Es war ein Twist, der (Horror-)Filmgeschichte schrieb: Nachdem „Freitag, Der 13.“ (1980) in sehr expliziten Gewaltszenen gezeigt hatte, wie die jugendlichen Aufsichtspersonen des Sommercamps Crystal Lake reihenweise abgeschlachtet wurden, offenbarte sich der überlebenden Alice (Adrienne King) im Showdown die Identität des Täters. Und siehe da: Es war keine übermächtige Gestalt, sondern Pamela Voorhees (Betsy Palmer), eine Frau mittleren Alters, die Jahrzehnte zuvor ihren Sohn Jason bei einem Schwimmunfall im Sommercamp verloren hatte und dafür verantwortungslose, Sex und Drogen frönende Jugendliche zur Verantwortung zog.
Obwohl die Kritik kein gutes Haar an „Freitag, der 13“. ließ, wurde der Film zum Box-Office-Hit und erhielt bis 2009 insgesamt 11 weitere Teile. In all diesen war es nun aber Pams wiederauferstandener Sohn Jason, der sich in Blaumann und Hockey-Maske quasi unbesiegbar durch das Camp mordete, in späteren Teilen sogar Abstecher nach Manhattan und ins All unternahm.
In der Popkultur hinterließ das Franchise deutliche Spuren: So wurde etwa Drew Barrymore in der ikonischen Eröffnungsszene von „Scream“ zum Verhängnis, dass sie sich nicht mehr Pam Voorhees als Killerin aus dem ersten Teil erinnerte. Ebenso ist „Freitag, der 13.“ maßgeblich und mehr noch als sein Vorgänger „Halloween“ (1978) für die den Slasher-Film jahrzehntelang prägende Verknüpfung von Sex und Tod verantwortlich, was die „Scream“-Reihe und vor kurzem auch „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“ lustvoll aufgriffen.
Trotz dieser Nachwirkung aufs Slasher-Genre war es schon etwas verwunderlich, dass ausgerechnet das mit etwas gehobenerem Horror bekanntgewordene Produktionsstudio A24 ab 2022 eine Prequel-Serie zu „Freitag, der 13.“ ansteuerte. Die nun von Showrunner Brad Caleb Kane entwickelte Miniserie „Crystal Lake“ versteht es aber, sowohl dem allein auf Nervenkitzel und Grauen bauenden Original zu huldigen, als auch die Vorgeschichte um Pam und Jason Voorhees mit unerwarteter Tragik aufzuladen.
Streamen könnt ihr „Crystal Lake“ direkt bei HBO Max oder im zugehörigen Channel bei Prime Video:
Darum geht’s in "Crystal Lake"
Sommer 1971 im kleinen Städtchen Crystal Lake, New Jersey: Der kleine Jason Voorhees (Callum Vinson) sträubt sich, ins Sommercamp zu gehen – mit seinen Fehlbildungen ist der aufgeweckte Junge häufig das Ziel von Hänseleien durch andere Kinder. Doch seine Mutter Pamela (Linda Cardellini), die im Camp als Köchin arbeitet, ermuntert ihn, weiter hinzugehen. Als Jason am nächsten Tag im Camp unbeaufsichtigt beim Schwimmen im tiefen See ertrinkt, bricht für Pam eine Welt zusammen.
Neun Monate später ist Jasons Leiche noch immer nicht geborgen und Pam sucht den See täglich auf, von einem Gefühl getrieben, dass ihr Sohn in irgendeiner Weise weiterlebt. Levon Brooks (William Catlett), Polizeichef von Crystal Lake, will Pam aus ihrer Trauer helfen, doch die Nachricht, dass das Sommercamp wiedereröffnet werden soll, macht sie fassungslos. Noch dazu wird sie von ihrer Vergangenheit heimgesucht, als plötzlich zwei fremde Männer vor ihrer Tür stehen. Pam setzt sich zur Wehr und ihr psychischer Zustand wird zunehmend fragiler.
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Ein nachvollziehbarer Schmerz
Mit einer von Kopf bis Fuß blutbesudelten Pam, die sich im Spiegel anstarrt, eröffnet „Crystal Lake“, schafft aber in der darauffolgenden Rückblende viel Raum für die Identifikation mit dieser Figur. Mit sanftmütiger Fürsorge kümmert sie sich um ihren etwa 12-jährigen Sohn Jason, der seit jeher mit Kopfschmerzen und epileptischen Anfällen zu kämpfen hat.
Cardellini spielt ihre Rolle mit viel Wärme und vermittelt glaubhaft die bedingungslose Liebe, die Pam für ihren Sohn empfindet. „We were attached at the heart“, wird Pam nach Jasons Ertrinken, dem um sie besorgten Polizei-Chef erklären – was sich nur unzureichend mit „Wir waren im Herzen miteinander verbunden“ übersetzen lässt.
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Auch wenn „Crystal Lake“ bald schon in beherzten Splatter-Szenen zeigt, weshalb Pam zu Beginn vor Blut trieft, wird diese erste Folge von emotionalem Schmerz dominiert. Wenig haben Pam und Jason hier noch mit dem absonderlichen und destruktiven Mutter-Sohn-Gespann aus der „Freitag, der 13.“-Reihe zu tun.
Vielmehr vermittelt „Crystal Lake“ das bewegende Bild einer Symbiose, deren jähes Ende Pam nachvollziehbar verzweifelt und einsam zurücklässt. In der einprägsamsten Szene dieser Folge hält Pam mit einer Halluzination ihres Sohnes Händchen, was mich zu den Klängen des schmalzigen Lovesongs „Everything I Own“ unerwartet zu Tränen rührte.
Heimsuchung einer provinziellen Idylle
Nicht ganz der Timeline von „Freitag, der 13.“ folgend, wonach Jason 1957 ums Leben kam, bettet „Crystal Lake“ die Vorgeschichte um die Voorhees in die 1970er ein. In für die Zeit üblichen satten Erdtönen und unerwartet schönen Naturaufnahmen fängt die Serie dieses Setting ein, das anfangs weit entfernt ist vom Ruf eines von Angst und Schrecken heimgesuchten Orts.
Stattdessen wird es als verschlafenes Nest gezeichnet, an dem die gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er dennoch nicht spurlos vorübergegangen sind. So geben sich im örtlichen Diner der schwarze Polizeichef, die flirtfreudige Rita (Joy Suprano), einige einfältige Konservative, der vom Vietnamkrieg traumatisierte Ralph (Nick Cordileone) und hin und wieder Hippies auf Durchreise die Klinke in die Hand.
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„Crystal Lake“ zeigt, wie Jasons Unfalltod und erste Leichenfunde im Jahr darauf die Stadt langsam aufrütteln, wagt aber auch den Blick darüber hinaus: So arbeitet Levons Schwester Briana (Devin Kessler) bei einer Tageszeitung in der nahegelegenen Großstadt Newark und ist bald einem mit Pams Vergangenheit zusammenhängenden Pharmakonzern auf der Spur.
Gemeinsam mit Rita unternimmt Pam in einer Folge einen Wochenendtrip zu einem zwielichtigen Selbsthilfeguru, was auch die New-Age-Umtriebe jener Zeit widerspiegelt. Emanzipation, sexuelle Befreiung, der Kampf gegen das Establishment fließen als Themen in das so sehenswerte Zeitporträt von „Crystal Lake“ ein.
Mit Textur, Kontext und Herz
Zugleich huldigt Showrunner Brad Caleb Kane vergangenen Film-Dekaden nicht nur, indem er die subjektive Kamera, die abrupten Zoom-ins und Teile des eigensinnigen, atonalen Scores von „Freitag, der 13.“ aufgreift. Seine siebte Folge wagt außerdem den Sprung zurück ins Jahr 1959 und erschafft eine an Hitchcock-Thriller und „Die Frauen von Stepford“ erinnernde Welt. Diese zeigt nicht nur Kanes Freude am Spiel mit unterschiedlichen filmischen Ästhetiken, sondern erzählt eine Vor-Vorgeschichte um Pam und Jason, die einen spannenden Kontrast zum Hauptsetting von „Crystal Lake“ setzt.
So gelingt der Miniserie ein Spagat, der mich nachhaltig beeindruckt: „Crystal Lake“ ist eindeutig eine Slasher-Serie und hat vor Blut und Gore triefende Szenen zu bieten, die wirklich nichts für Zimperliche sind. Zugleich bringt Brad Caleb Kane so viel Textur, Kontext und Herz (!) in diese Serie, dass die einprägsamsten Momente ausgerechnet die gewaltfreien sind. Und dennoch begeht „Crystal Lake“ keinen Verrat an dem gefeierten Stumpfsinn von „Freitag, der 13.“, sondern zeigt vielmehr, welche Tiefen hinter jeder noch so grobgezeichneten Figur ersonnen werden können.
Auf welchen Film sich demnächst alle Slasher-Fans freuen können, erfahrt ihr hier:
94 Prozent bei Rotten Tomatoes: Gefeierter Slasher hat einen Kinostart – wird das die Horror-Sensation 2027?*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.