Obwohl sein Name nicht mehr der geläufigste ist, war Frank Wisbar einer der bedeutendsten deutschen Filmemacher seiner Zeit: Als Produktionsleiter wirkte er am queeren Kino-Meilenstein „Mädchen in Uniform“ mit, als Regisseur stemmte er unter anderem den gefeierten Antikriegsfilm „Hunde, wollt ihr ewig leben“.
Außerdem schuf er 1935 eine Schauermär, die wider aller Wahrscheinlichkeit der Zensur durch das NS-Regime entkommen ist und seit der Nachkriegszeit als tragisch-poetisches Grusel-Kleinod gehuldigt wird. Nun hat der Film ein Upgrade im Heimkino erhalten: Diese Woche ist „Fährmann Maria“ erstmals auf Blu-ray erschienen.
Die Blu-ray enthält als Extras einen Audiokommentar, eine Bildergalerie sowie das 59-minütige, US-amerikanische Remake von „Fährmann Maria“, „Der Würger im Nebel“. Dieses wurde ebenfalls von Wisbar inszeniert und entstand für die C-Movie-Schmiede Producers Releasing Corporation. Eine Synchronfassung liegt nicht vor, ihr müsst euch also mit Untertiteln begnügen, solltet ihr eine Übersetzung benötigen.
Darum geht es in "Fährmann Maria"
Ein Heidedorf liegt an einem Fluss, der sich nur mithilfe einer Seilfähre überqueren lässt. Als der alte Fährmann stirbt, machen grausige Sagen über einen dem Fluss innewohnenden Fluch die Runde. Dann kommt die heimatlose Maria (Sybille Schmitz) in das Dorf und bietet an, den vakanten, bedeutsamen Posten zu übernehmen.
Schon in der Folgenacht rettet sie während der Ausübung ihres neuen Amtes einen verletzten Fremden (Aribert Mog), versteckt ihn in ihrer Fährhütte und pflegt ihn gesund. Infolge dessen verlieben sie sich ineinander, jedoch wird der Fremde von schaurigen Halluzinationen verfolgt. Alsbald sucht der Tod höchstpersönlich (Peter Voß) das Paar heim – aber Maria will sich dieser finsteren Macht nicht beugen...
Gespenstisch aufbegehrt und mit massig Nebel neu aufgelegt
Mit atmosphärisch-finsteren Heide-Impressionen, einer eindringlich und willensstark aufspielenden Schmitz sowie einem effizient-unheimlichen Voß erzählt Wisbar in „Fährmann Maria“ eine melancholisch-schaurige Liebesgeschichte, die zusätzlich zu ihrer wehmütigen, beklommenen Romantik einen doppelten Boden aufweist:
Schmitz' Erscheinung und Charakterbild in der Rolle der Maria widersprechen vehement dem, was das zur Entstehungszeit des Films herrschende NS-Regime als weibliches Schönheitsideal und angemessene Frauenrolle propagierte. Ähnlich verhält es sich mit der schaurigen, unheilvollen Inszenierung des deutschen Landes, die Wisbar und Kameramann Franz Weihmayr (der kurz zuvor noch mit Leni Riefenstahl den Nazi-Propagandastreifen „Triumph des Willens“ drehte) heraufbeschwören: Heimatgefühl ist hier Fehlanzeige.
Die Weise, wie der dunkel verhüllte Tod gefühlslos sie und den ihr Herz höher schlagenden Fremden heimsucht, weckt obendrein Erinnerungen an uniformierte Nazi-Schergen, die jene Leben jagen, die nicht in ihr Weltbild passen. Erstaunlich, dass ein das Publikum auf die Seite der aus der Ferne kommenden Gejagten ziehender, gegen den uniformierten, wandelnden Tod aufbringender Film 1935 durch die NS-Zensur gekommen ist.
Wisbar siedelte 1938 in die USA, wo er sechs Jahre später mit „Der Würger im Nebel“ ein kürzeres und tonal etwas anders gelagertes Remake seiner mahnenden Romantik-Schauermär drehte: Aus einer verängstigten Stimmung wird im US-Remake eine geradlinige Horror-Atmosphäre, die Protagonistin wird nicht mehr vom eiskalten Tod in Person, sondern von einem Rachephantom verfolgt, und in der Neuverfilmung spielt Aberglaube eine gesteigerte Rolle.
Zudem ist im US-Film, sicherlich auch aufgrund der kürzeren Laufzeit, alles stärker verdichtet: Wo in „Fährmann Maria“ auf schleichend-waberndes Unheil gesetzt wird, ist die Welt von „Der Würger im Nebel“ ein offensiver Wust aus Nebel, suspekten Gewässern und aggressiven Schatten. Inmitten dessen spielt übrigens Blake Edwards die männliche Hauptrolle – der Mann, der später Komödienklassiker wie „Der rosarote Panther“ und „Frühstück bei Tiffany“ inszenierte. Sowie unseren folgenden Heimkino-Tipp, der euch nach dem schaurig-tragischen Wisbar-Filmdoppel gewiss aufmuntern wird:
2,5 Stunden pures Abenteuer-Spektakel: Preisgekrönter Kult-Klassiker erschien endlich (!) zum ersten Mal auf Blu-ray*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.