Einer der besten (und wichtigsten!) Filme aller Zeiten: Dieses 4-Stunden-Meisterwerk war so brisant, dass es jahrelang aus dem Fernsehen verbannt wurde
Dobrila Kontic
Dobrila Kontic
-Freie Autorin
Zu Dobrilas Lieblingsfilmen gehört Düster-Melancholisches ("Donnie Darko") bis Dystopisches ("Children Of Men"), aber schwarzhumorigen Komödien und Satiren kann sie auch viel abgewinnen.

Mit „Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Kriege“ legte Regisseur Marcel Ophüls 1969 eine eindrückliche Doku über Frankreich unter deutscher Besatzung vor – und erntete neben Lob auch allerlei Vorwürfe.

NDR / SRG

Gerade einmal um die 30 Dokumentarfilme finden sich auf der regelmäßig bei Rotten Tomatoes aktualisierten Liste der „300 Besten Filme aller Zeiten“. Einen dieser raren Plätze belegt die Doku „Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Kriege“. Der von Marcel Ophüls (1927-2025) stammende Film wurde nach seiner Entstehung 1969 in zahlreichen Kinos Frankreichs gezeigt, anschließend in 27 Länder verkauft und für den Oscar als Bester Dokumentarfilm nominiert.

Doch die Resonanz auf „Das Haus nebenan“, der sich mit der französischen Gesellschaft zur Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg befasst, fiel nicht nur positiv aus: Das Bild, das Ophüls anhand von historischem Bildmaterial und zahlreichen Interviews von einem Frankreich zwischen Widerstand und Kollaboration malte, sorgte für Aufregung, hitzige Diskussionen und eine Weigerung, den Film im französischen Fernsehen auszustrahlen…

Juden ist der Zutritt zu diesem französischen Hotel untersagt, zeigt diese Archivaufnahme. NDR / SRG
Juden ist der Zutritt zu diesem französischen Hotel untersagt, zeigt diese Archivaufnahme.

Ein durchbrochener Mythos

Womit hatte Ophüls, der mit seinen Eltern Max Ophüls und Hilde Wall während des Zweiten Weltkriegs von Deutschland nach Frankreich und anschließend in die USA fliehen musste, so viele Franzosen derart verärgert? Nun, zum Zeitpunkt des Erscheinens wurde in Frankreich ein Selbstbild von einer im Widerstand gegen die deutsche Besatzung größtenteils geeinten Bevölkerung gepflegt. Erste Brüche erfuhr dieser Mythos einer umfassenden Beteiligung an der Résistance ab 1968: Nachkriegsgeborene Franzosen begannen, ihre Eltern zu Taten und Untätigkeit während der deutschen Besatzung zu befragen.

Das Haus nebenan - Chronik einer französischen Stadt im Kriege
Das Haus nebenan - Chronik einer französischen Stadt im Kriege
Starttermin 18. September 1969 | 4 Std. 20 Min.
Von Marcel Ophüls
Mit Georges Bidault, Matthäus Bleibinger, Charles Braun (I)

Genau in diese Kerbe schlug Ophüls, indem er sich für seine über vierstündige Doku „Das Haus nebenan“ als Beispiel die Stadt Clermont-Ferrand in Zentralfrankreich vornahm, über zwei Jahre lang historisches Archivmaterial durchforstete und zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen aus allen Gesellschaftsschichten führte. Was vor der Kamera zutage trat, war ein breitgefächertes Bild von Menschen, die sich tatsächlich unter höchster Gefahr in der Résistance engagierten, aber eben auch von Kollaborateuren, passiven Förderern und Nazi-Sympathisanten, die sogar in vorauseilendem Gehorsam handelten. Behutsam, aber mit zunehmendem Nachdruck befragte Ophüls seine Gesprächspartner und warf einen differenzierten und der Wahrheit verpflichteten Blick auf das französische kollektive Gedächtnis.

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Lange anhaltende Kritik

Schon kurz nach der Fertigstellung von „Das Haus nebenan“ stieß Ophüls mit seinem Projekt auf Widerstand: Der vom NDR und zwei Schweizer Rundfunkanstalten kofinanzierte Film sollte eigentlich schon 1969 beim öffentlich-rechtlichen französischen Sender ORTF laufen. Die Sender-Verantwortlichen lehnten dies aber nach der ersten Sichtung der Doku ab.

So feierte „Das Haus nebenan“ 1971 als Kino-Film Premiere und bekam viel Zuspruch von einem jüngeren, an einer Klärung der Vergangenheit interessierten Publikum. Zugleich aber hagelte es Kritik von anderen, die den Film als einseitig empfanden, Ophüls eine unpatriotische Gesinnung vorwarfen und das Bild von einem einhelligen Widerstand gegen die Besatzung partout aufrechterhalten wollten. Diese Ablehnung von Ophüls‘ unbequemem Film hielt lang an: Erst zehn Jahre später wurde „Das Haus nebenan“ auch im französischen Fernsehen gezeigt.

Wie sehr der Film nach seiner Kino-Premiere die französische Gesellschaft durchrüttelte, erfahrt ihr in der bis zum 23. Juni 2026 verfügbaren arte-Dokumentation „Ein Film, ein Schock: Das Haus nebenan“.

Welcher Film des „Das Haus nebenan“-Regisseurs sogar Stanley Kubrick nachhaltig beeindruckte, könnt ihr hier nachlesen:

"Er sprach noch kurz vor seinem Tod begeistert darüber": Meisterregisseur Stanley Kubrick war regelrecht besessen von diesem Kriegsfilm-Meisterwerk

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