Lang hat es gedauert, bis „Blue Moon“ nach Deutschland zurückgekehrt ist: Der tragikomische Film von „School Of Rock“-Regisseur Richard Linklater feierte seine Weltpremiere im Februar 2025 auf der Berlinale. Erst im März 2026 lief der Film dann regulär in den hiesigen Kinos an – in der Zwischenzeit holte er sich zwei Oscar-Nominierungen („Bester Hauptdarsteller“ und „Bestes Originaldrehbuch“) und diverse Auszeichnungen der US-Filmpresse.
Auch der Verfasser dieses Heimkino-Tipps ist von „Blue Moon“ angetan: Er gehört für mich zwar nicht in die Top 5 der besten Filme mit „Moon Knight“-Fiesling Ethan Hawke. Aber seine fiktionalisierte Version des Liedtexters Lorenz Hart zählt für mich zu den besten Rollen, die der „Before Midnight“-Star je übernommen hat. Ab sofort könnt ihr „Blue Moon“ im Heimkino nachholen!
Darum geht es in "Blue Moon"
31. März 1943: Songtexter Lorenz Hart (Ethan Hawke) erlebt einen Tiefschlag. Sein früherer Kreativpartner, der Komponist Richard Rodgers (Andrew Scott), wird triumphal für das Musical „Oklahoma!“ gefeiert, das er ohne ihn verwirklicht hat. Derweil dämmert Hart in einer Bar namens Sardi's, dass sein eigener Ruhm zu verblassen droht, und sein Schwarm Elizabeth Weiland (Margaret Qualley) kaum Zeit für ihn hat. Hart versinkt in Zweifeln, Selbstkritik und einer tiefen, von philosophischen Monologen über die schönen Dinge verzierten Lebenskrise...
Es ist nicht so, wie es scheint...
Jahrzehntelang zählte Lorenz Hart zur Speerspitze des Broadways: Mit Richard Rodgers stemmte er Musicals wie „Pal Joey“ und „Die lustige Witwe“ sowie den seit 1933 verlässlich zum wehmütigen Schwärmen anleitenden Jazzstandard „Blue Moon“. Dann zerbrach seine Arbeitsbeziehung mit Rodgers, der sich mit Oscar Hammerstein II in ein neues Hoch steigerte.
Unter der Regie Linklaters, in der an mühselig recherchierten Fakten orientierten Fiktion des Drehbuchautoren Robert Kaplow und durch das hingebungsvolle, feingliedrig-facettenreiche Spiel Hawkes erhält Hart einen amüsanten, schwermütigen, eloquenten und herzzerreißenden Filmtribut: Hart, wie er in „Blue Moon“ skizziert wird, lebt für Ästhetik – sei sie visuell, akustisch, journalistisch oder literarisch. Er lebt derart für Ästhetik, dass er sich selbst noch kleiner macht, als er aufgrund seines kurzen, untersetzten Körperbaus eh ist, weil er seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt. Und weil er die Nähe von Leuten sucht, durch die er menschlich kleiner wirkt, als es nötig wäre.
Allen voran: Elizabeth Weiland, die nicht einmal halb so alt wie er ist, und für die er als schwuler Mann sexuell nicht ehrlich was übrig hat. Doch weil die belesene, lebhaft-elegante und charakterlich durch und durch faszinierende Kunststudentin so gut in seine ästhetischen Vorstellungen von Aussehen, Persönlichkeit und Interessensgebieten passt, erklärt er sich zum „Omnisexuellen“ und schwärmt von ihr wie ein unbeholfener Schuljunge.
Sony Pictures
Das finden Umstehende wahlweise erbärmlich, gruselig, irritierend oder bemitleidenswert. Nur das anerkennende, zugleich empathisch Abstand wahrende Lächeln Qualleys lässt erahnen, dass zumindest Elizabeth und Lorenz tief im Inneren wissen, dass sie zwecks Zerstreuung, intellektuelle Bereicherung und Ego-Gestreichel bloß ein Schauspiel aufführen.
Dieser nuancierte Handlungsfaden dürfte dafür sorgen, dass „Blue Moon“ manchen Zuschauer*innen so schwer runtergeht wie die Spirituosen, die Hart reihenweise in sich schüttet. Einem 47-Jährigen dabei zuzuschauen, (performativ) eine 20-Jährige zu hofieren, brennt sich bis zur charaktervollen Schlussnote unbequem durch. Das muss man schon verdauen können, um auch die ambivalenteren, feinen Zwischennoten dieser berührenden „Unglücklicher, einsamer, queerer Mann blüht auf, wenn er den Anekdoten einer selbstbewussten, begehrten Frau lauscht“-Geschichte heraus zu kosten.
Erfrischend-spritzig ist derweil „Blue Jasmine“-Mime Bobby Cannavale als schlagfertiger, augenzwinkernd-ungeduldiger Barkeeper Eddie, der Paroli bietet und grummelnd Ratschläge gibt. Dank Cannavales verspielter Schnute und keckem Augenfunkeln kommt so kein Stereotyp, sondern eine markante Type zustande. Sollten Linklater und Kaplow weitere Kammerspiele über prägende Namen der Unterhaltungskunst planen – hoffentlich spielen sie alle bei „Doktor Bacardi“ an der Theke!
...doch der Schein der Kunst schimmert noch immer
Das Herzstück des Films ist dennoch Hawke, der Lorenz Hart so beneidenswert leidenschaftlich, so bedauernswert unzufrieden spielt. Nicht nur, wenn er Elizabeth hinterherschaut (und seine Augen noch mehr funkeln, wenn er über seine Idee von ihr spricht), oder er seinem Ex-Kreativpartner vergeblich Ideen vorschlägt. Sondern vor allem, wenn er jedem, der nicht schnell genug davon spaziert, passioniert von Kunst, Kultur, Unterhaltung und Zeitgeist erzählt. Und von seinem tragisch-poetischen Selbstbild.
Enttäuschungen, Hoffnungen, Gedanken und Vermutungen werden rhythmisch aneinandergereiht und mit paradoxem Gesichtsausdruck dargeboten – einem grüblerischen Dackelblick, der alles auf einmal auszusagen scheint, und dennoch Interpretationsspielraum lässt. Wer sich auf „Blue Moon“ einlässt, wird sich dank dieser Performance in eine Lorenz-Hart-Phase stürzen wollen – und das ist definitiv gesünder, als sich wie Lorenz Hart ins Hochprozentige zu stürzen.
Falls ihr davor noch Hintergrundinfos über Hart und „Blue Moon“ benötigt, dann solltet ihr euch erst einmal unser folgendes Interview zu Gemüte führen:
"Weißt du was? Halt die Klappe!": Wir sprechen mit "Blue Moon"-Regisseur Richard Linklater über Ethan Hawke, vergessene Künstler und Alkohol-ProblemeUnsere Seite bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Füge FILMSTARTS bei Google als bevorzugte Quelle hinzu, um unsere Artikel dort häufiger angezeigt zu bekommen, wenn du nach einem bestimmten Thema suchst – so bleibst du immer auf dem Laufenden.
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