren Filme vergleichbar ist, verrät unser heutiger Streaming-Tipp von Autor Kevin Gawlik:

Gaspar Noé gilt als Enfant terrible des europäischen Arthaus-Kinos. Seine Filme wie „Menschenfeind“, „Irreversible“ oder „Enter The Void“ prägten die Strömung der New French Extremity, u.a. aufgrund ihrer verstörenden Gewaltszenen. Noé kann aber auch anders. Sein letzter Film „Vortex“ erzählt in gefühlvollen Tönen die letzten Tage eines alten, dementen Ehepaars. Noés vollkommene Hingabe zur Kunst findet wiederum in dem Film „Lux Æterna“ Ausdruck, den ihr im Abo bei Amazon Prime Video streamen könnt.

Der 2019 erschienene und nur 51 Minuten lange Film startet in bester Noé-Manier mit einer „Warnung“ an Menschen mit Fotosensibilität oder Epilepsie. Es folgt ein Zitat Dostojewskis, der vom „unfassbaren Glück“ der Epileptiker, kurz vor dem Anfall, spricht. Noés Mission scheint es, dieses „Glück“ mit den Zuschauenden teilen zu wollen.

Darum geht's in "Lux Æterna"

Ein Filmdreh, bei dem eine Hexenverbrennung gefilmt wird, die ästhetisch der Kreuzigung Jesu gleicht. Die Schauspielenden spielen dabei sich selbst. Im Dialog zwischen Schauspielerin Charlotte Gainsbourg und Regisseurin Béatrice Dalle werden neben Erfahrungen mit Scheiterhaufen und Sexszenen bereits die großen Fragen angesprochen: Rechtfertigt beim Film der Zweck die Mittel und kann man den Film mit einer Droge vergleichen? Noé beantwortet beide Fragen mit „Ja“.

Die Ruhe vor dem Sturm wird schon bald mit dem einkehrenden Chaos des Filmdrehs aufgebrochen. Der Produzent will die Regisseurin feuern, Charlotte bekommt einen beunruhigenden Anruf ihrer Tochter, Karl Glusman möchte Stars für seinen eigenen Debütfilm gewinnen und an der Ecke lauert dann auch noch ein Journalist, der sich in das Getümmel einmischt.

Die Eindrücke vom Set entwickeln sich zum hysterischen Filmdreh, bis die finale Eskalationsstufe ein zehnminütiges Farb- und Lichtcrescendo auslöst, das am ehesten mit einer körperlichen Erfahrung zwischen Folter und Ekstase beschrieben werden kann. Das muss selbst erlebt werden – und habt ihr so ganz bestimmt noch nie erlebt!

Von der Pflicht des Regisseurs den Film zur Kunst zu erheben

Besonders an „Lux Æterna“ sind die eingebetteten Texttafeln, die in essayistischer Form zum Philosophieren über den Film einladen. Zitiert werden dabei große Autorenfilmer und Vertreter bekannter Bewegungen wie Carl Theodor Dreyer („Die Passion der Jeanne d’Arc“), Rainer Werner Fassbinder („Angst essen Seele auf“) oder Jean-Luc Godard („Außer Atem“).

Es wird von der Pflicht den Film zur Kunst zu erheben gesprochen, von der eigenen erkennbaren Handschrift und davon, dass man in Ausnahmesituationen zum Diktator wird. Die Zitate liefern eine Einordnung des Films zwischen Bewunderung der Altmeister des Autorenkinos und Noés eigener, selbstreferenzieller Einordnung in die Rolle als Regisseur.

Lux Æterna
Lux Æterna
Starttermin 14. Mai 2021 | 0 Std. 51 Min.
Von Gaspar Noé
Mit Charlotte Gainsbourg, Béatrice Dalle, Mica Argañaraz
User-Wertung
3,0
Filmstarts
3,5

Formal wechselt Noé immer wieder in den Splitscreen, am Ende sind es gar drei Aufnahmen, die wir gleichzeitig beobachten. Das Bild ist dabei mal in schmaler 4:3-Optik und mal im Widescreen zu bestaunen. Die Musik sticht hervor, wenn am Ende Verdis Requiem „Dies irae“ ertönt und die bevorstehende Apokalypse unserer Sehgewohnheiten eingeläutet wird.

„Lux Æterna“ ist trotz kurzer Laufzeit ein äußerst vielseitiger und dichter Film, der immer wieder neue Entdeckungen hervorbringt. Formal ist der Film natürlich alles andere als gewöhnlich, doch wer zur Experimentierfreude neigt oder auf der Suche nach der nächsten filmischen Grenzerfahrung ist, wird sich schon bald zwischen Rausch und epileptischem Anfall gefangen finden. Ich wünsche einen sicheren Trip!

*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.

facebook Tweet
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren