Zwei Wochen ist es her, dass Regisseur Richard Linklaters cineastische Liebeserklärung an die „Nouvelle Vague“ gestartet ist, schon kommt sein nächster Film „Blue Moon“ in die Kinos. Ethan Hawke, den mit Linklater eine langjährige Zusammenarbeitet verbindet, wurde bei den 97. Oscars für seine Performance des US-amerikanischen Broadway-Autors Lorenz „Larry“ Hart als bester Hauptdarsteller nominiert. Andrew Scott bekam als Hawkes Gegenspieler auf der 75. Berlinale den silbernen Schauspiel-Bären. Rückblickend beschreibt Ethan Hawke die Rolle des 1,52 Meter kleinen Mannes als seine herausforderndste.
Gemeinsam seinen langjährigen Kreativpartner Richard Rodgers (Andrew Scott) schrieb Larry Hart (Ethan Hawke) Broadway-Hits wie „The Lady is a Tramp”, „My Funny Valentine” oder den titelgebenden Song „Blue Moon“. Im New Yorker Restaurant „Sardi’s“ treffen sie in Linklaters „Blue Moon“ am Abend von Rogers größtem Triumph „Oklahoma!“ aufeinander. Für Rogers ist das Musical der Grundstein einer Erfolgsallianz mit Oscar Hammerstein II (Simon Delaney), Hart hat er abgeschrieben. Selbst Harts geliebte Muse Elizabeth Weiland (Margaret Qualley) sieht sich anderweitig um.
Richard Linklaters „Blue Moon“ feierte seine Weltpremiere auf der 75. Berlinale im Wettbewerb, wo FILMSTARTS-Autorin Susanne Gietl den Regisseur getroffen hat, um mit ihm über Erfolg und Misserfolg und Ethan Hawkes Performance zu sprechen.
Privat
FILMSTARTS: 1995 bist du zum ersten Mal mit Ethan Hawke auf dem Sundance Film Festival in Erscheinung getreten, „Blue Moon“ ist nun die neunte Zusammenarbeit mit Ethan Hawke. Was ist das Besondere an eurer Verbindung?
Richard Linklater: Ich erinnere mich, dass mich sogar jemand auf dem Festival fragte, ob wir ein weiteres Mal zusammenarbeiten würden. Ich hatte es gehofft, aber letzten Endes weiß man nie, was die Zukunft bringt. Wir hätten nie gedacht, dass wir eine Fortsetzung von „Before Sunrise“ drehen würden, geschweige denn, dass es sogar noch zwei weitere Filme der „Before“-Reihe („Before Sunset“(2004), „Before Midnight“ (2013)) geben würde. Es passt einfach sehr gut, weil wir uns gegenseitig anspornen.
FILMSTARTS: Wie habt ihr euch dem Skript von Robert Kaplow genähert?
Richard Linklater: Über die Jahre haben wir das Skript mehrfach überarbeitet, weil ich unbedingt wollte, dass sich der Film wie ein hundertminütiger Rodgers & Hart-Song anfühlt. Er sollte romantisch sein, traurig, lustig und schön. Diesen Ton zu treffen war wirklich sehr schwierig. Das Starke an „Blue Moon“ ist das Konzept, dass der Film in dieser einen Nacht spielt.
Es ist eine abwegige Idee, dass Larry Hart beim Triumph eines anderen anwesend sein würde. Er ist der Mann, der in Vergessenheit geraten ist. „Blue Moon“ ist ein Breakup-Movie, aber eben nicht mit zwei Liebenden, sondern mit zwei Künstlern. Um das Gelebte glaubhaft zu verkörpern, musste Ethan zehn Jahre warten. Er scherzt gerne darüber, dass ich ihm gesagt haben soll: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Wir drehen einen Film. Die schlechte Nachricht: Niemand will mehr mit dir drehen. Jetzt bist du bereit, Larry Hart zu spielen.“
FILMSTARTS: Ethan Hawke beschreibt die Rolle des Larry Hart als seine größte Herausforderung, weil sich seine Dynamik im Film immer wieder ändert. Von schnell zu langsam, albern oder herzerweichend. Um Hart zu werden, ließ er sich für den Toupet-Look eine Halbglatze scheren. Er trug zu große Anzüge, um kleiner zu wirken, einige Möbel wurden für ihn größer gebaut und er wurde in einen Graben gestellt. Man muss wirklich genau hinsehen, um den 1,79 Meter großen Ethan Hawke hinter Harts kleiner Gestalt zu erkennen.
Richard Linklater: Die Arbeit an „Blue Moon“ war aus Sicht eines Schauspielers sehr anstrengend. Allein, womit Ethan körperlich und mental zu kämpfen hatte. Er war wirklich am Limit. Ich habe ihm dann gesagt, dass es mir mit dem Film genauso geht und dass es eine gute Ausgangslage für einen Künstler ist, sich dessen bewusst zu sein. Ethan ist einfach ein toller Partner. Manche Menschen geben sich irgendwann zufrieden und werden träge - wir beide sind das Gegenteil.
FILMSTARTS: Wie bist du damit umgegangen, dass Larry Hart so klein war?
Richard Linklater: Jeder Film hat sein eigenes Kreuz zu tragen. Hier mussten wir sicherstellen, dass Larrys Größe mit allem harmoniert. Deshalb habe ich versucht, die Aufmerksamkeit nicht darauf zu lenken, sondern mit Schauspielern und Dialogen zu überzeugen.
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FILMSTARTS: Im Film erzählt Hart, wie er sich mit einer Mittelklasse-Maus, die er in der Küche gefangen hat, identifiziert - einem verzweifelten Stuart Little in New York. Das ist ein sehr starkes Bild!
Richard Linklater: Larry Hart hatte denselben Ausdruck von hoffnungsloser Verzweiflung und diese unbedingte Hoffnung, dass alles gut wird. Alles ist durchdrungen von seiner großen und glorreichen Vergangenheit. Larry war ein begnadeter Songwriter. Am Broadway sind damals unzählige Musicals mit Rodgers entstanden, gemeinsam schrieben sie Filmsongs für Hollywood Filme. Es war eine großartige Zeit für Larry Hart. Im Film ist sich Larry dessen sehr bewusst, dass seine Zeit nun abgelaufen ist.
Man sagt, dass wir Menschen die einzige Spezies sind, die sich ihrer Sterblichkeit voll bewusst ist. Tiere haben einen Instinkt, um am Leben zu bleiben, aber wir wissen, was auf uns zukommt. Genauso ist es mit Künstlerkarrieren. Wir alle glauben, wir könnten ewig weitermachen, aber die Zeiten können sich ändern. Es gibt eine gewisse künstlerische Verletzlichkeit, die ich schon immer gespürt habe. Schauspieler altern. Musik wird altmodisch. Das berührt mich.
FILMSTARTS: Du hast einmal über deine Filme gesagt, dass sie alle sehr persönlich sind. Wer bist du in der Handlung von „Blue Moon“?
Richard Linklater: Ich weiß es nicht, wahrscheinlich bin ich eher ein Rogers als ein Hart. Denn ich bin der Typ, der Leute ersetzt, die Alkoholprobleme haben, obwohl ich sie liebe, damit die Produktion nicht darunter leidet. Das ist eine unangenehme Situation. Oder vielleicht steckt auch ein bisschen was von mir in beiden. Mein Herz schlägt für Larry. Er ist das Genie, das sich langsam zurückzieht. Das steckt in jedem Künstler. Man fragt sich: Interessiert das überhaupt noch jemanden? Selbst wenn man auf dem Höhepunkt der Karriere ist und alles super läuft, ist man verwundbar.
FILMSTARTS: Larry Hart ist verzweifelt und alkoholabhängig. Handelt der Film davon, was Kunst aus einem machen kann?
Richard Linklater: Es ist schwer, einen Alkoholiker zu fragen, warum er trinkt. Es kann genetisch bedingt sein, dass Larry zwanghaft nach Alkohol verlangt. Larry hat es ziemlich schwer getroffen. Er ist klein und in einer Zeit schwul, in der das illegal ist. Er ist der Sohn jüdischer Einwanderer - und er hat eben dieses Alkoholproblem. Den ganzen Abend aus Larry Harts Perspektive zu sehen, ist schön und traurig zugleich.
Besonders an einem Abend wie diesem lastet viel Druck auf ihm. Es gibt das Sprichwort: „Gegangen, aber nicht vergessen.“ Der Slogan für diesen Film würde lauten: „Vergessen, aber nicht verschwunden“. Larrys Anwesenheit bringt die Leute in Verlegenheit. Sie wünschen sich fast, er wäre nicht da. Ist das nicht ein schreckliches Gefühl? Das ist, als würde man die Hochzeit seines Ex-Partners besuchen. Normalerweise geht man nicht hin oder man wird gar nicht erst zur Hochzeit eingeladen.
FILMSTARTS: Der Film beginnt an der Bar und endet auch dort, obwohl Larry Hart sich durch das „Sardi’s“ bewegt. Bedeutet das, dass Larry Hart auf der Stelle tritt?
Richard Linklater: Ich glaube schon. Die Bar ist eine Metapher dafür, festzustecken. Wir lassen einfach eine Kamera an diesem Tag im Jahr 1943 herab, nehmen die Stimmung auf und sehen uns an, was geschieht. Larry fühlt sich an der Bar wohl. Der Barkeeper muss ihm zuhören, weil das auch ein bisschen sein Job ist. Larry nimmt Platz ein, indem er redet. Ich mag ihn. Ich habe mich gefragt, wie man eine Begegnung mit jemandem wie ihm Jahre später beschreiben würde: Ein bisschen nervig, aber unterm Strich ist man froh, ihn getroffen zu haben.
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FILMSTARTS: Rodgers respektiert Hart aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit, im Film empfinden manche Mitleid und andere nehmen ihn gar nicht wahr. Auch das Publikum hat unterschiedliche Wahrnehmungen. Darin sehe ich eine gewisse Spiegelung. Auf Letterboxd hat jemand einfach geschrieben: „Hör auf zu reden!“ Das ist die ganze Kritik. Vielleicht ist es für manche Leute zu viel Gerede?
Richard Linklater: Ist das so? Ich weiß es nicht. Aber ja, es ist eine Herausforderung. Larry redet viel und schnell. Ich weiß nicht, ob es eine Quote für das Redevolumen pro Minute in einem Film gibt, aber wir würden da ziemlich weit oben liegen. Wir sind kein Spionagethriller, in dem minutenlang kein Dialog stattfindet. Es geht nonstop weiter. Wir alle haben betrunkene Freunde, denen wir gerne sagen würden: „Weißt du was? Halt die Klappe!“ In dieser speziellen Nacht wird Larry tatsächlich zum Schweigen gebracht. Am Ende, als sein Kumpel und seine Freundin zusammen die Bar verlassen, ist er für eine Weile irgendwie still. Das ist ziemlich niederschmetternd.
FILMSTARTS: Larry Hart spricht über den Zweiten Weltkrieg, der kein Ende zu finden scheint. Was bedeutet diese gesellschaftspolitische Komponente, wenn man das heute einbezieht?
Richard Linklater: Nationale und internationale Politik kommt und geht. Es ist schwer, das konkret im Film widerzuspiegeln. Es gibt eine Politik des Alltags im Sinne von Fassbinder. Die Beziehung von Rodgers und Hart ist politisch. Es gibt einen, der liebt, und einen, der geliebt wird. Sie sind nicht gleich.
Wenn mich Leute nach der Politik der heutigen Zeit fragen, sage ich: Schaut euch die Politik des Jahres 1943 an! In genau diesem Moment, in dem sie sich in der Bar befinden, sterben Millionen von Menschen und sie regen sich über ein Musical auf! Das Leben ging einfach weiter, egal wie schrecklich die Dinge waren. Was jetzt geschieht, ist nichts im Vergleich dazu, aber dennoch bedrohlich.