The Piano Tuner
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Piano Tuner

Der Mann, der zu viel hörte

Von Oliver Kube

Für „Navalny“, einem Film über den vergifteten russischen Oppositionsführer, gewann Daniel Roher 2023 sogar einen Oscar. Mit der romantisch angehauchten Thriller-Komödie „The Piano Tuner“ liefert der kanadische Doku-Spezialist nun sein Debüt als Spielfilm-Regisseur – und schlägt dabei ganz andere Töne an. Zwar wirkt das Drehbuch, das Roher gemeinsam mit dem „Ein (un)möglicher Härtefall“-Autor Robert Ramsay verfasst hat, gelegentlich ein wenig überfrachtet …

… aber insgesamt überwiegen der Charme und die vielen kleinen Momente, die uns immer wieder emotional mitreißen. In der Titelrolle begeistert Shooting-Star Leo Woodall („Nürnberg“), der dabei von einem exzellent gecasteten Ensemble um den ebenso verletzlich wie amüsant auftretenden Hollywood-Veteranen Dustin Hoffman („Rain Man“) unterstützt wird.

Harry (Dustin Hoffman) und Niki (Leo Woodall) sorgen dafür, dass bei der Kundschaft wieder jede Note stimmt. DCM
Harry (Dustin Hoffman) und Niki (Leo Woodall) sorgen dafür, dass bei der Kundschaft wieder jede Note stimmt.

Niki (Leo Woodall) arbeitet mit seinem väterlichen Freund Harry (Dustin Hoffman) als Klavierstimmer in New York. Früher war der Mittzwanziger ein Wunderkind am Piano – ausgestattet mit einem absoluten Gehör! Doch dann entwickelte er Hyperakusis, eine Erkrankung, die ihn extrem geräuschempfindlich macht. Gehämmer, Gehupe oder eine Alarmanlage verursachen bei ihm unerträgliche Schmerzen, die sogar zur Bewusstlosigkeit führen können. Deshalb muss Niki einen speziellen, wie Kopfhörer aussehenden Ohrenschutz tragen.

Als Niki gerade im eigentlich leerstehenden Haus eines reichen Kunden an dessen Flügel arbeitet, begegnet er Uri (Lior Raz) und dessen Crew. Die Gauner sind in das Gebäude eingestiegen und versuchen nun geräuschvoll, einen Tresor zu knacken. Bei dem Versuch, die Einbrecher loszuwerden, findet Niki heraus, dass er aufgrund seines außergewöhnlich entwickelten Gehörs ein einmaliges Talent zum Öffnen von Safes besitzt. Weil Harry nach einem schweren Herzinfarkt kurz vor der Pleite steht, will der junge Mann ihm finanziell unter die Arme greifen. So findet er sich plötzlich als Mitglied in Uris Gang wieder …

Ganz schön viel auf einmal

Charakterdrama, Crime-Thriller, Coming-of-Age-Story, Vater-Sohn-Geschichte, Romanze und Sitcom mit Musik – insgesamt quetscht Daniel Roher zu viel in „The Piano Tuner“ hinein. So verliert das Ganze in manchen Sequenzen leider an Fokus. Das geht allerdings nie so weit, dass wir als Zusehende das Interesse an der Handlung oder gar den Figuren verlieren würden. Dafür ist das Szenario in all seinen Schattierungen zu interessant erzählt, zu attraktiv ins Bild gesetzt und vom Charme der Besetzung erwärmt.

Allen voran liefert Leo Woodall ein sehr überzeugendes, emotional stimmiges Debüt als alleiniger Hauptdarsteller eines Kinofilms. Es dauert nicht lange und wir beginnen, mit ihm zu fühlen und zusammenzuschrecken, wenn irgendwo auf der von Oscargewinner Johnnie Burn („The Zone Of Interest“) sehr effektiv designten Tonspur laute oder dissonante Geräusche erschallen – was immer wieder passiert und uns gedanklich auf Trab hält.

„The Piano Tuner“ ist zwar ein Thriller – hat aber definitiv auch eine romantische Note. DCM
„The Piano Tuner“ ist zwar ein Thriller – hat aber definitiv auch eine romantische Note.

Niki ist ein junger Mann, der versucht, aus seinem Schneckenhaus auszubrechen und sich auf die Suche nach sich selbst zu begeben. Dabei wird er mit enormen Hindernissen konfrontiert. Diese türmen sich aufgrund seines Handicaps und der selbstgewählten Verantwortung für das finanzielle Auskommen seines gesundheitlich schwer angeschlagenen Ersatzvaters vor ihm auf. Eigentlich ist Niki ein guter Mensch – einer, der niemandem schaden will. Doch die Situation zwingt ihn dazu, sich auf kriminelle Abwege zu begeben. Deshalb ist es auch so zentral, dass Leo Woodall und Dustin Hoffman hervorragend miteinander harmonieren.

Wir lernen ihre Figuren bei der Arbeit kennen und erfahren auf elegante Weise gleich eine Menge über die Chemie zwischen ihnen. Harry war der beste Freund von Nikis viel zu früh verstorbenen Eltern. Er übernahm mehr oder weniger deren Rolle und fungiert als Mentor für Niki. Der wiederum verdankt Harry nicht nur seinen Job, er liebt auch die klassischen Jazz-Platten des alten Exzentrikers. Harry macht sich derweil Sorgen, dass sein junger Freund sich zu sehr von der Welt zurückzieht – und so versucht er immer wieder, ihn mit kleinen Schubsern aus seiner Komfortzone zu bugsieren.

Eine Mittagspause zum Verlieben

Eine der schönsten Szenen des Films findet in einem Diner während der Mittagspause des Klavierstimmer-Duos statt. Hier treffen sie auf die vor einer für ihre Karriere entscheidenden Prüfung stehende und entsprechend angespannte Musikstudentin Ruthie (Havana Rose Liu, „Her Private Hell“). Niki ist offensichtlich angetan von ihr, würde Ruthie aber wohl niemals von sich aus ansprechen. Darum lässt Harry all seinen Ü80-Charme sprühen und zwingt seinen Ziehsohn geradezu in ein Gespräch mit der jungen Frau. Liu und Woodall gelingt es, eine vorsichtige gegenseitige Anziehung zwischen ihren Charakteren glaubhaft zu vermitteln. Von dieser ersten Begegnung an drückt das Publikum ihnen die Daumen, dass sie zusammenfinden mögen.

Der Weg ins Glück wird aber dadurch erschwert, dass Niki dem zwielichtigen, von Lior Raz („Gladiator II“) zu gleichen Teilen bedrohlich und dennoch irgendwie nicht unsympathisch verkörperten Uri bei seinen Einbrüchen hilft. Bei den Beutezügen stehlen sie bevorzugt sündhaft teure Chronometer, deren Abwesenheit von ihren reichen Besitzern oft gar nicht bemerkt wird. Trotzdem kann das auf Dauer natürlich nicht gutgehen – und so fliegt Niki die ganze Chose irgendwann im wahrsten Sinne lautstark um die Ohren.

Niki setzt sein absolutes Gehör nicht nur für das Gute ein! DCM
Niki setzt sein absolutes Gehör nicht nur für das Gute ein!

Die von Roher für diesen Klimax ausgewählten Umstände um die Figur des nur für einige Szenen zu sehenden Jean Reno („Léon - Der Profi“) wirken arg konstruiert. Der Aufbau der Story gelingt dem Filmemacher jedenfalls deutlich besser als ihre Auflösung. Und auch die in der Originalfassung etwas zu häufig wiederholten Wortspiele mit den englischsprachigen Begriffen „Tuner“ (dt.: Stimmer) und „Tuna“ (Thunfisch) dürften in der deutschen Synchronisation eher für Achselzucken als für Lacher sorgen.

Trotzdem endet der Film dank eines erzählerisch eher ruhigen und bescheidenen, emotional aber immens breitwandigen Finales doch versöhnlich. Wir dürfen also gespannt sein, was Daniel Roher uns mit seinem bereits abgedrehten nächsten Projekt, der RomCom „Positano“ mit den Oscargewinner*innen Matthew McConaughey und Zoe Saldaña, wohl sonst noch so um die Ohren hauen wird.

Fazit: Ein exzellenter Cast um „The White Lotus“-Star Leo Woodall und die Leinwandlegende Dustin Hoffman zieht uns tief hinein in diesen ebenso originellen wie emotionalen Mix aus Neo-Noir-Thriller, Charakterkomödie und Liebesdrama. Ein waschechter Feel-Good-Film, der einen rundherum wohlgestimmt aus dem Kinosaal entlässt.

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