Als auf Film gedrehtes, zwischenzeitlich auf einem Segelschiff spielendes, mit Amanda Seyfried in der Hauptrolle besetztes Historienmusical über Emanzipation, Sexualität und Glaubensfragen war „The Testament Of Ann Lee“ ein Titel sicher: Der des von mir am heißesten erwarteten Films 2026. Doch wie leidgeprüfte Filmfans wissen, mündet Hoffnung nicht selten in herbe Enttäuschung.
Während meines ersten „The Testament Of Ann Lee“-Kinobesuchs (von dreien) verspürte ich indes beflügelnde Freude: Das von „The World To Come“-Regisseurin Mona Fastvold inszenierte, von ihr mit „Der Brutalist“-Regisseur Brady Corbet verfasste Musicalepos über die Gründerin der amerikanischen Shaker-Bewegung erfüllte nicht bloß meine Erwartungen, sondern tanzte mitreißend, fabelhaft über sie hinaus.
Leider sahen sich weitaus weniger Menschen diesen Ausnahmefilm in den deutschen Kinos an als er es verdient hatte. Doch nun könnt ihr ihn nachholen (oder euch zum wiederholten Male von ihm packen lassen), denn ab sofort ist „The Testament Of Ann Lee“ bei Disney+ abrufbar!
Darum geht es in "The Testament Of Ann Lee"
Manchester im 18. Jahrhundert: Ann Lee (Amanda Seyfried) wächst als eines von vielen Kindern einer Familie aus der gebeutelten Arbeiterklasse auf. Bereits in früher Kindheit muss sie daher in einer Baumwollspinnerei schuften. Sie wird später zu einer das Wohl ihrer Mitmenschen stets im Blick habenden Köchin, die zwar gläubig ist, die streng abstrafende Kirche Englands jedoch ablehnt. Eines Tages lernt sie allerdings eine religiöse Gemeinde kennen, die nicht daran glaubt, dass sich Frauen den Männern unterwerfen sollten.
Zudem hält sie keine starren Gottesdienste mit mahnenden Predigten ab. Stattdessen sprechen die Mitglieder darüber, was sie umsorgt, um dann gemeinsam zu singen und zu tanzen, bis sie sich der Ekstase nähern und alle Sorgen von ihnen fallen. In dieser Gemeinde lernt Ann Lee den von SM-Praktiken faszinierten Abraham (Christopher Abbott) kennen.
Sie heiraten, doch Abrahams sexuelle Vorlieben missfallen Ann Lee, die noch dazu eine Reihe traumatischer Kindstode durchstehen muss. Das Paar entfremdet sich, aber Ann Lee und ihre engste Freundin Mary Partington (Thomasin McKenzie) haben ein neues Ziel:
Sie wollen mit Gleichgesinnten nach Amerika, wo religiöse Freiheit versprochen wird und daher der Traum einer neuen, utopischen (und sexlosen) Gemeinschaft greifbar scheint. Allerdings erweist sich bereits die Überfahrt als eine von vielen, harten Proben...
Amanda Seyfried ist noch umwerfender als sonst
Das tragende Element dieses Historienmusicals ist die im Zentrum befindliche Amanda Seyfried. Der „Mamma Mia!“-Star ist als Protagonistin auf glaubhaft-bewegende Weise tief verletzt sowie verbissen in ihren Bemühungen, für sich selbst und ihre Nächsten Sinn zu stiften. Sie steigert sich dabei in eine beseelende, mütterlich-fürsorgliche Rolle hinein und lässt dennoch Raum für Spekulation ob der tieferen Beweggründe und wahren Annahmen Ann Lees. Kurzum: Seyfried liefert eine Karrierebestleistung ab!
Die oftmals bloß von Kerzenlicht oder gedämpftem Sonnenlicht erhellten Schauplätze, an denen Ann Lee ihre Überzeugungen predigt und vorlebt, gleichen dank der malerischen, leichte Schlieren und Verzerrungen aufweisenden Bilder des Kameramanns William Rexer diesigen Erinnerungen an Ereignisse, die man zu oft nacherzählt hat:
Mit vor Details überbordenden Hintergründen, verlebten Kostümen und starkem Augenmerk auf historische Genauigkeit fußen die Einzelbilder von „The Testament Of Ann Lee“ auf der Wirklichkeit. Aber angesichts ihrer verwaschenen Komposition und gleitenden Abfolge erzeugen sie selbst abseits der Tanz- und Gesangseinlagen und sporadisch visualisierten Visionen ein Gespür des Herbeifabulierten – als überschreibe der verinnerlichte Eindruck die Wahrheit.
Mehrdeutig, aber einfach mitreißend
Intensiviert wird dies durch den wiederkehrenden Kommentar der als Erzählerin dienenden Mary Partington, die „Last Night In Soho“-Star Thomasin McKenzie salbungsvoll sprechen und Ann Lee wiederholt schwärmende Blicke zuwerfen lässt: Wir erleben Ann Lee aus der nicht zwingend zuverlässigen Nacherzählung einer Glaubensgenossin, die womöglich ein verträumtes Auge auf die Titelheldin geworfen hat – oder gar eine romantische Beziehung zu ihr hegte, dies aber tief, tief zwischen den Zeilen zu vergraben versucht.
Daher bleibt es dem Publikum überlassen, ob es die These, Menschen kämen Gott bloß durchs Zölibat näher, als Ann Lees ehrliche, religiöse Überzeugung interpretieren möchte. Oder als Schutzmechanismus einer missbrauchten, unglücklichen Frau. Oder als Behauptung, um in einer von Religion und patriarchaler Denke dominierten Welt einen sicheren Hort zu erschaffen, den Asexuelle und Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen damals nicht hatten.
Mehrdeutig sind obendrein die ausufernden Szenen, in denen Ann Lee und ihre Gemeinde rhythmisch tanzen, zucken, stöhnen und kreischen: Manche dürfen darin einen Ersatz für den bei den Shakern verbotenen Sex sehen, Andere einen religiösen Wahn, wieder Andere eine befreiende Verausgabung sowie unverfälschten Ausdruck gegenseitigen Vertrauens und ausgelebter Lebensfreude. Eindeutig ist indes, wie mächtig und packend diese körperlichen, vitalen Massenszenen sind und wie sehr die auf Shaker-Hymnen basierende Musik des „Der Brutalist“-Komponisten Daniel Blumberg unter die Haut geht.
Nach dem von „The Testament Of Ann Lee“ gebotenen, viszeralen Crescendo aus Leid und Erlösung stellt sich dem geneigten Publikum zudem sicherlich die Frage, was Corbet oder Fastvold jetzt planen. Und zumindest über Corbets kommenden Film gibt es Neuigkeiten, die wir euch im folgenden Artikel aufschlüsseln:
Der Regisseur eines der besten Filme 2025 arbeitet an 4-Stunden-Western-Epos für Erwachsene – und nun stößt auch eine Oscar-Preisträgerin zum CastUnsere Seite bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Füge FILMSTARTS bei Google als bevorzugte Quelle hinzu, um unsere Artikel dort häufiger angezeigt zu bekommen, wenn du nach einem bestimmten Thema suchst – so bleibst du immer auf dem Laufenden.
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