Seit den 1960er-Jahren gilt Marco Bellocchio als einer der unbequemsten Regisseure Italiens. Seine Filme kreisen um Macht, Mafia, Religion, Politik – und nicht selten auch um die Frage, was Systeme mit und aus Menschen machen. Für sein Lebenswerk, darunter Klassiker des europäischen Arthouse-Kinos wie „Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ oder „Mit der Faust in der Tasche“, erhielt er Ehrenpreise sowohl in Venedig als auch in Cannes.
Als „zukünftigen Klassiker“ betitelte der Guardian auch seinen letzten Langfilm „Die Bologna-Entführung - Geraubt im Namen des Papstes“ (Originaltitel: „Rapito“), mit dem Bellocchio 2023 in den Wettbewerb von Cannes zurückkehrte. Inspiriert ist dieser von dem wahren Fall von Edgardo Mortara, der weltweit für Schlagzeilen und politische Proteste sorgte. Das imposante Historien-Drama könnt ihr am heutigen Sonntagabend um 20.15 Uhr auf arte sehen.
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Bologna, 1858: Auf Befehl von Papst Pius IX (Paolo Pierobon) dringen Soldaten mitten in der Nacht in das Haus einer jüdischen Familie und verschleppen ihren sechsjährigen Sohn Edgardo Mortara (Enea Sala). Jahre zuvor soll eine christliche Haushälterin den Jungen heimlich getauft haben – womit er als Christ nach Recht des Kirchenstaates nicht mehr bei seiner jüdischen Familie leben durfte.
Fortan wächst Edgardo unter der Obhut des Papstes und der Kirche auf. Seine Familie gibt nicht auf, um ihn zu kämpfen – doch die Macht der Kirche ist zu groß. Am Ende sogar so groß, dass Edgardo ihr selbst als Erwachsener treu ergeben ist …
Der Fall Edgardos, der bereits damals für einen Skandal sorgte, hat durchaus den Brennstoff für historisches Prestige-Kino – nicht umsonst plante niemand geringerer als Steven Spielberg, den Stoff zu verfilmen, scheiterte letztendlich aber an der Besetzung des kleinen Edgardo. Umso beeindruckender ist nun Enea Sala in der Rolle: Mit stillen Blicken und vorsichtigen Reaktionen vermittelt er die innere Zerrissenheit eines Kindes, das zwischen Familie, Religion und Fremdbestimmung aufwächst.
Düstere Schwere, atmosphärische Distanz
Die Brisanz der Geschichte von „Die Bologna-Entführung - Geraubt im Namen des Papstes“ liegt zweifelsohne in der Wahrheit der Geschichte und damit verbundenen Kritik an religiösem Machtmissbrauch und institutionellem Fanatismus. Nichtsdestotrotz bleibt der Film streckenweise hinter seinem Inhalt zurück – es entsteht eine gewisse Distanz, die trotz der Schwere des Themas eine emotionale Greifbarkeit vermissen lässt.
Was am Ende bleibt, ist die Wuchtigkeit der Atmosphäre – dunkle Kirchenräume, in Kerzenlicht getaucht, schwerer Samt und Brokat und alte Mauern und Schauplätze von historischer Dichte erzeugen ein kunstvoll inszeniertes Tableau, das hängen bleibt.
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Heute Abend streamen: Ein bildgewaltiges Historien-Epos vom "Gladiator"-Macher, das zu Unrecht in Vergessenheit geraten istFILMSTARTS bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Abonniere FILMSTARTS hier bei Google Discover, um auch unsere Kritiken, Interviews, Streaming- und TV-Tipps sowie die besten und interessantesten Geschichten über deine Lieblingsfilme und -serien nicht zu verpassen.
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