In den 1950ern sprang ein Theaterproduzent dem Kino passioniert zur Seite: Michael Todd setzte sich tatkräftig für die Entwicklung von Breitbildkameras und Verbreitung ausgestatteter Lichtspielhäuser ein. Somit machte er die Filmindustrie bereit, sich dem TV-Boom zu stellen. 1956 kulminierten seine Bemühungen in einer exzessiven Adaption des Romanklassikers „In 80 Tagen um die Welt“.
Für diesen handwerklich ausgefeilten Maximalismus wurden 68.894 Menschen vor der Kamera versammelt, 74.685 Kostüme hergestellt und 140 Kulissen an 112 Drehorten in 13 Ländern errichtet. Darüber hinaus sind im Abenteuer-Komödien-Monumentalfilm 7.959 Tiere zu sehen, darunter 3.800 Schafe, 2.448 Büffel, 512 Rhesusaffen, 800 Pferde, 17 Stiere, 15 Elefanten, sechs Stinktiere, vier Strauße und eine Kuh, die auf Kommando Blumen essen kann.
Dieser Aufwand wurde reich belohnt: „In 80 Tagen um die Welt“ gewann den Oscar für die beste Kamera, den besten Schnitt, die beste Musik, das beste adaptierte Drehbuch und den besten Film, hinzu kamen Nominierungen für die beste Regie, die besten Kostüme und das beste Szenenbild. Wenn ihr diese humorvolle Materialschlacht sehen möchtet: „In 80 Tagen um die Welt“ ist bei WOW* im Abo enthalten und auf diversen Plattformen als VOD verfügbar, etwa Amazon Prime Video.
Darum geht es in "In 80 Tagen um die Welt"
1872: Der unterkühlte Phileas Fogg (David Niven) führt sein Leben nach einem strengen Zeitplan. Dieser wird gehörig auf die Prüfung gestellt, als er mit Mitgliedern seines Londoner Clubs die 20.000 Pfund schwere Wette eingeht, dass er es schafft, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Schon kurz nach Anbruch seiner Reise schlägt das Unglück zu: In London wird ein rätselhafter Bankraub verübt und die Polizei hält Fogg sowie seinen treuen Diener Passepartout (Cantinflas) für die Täter. Also heftet sich Inspector Fix (Robert Newton) dem unter anderem via Heißluftballon, Eisenbahn und Schiff ums Erdenrund reisenden Duo an die Fersen...
Mit Vitamin B und gedeckten Schecks um die Welt gedreht
Regie führte zwar (größtenteils) Michael Anderson, der Mann hinter der 1956 veröffentlichten Adaption des dystopischen Romans „1984“ und dem ebenfalls pessimistischen Sci-Fi-Actioner „Flucht ins 23. Jahrhundert“. Doch die Filmgeschichtsschreibung lässt keinen Zweifel zu, dass „In 80 Tagen um die Welt“ in erster Linie ein Passionsprojekt seines Produzenten war. Das zeigt sich schon daran, dass ursprünglich John Farrow („Der Seefuchs“) als Regisseur dienen sollte, jedoch eine Woche nach Fall der ersten Klappe durch Anderson ersetzt wurde.
Todd unterdessen sei stets mit dem Filmteam mitgereist, soll direkten Einfluss auf kreative Entscheidungen gehabt haben und ließ stets seine Beziehungen und sein Konto spielen, um immer mehr Prunk zu garantieren. So war Todd mit dem König Thailands befreundet, weshalb dieser seine 50 Meter lange Prunkbarkasse für den Dreh einer Szene zur Verfügung stellte, die im fertigen Film gerade einmal 15 Sekunden in Beschlag nimmt. Ein pakistanischer Nawab lieh der Filmcrew wiederum seine private Elefantenherde – und der Hollywood-Legende zufolge war es allein Todds Mixtur aus Beharrlichkeit und Freundlichkeit, die dazu führte, dass sich für das Spanien-Segment des Films die komplette, 6.500 Kopf große Bevölkerung des Orts Chinchón vor die Kamera begeben hat.
Mit über 50 Miniauftritten damaliger Promis ist „In 80 Tagen um die Welt“ noch dazu ein Cameo-Festival, wie es sich heute selbst das Marvel Cinematic Universe nicht ausmalen würde. Todds Mammutprojekt ist somit im Laufe der Jahrzehnte aber zugleich zum Mahnmal an die Vergänglichkeit des Ruhms geworden: Zahlreiche einst für Staunen und Jubel sorgende Cameos sind heute selbst für ein popkulturell geschultes Publikum nicht von alltäglichen Szenen mit Randdarsteller*innen zu unterscheiden. Nach 70 Jahren strahlt halt längst nicht jeder Stern noch so hell wie damals.
Zu den heute noch relevanten Gastauftritten zählen mal stärker versteckte, mal deutlichere Augenblicke mit „Don Camillo und Peppone“-Star Fernandel, dem früheren Joker-Darsteller Cesar Romero, Peter Lorre aus „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, Frank Sinatra, Marlene Dietrich, Stummfilmikone Buster Keaton und „Mary Poppins“-Nebendarstellerin Glynis Johns.
Gealtert, doch ungebrochen überwältigend
Es ist dieses Schaulaufen der Stars, Schauplätze und Setbauten, das unbestritten im Mittelpunkt des Films steht – und das so furios, dass es im Alleingang diesem Bombastunterfangen eine Daseinsberechtigung erteilt. Gleichwohl ist im Guten wie im Schlechten ersichtlich, dass es für einen anderen Zeitgeist erstellt wurde: Anderson und Kameramann Lionel Lindon („Grand Prix“) schwärmen unverkennbar für ihre Drehorte, das für den Schnitt verantwortliche Trio Howard Epstein, Gene Ruggiero & Paul Weatherwax lässt Landschafts- und Stadtpanoramen immer wieder voller Staunen für sich stehen.
Diese Anmutung eines fiktiven Leinwand-Reisebericht bremst das Abenteuergeschehen regelmäßig aus, was Teile des modernen Publikums je nach persönlicher Neigung zäh oder erfrischend-entschleunigt finden dürften. Doch so innig die im Film ausgeübte Begeisterung für einen (damals ein Novum darstellenden) Globetrotter-Lebensstil auch ist: Mit historischer Genauigkeit, geschweige denn politischer Korrektheit, hat Todds Filmexzess nichts am Hut. Während manche Randfiguren daher schlicht Überzeichnungen zum Zweck des reinen Eskapismus sind, tun manche Szenen in ihrer naiv-herablassenden Art regelrecht weh.
Wer sich da durchbeißt, wird nicht nur mit einer drei Stunden langen Parade an märchenhaften Reiseeindrücken und fabelhaftem Ausstattungsbombast belohnt. Stattdessen winken auch leichtfüßig-schnippischen Dialogscharmützel (insbesondere der Schlagabtausch zwischen Fogg und Fix bringt schöne Pointen mit sich) und ein David Niven, der sich voll in seinem Element des leicht hochnäsigen, britischen Gentlemans befindet. Und während „Atemlos nach Florida“-Komponist Victor Young die Ereignisse grandios mit einer galant-lebhaften Musikuntermalung begleitet, die ebenso Abenteuerlust, überzeichnetes Lokalkolorit und Foggs groß tönende, britisch-akkurate Art atmet, schließt Designlegende Saul Bass das Ganze furios-verspielt ab:
Der von ihm gestaltete Abspann dient zugleich als ausführliche Cartoon-Zusammenfassung des Films – mit Witz, klarer Linienführung und verschiedenste Einflüsse fesch vereinender Ikonografie. Ein konsequenter, wilder, exzessiver Abschluss für einen konsequent-wilden Filmexzess!
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