In diesem Thriller gibt es eine der fiesesten Szenen des Jahres: Hochspannenden Nervenkitzel-Geheimtipp jetzt im Heimkino nachholen
von Sidney Schering
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Es ist ein Feel-Good-Mix aus Neo-Noir-Thriller, Charakterkomödie und Liebesdrama, der eine der gemeinsten und unangenehmsten Szenen des Filmjahres enthält: „The Piano Tuner“ ist ab sofort im Heimkino erhältlich.

Die Frage, ab wann eine Filmszene besonders schmerzhaft, fies und gemein wirkt, ist höchst individuell. So lässt sich eine Freundin von mir durch cartoonhaft übertriebene Filmgewalt verschrecken. Mich hingegen lässt es eher amüsiert grinsen, wenn in Mitternachtskino-Horrorgrotesken Haut schmilzt wie Pizzakäse und ein abgeschnittener Finger dafür sorgt, dass mehrere Dutzend Liter Kunstblut durch die Kulisse spritzen.

Mir geht eher kleine, gemeine Filmgewalt unter die Haut. Und so kommt es, dass ein Thriller mit FSK-Freigabe ab zwölf Jahren (!) mir eine der intensivsten Reaktionen des Kinojahres entlockte. Ein Thriller, noch dazu, den mein Kollege Oliver Kube in der FILMSTARTS-Kritik als „originellen wie emotionalen Mix aus Neo-Noir-Thriller, Charakterkomödie und Liebesdrama“ lobte sowie als „waschechte[n] Feel-Good-Film, der einen rundherum wohlgestimmt aus dem Kinosaal entlässt.“

Kurioserweise würde ich ihm da nicht widersprechen: „The Piano Tuner“ hat mich damals beflügelt und vom außergewöhnlichen Genre-Mix schwärmend in den restlichen Kinotag verabschiedet. Aber wenn ich an diese eine Szene zurückdenke, zucke ich immer noch leidend zusammen. Überzeugt euch selbst von diesem bislang leider wenig beachteten Kleinod: „The Piano Tuner“ ist diese Woche auf DVD und Blu-ray im Heimkino erschienen!

Bonusmaterial haben weder die DVD noch die Blu-ray aufzuweisen. Falls ihr euch mit einer nicht-physischen Lösung begnügen wollt: „The Piano Tuner“ ist auf diversen Plattformen als VOD erhältlich, beispielsweise bei Amazon Prime Video*.

Darum geht es in "The Piano Tuner"

Niki White (Leo Woodall) hat keine gewöhnlichen Ohren: Er hat das absolute Gehör, was ihm in der Welt der Musik einen klaren Vorteil verschaffen könnte. Jedoch hat er zugleich ein überaus sensibles, feinsinniges Gehör, weshalb ihm laute Geräusche und Klangchaos psychisch wie physisch Leid zufügen. Unter den Fittichen seines ihn väterlich umsorgenden Mentors Harry Horowitz (Dustin Hoffman) ist aus Niki aber ein überaus begabter Klavierstimmer geworden.

In diesem Metier bekommen Harry und Niki in New York City viel zu tun, selbst wenn die Wertschätzung, die sie für ihre Arbeit erhalten, stark schwankt. Die Kompositionsstudentin und Pianistin Ruthie (Havana Rose Liu) zumindest hat nach kleinen Startschwierigkeiten ein Auge auf Niki geworfen. Nahezu gleichzeitig buhlen aber die dubiosen Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma um den introvertierten Jazzliebhaber. Denn als deren Anführer Uri (Lior Raz) klar wird, dass Niki dank seines Gehörs einen 1a-Tresorknacker abgibt, will er ihn zu seinem Komplizen machen...

Mit Flair durch die Tonalitäten gejazzt

„The Piano Tuner“ ist das Langspielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Daniel Roher („Nawalny“), der das Drehbuch mit „Ein (un)möglicher Härtefall“-Autor Robert Ramsey verfasste. Gemeinsam gelang es ihnen, einen sich erfrischend zeitlos anfühlenden Film zu kreieren, der die Jazzbegeisterung seiner zentralen Figur atmet, ohne dem Publikum zwingend abzuverlangen, sie zu teilen.

Viel mehr gehen die technische Präzision und die formale Freude am Herumexperimentieren und Sich-mitreißen-lassen in die Erzählung über: In Sequenzen, die sich um die sachte aufkeimende Beziehung zwischen Niki und Ruthie drehen, ist „The Piano Tuner“ ein herzlich-entspannter, gemütlicher Film. Die Situationskomik während der fremdschämigen Kennenlernphase dieser unbeholfenen Liebenden ist goldig, wie sie einander stützen, sobald sie die erste Welle an Peinlichkeit überwunden haben, einfach herzerwärmend.

Die Mentor-Schützling-Dynamik zwischen Niki und Harry hingegen erinnert an Indie-Dramödien aus vergangenen Kinozeiten, in denen schroffer, doch harmloser Altherrencharme und ein Fokus auf gekonntes Handwerk jegliche Plotbemühungen übertrumpft haben. Und sobald Niki in illegale Machenschaften gezerrt wird, hat „The Piano Tuner“ etwas von einem Kleinkriminellen-Thriller, der ebenso vom Sujet fasziniert wie er von den Charakterschwächen seiner Figuren erschüttert ist.

Zerren diese Plotelemente erst einmal aneinander, entstehen Harmonien und Disharmonien, die sich in einem außergewöhnlichen Erzählrhythmus entfalten.

Ab hier erwarten euch Spoiler

Und daher habe ich bei „The Piano Tuner“ in einer Szene so sehr mitgelitten, dass ich mich in meinem Kinosessel zusammengekauert habe. Denn als der von Leo Woodall so charismatisch verkörperte, etwas unbeholfene Niki im letzten Akt seinem verbrecherischen Auftraggeber Uri quer kommt, greift dieser zu brutalen Mitteln.

Erst lässt er nah an Niki ein Druckluft-Signalhorn ertönen, weshalb dieser sich vor Schmerzen krümmend zu Boden geht. Und als wäre das nicht genug, greift Uri, während der Rest seiner Gang ihn flehend umzustimmen versucht, nach einem Messer und zersticht damit Nikis Trommelfell. Das wird zwar nicht grafisch gezeigt, ist aber so perfide und solch ein herzloser, finaler Tiefschlag gegen den liebenswerten „The Piano Tuner“-Protagonisten, dass ich es fieser, unbequemer und aufwühlender fand als alles, was ich 2026 im „echten“ Gewalt- und Horrorkino gesehen habe.

Und wenn ihr nach „The Piano Tuner“ Lust auf einen anderen Geheimtipp habt, der Jazz atmet und lebt, folgt doch auch diesem Heimkino-Tipp:

So wild kann deutsches Kino sein: Rasanter Historienfilm über Rebellion, Leidenschaft und Rekorde neu im Heimkino

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Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.
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