Neu im Heimkino: Dieser Horror-Geheimtipp war einst nur geschnitten – jetzt gibt es ihn (wieder) in voller Länge
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

„Die Wendeltreppe“ ist ein Meilenstein des Film noir, des Thrillerkinos und des Gothic-Horrors – und er beeinflusste ikonische Genre-Hits. Jetzt gibt es ihn uncut und mit zwei Synchros auf Blu-ray. Ein Tipp von FILMSTARTS-Autor Sidney Schering.

Die Wendeltreppe“ ist längst nicht der berühmteste Suspense-Klassiker seiner Ära. Doch selbst wenn sein Ruhm nicht so weit reicht wie etwa der von diversen Hitchcock-Filmen, hat er eine passionierte Fangemeinde. Eine, die ihn – wie ich finde: völlig zurecht – als einflussreichen Meilenstein zelebriert, der sich genau auf der Schnittstelle zwischen Gothic-Horror, Psychothriller und Film noir befindet.

Nach einem deutschen Kinostart 1948 sowie einer gekürzten Kinowiederaufführung in den 1960er-Jahren kam der Klassiker in voller Länge ins hiesige Fernsehen sowie auf den Videomarkt – als Videokassette und DVD. 2022 folgte endlich die deutsche Blu-ray-Premiere*, nun wird nachgelegt: Am 18. Juni 2026 erscheint „Die Wendeltreppe“ als Special Edition auf Blu-ray!

Die Edition enthält ein 20-seitiges Booklet mit Informationen über den Film, außerdem hat das Label Filmjuwelen die Blu-ray mit Bonusmaterial wie etwa einem halbstündigen Radiobeitrag von Regisseur Robert Siodmak und Hauptdarstellerin Dorothy McGuire geschmückt.

Wer schon die Auflage von 2022 besitzt, kennt diese Extras. Neu in der Special Edition ist aber, dass neben dem englischen Originalton und der deutschen Synchronfassung von 1964 eine dritte Tonspur vorliegt: Die lange Zeit verschollen geglaubte, deutsche Ur-Synchro aus dem Jahr 1948!

"Die Wendeltreppe": Starker 40er-Jahre-Grusel, der lange nachwirkt

Ein Serienmörder tötet innerhalb weniger Tage drei Frauen, die über eine Gemeinsamkeit verfügen – sie alle haben ein körperliches Leiden. Daher fürchtet das Dienstmädchen Helen (Dorothy McGuire), das in seiner Kindheit durch einen Vorfall verstummte, nun um sein Leben. Als im düsteren Herrenhaus der Familie Warren die Nacht hereinbricht, kann nur ein Besuch von Dr. Perry (Kent Smith) die verängstigte Helen halbwegs beruhigen. Doch im weitläufigen Anwesen kommt es alsbald zu einem schrecklichen Vorfall...

Es passiert selten, dass die Academy Of Motion Picture Arts and Sciences Schauspielleistungen aus düsteren Genres anerkennt. „Die Wendeltreppe“ ist genau dies gelungen: Ethel Barrymore wurde für ihre Leistung als Frau des Hauses in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ für einen Oscar nominiert. Was derweil nicht von der Academy gewürdigt wurde, wohl aber von der Filmpresse und längst zum größten Erbe von „Die Wendeltreppe“ aufstieg, ist sein herausragender Look.

Winkel, Schatten, Kurven und starke Muster: In diesem Haus kann man sich schnell erdrückt fühlen... Filmjuwelen
Winkel, Schatten, Kurven und starke Muster: In diesem Haus kann man sich schnell erdrückt fühlen...

Siodmak und „Katzenmenschen“-Kameramann Nicholas Musuraca kreieren eine ebenso expressionistische wie eindringliche Bildsprache mit schneidenden Schatten, die das Warren-Anwesen beängstigend verformen. Außerdem gelingt es Siodmak, ein unentwegt stechendes Gefühl der Paranoia zu erzeugen: Man leidet mit der klasse gespielten Helen mit, spürt förmlich, wie sie vom Killer ausgespäht wird. Das geht konsequent in ein Gespür über, gefangen zu sein: So weiträumig das Herrenhaus sein mag, wirkt es noch immer viel zu klein, um der Gefahr entgehen zu können.

„Die Wendeltreppe“ gehört zudem zu den frühesten Werken der Hollywood-Historie, in denen wir vereinzelt die Welt wortwörtlich aus der Sicht des Täters sehen. Solche „Point Of View“-Kameraeinstellungen sind spätestens seit „Halloween“ nicht mehr aus dem Horrorkino wegzudenken. Aber nicht nur dieser Klassiker enthält „Die Wendeltreppe“-DNA. So beginnt er, wie später „Panische Angst“ und „Scream 2“, mit einem schaurigen Kinobesuch. Und Siodmak absolviert einen Cameo, leiht er dem Killer in einer Sequenz doch sein Auge, das uns und sein Opfer in Nahaufnahme anstarrt.

Die kurze Einstellung des gaffenden Auges diente als Vorbild für das berühmteste Bild aus dem hierzulande auch unter dem Titel „Jessy – Die Treppe in den Tod“ bekannten, ersten „Black Christmas“-Films – der wiederum eine der Slasher-Blaupausen schlechthin ist. Ebenso bediente sich der Italo-Schocker „Im Blutrausch des Satans“ an diesem Bild, während Horror-Ass James Wan in seinem ersten „Conjuring“-Teil zahlreiche Shots an die Licht- und Schattenspiele von „Die Wendeltreppe“ angelehnt hat.

Es ist allerdings keinesfalls so, dass sich „Die Wendeltreppe“ heutzutage allein lohnt, um filmische „Ahnenforschung“ zu betreiben. Denn in gerade einmal etwas mehr als 80 Minuten erzählt dieser atemberaubend ausgeleuchtete Film auf stilvoll-spannende Weise von einem regelrechten Horrorabend im Leben einer vermeintlich wehrlosen Frau, die sich behaupten muss. Das ist erstens zeitloser Stoff und zweitens wahrhaft mitreißend und unter die Haut gehend umgesetzt. Tut euch den Gefallen und lasst euch auf „Die Wendeltreppe“ ein. Ihr werdet für Helen schreien wollen!

Aktuellere Thrillerkost stellen wir euch indes im folgenden Heimkino-Tipp vor:

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Dies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.

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