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    Die FILMSTARTS-Meinung: Warum das Geheule über Spoiler nervt!

    In diesem Format schreiben FILMSTARTS-Redakteure über Dinge, die sie gerade ganz besonders begeistern – oder die ihnen ziemlich auf den Wecker gehen...

    20th Century Fox

    Achtung! Achtung!! Achtung!!! WARNUNG!!!! Wer nicht wissen will, warum Spoiler kein Riesenproblem sind, muss den folgenden Text überspringen. Ich verrate außerdem die Enden von „Star Wars 7“, „The Sixth Sense“ und den Twist aus „Victoria“. Des Weiteren schreibe ich, welcher Planet in „Star Wars 4“ in die Luft gesprengt und welche Person in der fünften Staffel „Game Of Thrones“ verbrannt wird.

    Sie sah mich an, als hätte ich gerade einen Welpen geschlachtet. In ihrem Gesicht mischten sich Entsetzen und Ekel, der Appetit war ihr vergangen. Ich hatte der Dame am Nachbartisch des Imbisses, in dem ich Anfang 2016 mit einem Kollegen saß, das Essen versaut – und, viel schlimmer, einen ganzen Film. Mein Vergehen: ein SPOILER!

    „Luke ist ja nur am Ende kurz zu sehen“, irgendwas in diese Richtung sagte ich, damals, kurz nach dem Kinostart von „Star Wars 7: Das Erwachen der Macht“. Weil ich vertieft war ins Gespräch, sagte ich es versehentlich in einer Lautstärke, dass andere Gäste es mitbekommen konnten. „So lange habe ich nichts zum Film gelesen und jetzt das!“, warf mir die Frau vor, die ich entsetzt hatte und die nur wenige Meter entfernt an der Wand saß. Darüber, wie groß die Rolle von Luke Skywalker (Mark Hamill) im neuen „Star Wars“ sein würde, wurde vor Kinostart ein großes Geheimnis gemacht. Und im Film auch, weil die Suche nach dem verschwundenen Jedi-Meister der rote Faden ist. Bei Disney, dem Konzern hinter den neuen „Star Wars“-Filmen, hat die Geheimhaltung oberste Priorität: Die Schauspieler bekommen das Drehbuch nicht mit nach Hause und müssen Strafen fürchten, sollten sie etwas ausplaudern. Vor der Pressevorführung werden die Journalisten gebeten, in den Texten zum Film bloß nichts zum Inhalt zu verraten, bloß nichts zu spoilern. Denn Spoiler sind Erschütterungen der Macht, gegen die war Alderaans Zerstörung eine Knallerbsenexplosion.

    20th Century Fox

    Der Begriff Spoiler ist abgeleitet von to spoil, verderben. Verdorben wird bei Tischgesprächen und besonders im Internet natürlich nicht nur „Star Wars“, sondern alles, was viele Anhänger und Überraschungen im Plot hat. Vor allem Serienfans schüren verbal regelmäßig die Scheiterhaufen an, wenn mal wieder jemand verraten hat, wer stirbt. Brennen sollst du wie Shireen, dass du mir „Game Of Thrones“ versaut hast! Über Filme und Serien wird im Netz sehr hitzig diskutiert – aber Einigkeit herrscht, wenn es um das erste und wichtigste der ungeschriebenen Internet-Gebote geht: „Du sollst nicht spoilern!“ Und ja, ich respektiere das. Ich denke daran, dass meine Mit-User möglichst wenig zum Plot wissen möchten. Ich verwende Spoiler-Warnungen in meinen Artikeln auf FILMSTARTS. Ich posaune in der Redaktionsküche nicht ungefragt heraus, dass Rick in der achten Staffel „The Walking Dead“ [ZENSIERT]. Mein Fauxpas im Imbiss war ein Versehen. Ich verstehe, dass es Spaß machen kann, überrascht zu werden. Aber mich nervt, wie wichtig dieser Knalleffekt genommen wird. Wenn eine Geschichte verdorben ist, weil Überraschungen oder Wendungen bekannt sind, hat sie sowieso wenig Wert. Sie ist dann hohl wie ein Luftballon und genauso gehaltvoll. Wer sich einen Film bzw. eine Serienfolge verderben lässt, weil er etwas über den Verlauf erfährt, sollte versuchen, besser hinzusehen.

    M. Night Shyamalans „The Sixth Sense” ist ein Thriller mit subtilem, dosierten Horror, ein Drama, in dem Bruce Willis mit zurückgenommenem, nuancierten Spiel überzeugt und für das Kinderstar Haley Joel Osment völlig verdient eine Oscarnominierung bekam. Darüber redet heute niemand mehr. Die „Sixth Sense“-Auflösung war nämlich so überraschend, dass sie den zarten Film erdrückte. In Erinnerung blieb nur das Ende – so überraschend, so mindfucking, so beliebt ist es, dass sich M. Night Shyamalan anschließend dazu verdammt sah, auch seinen nachfolgenden Filmen Schluss-Twists zu spendieren, über die dann geredet werden konnte. „‚Sixth Sense‘? Das ist der Film, wo Bruce Willis die ganze Zeit über ein Geist ist, oder?“ Diese Frage stellte man mir damals auf dem Pausenhof – bevor ich im Kino war. Überraschung: Ich mochte „The Sixth Sense”, obwohl ich das Ende kannte.

    MAWA Film & Medien

    Vorschlag: Wer sich Filme nur anschaut, weil er den Twist will, kann doch stattdessen einfach den entsprechenden Artikel auf Wikipedia lesen (ganz langsam, soll ja spannend sein). Zu entdecken aber ist wenig in diesen Synopsen, diesen kargen Aneinanderreihungen von Handlungspunkten. Da steht nicht, wie das aussieht, wenn die Kamera in „Gravity“ schwerelos durchs All gleitet. Da steht nicht, wie das ist, wenn sich bei mir in einer „Toni Erdmann“-Szene Lachen und Weinen mischen. Da steht nicht, wie Frederick Laus Gesicht aussieht, wenn er sich als Berliner Junge in „Victoria“ verknallt hat und weiß, dass sie die Frau ist, der er stundenlang beim Klavierspielen zuhören und mit der er eine Bank ausrauben will.

    Beim Gespräch über Filme und in der Diskussion im Internet sollte es weniger darum gehen, was passiert – und mehr darum, wie. Ich bin sicher: Die Dame aus dem Imbiss, der ich versehentlich das Ende von „Star Wars 7“ verraten habe, könnte diese letzte Szene dennoch genießen. Ich habe mir den Film gerade erst auf Blu-ray angesehen, es war die fünfte Sichtung. Als Rey auf der Insel die Stufen nach oben steigt, John Williams‘ Musik sich langsam von geheimnisvoll bis in das aus der berühmten Zwillingssonnenszene bekannte Thema steigert und Mark Hamill schließlich die Verblüffung eines Moments und den Schmerz von Jahren in einen einzigen Blick legt, kribbelte es auf den Unterarmen. Es war die fünfte Sichtung und es gab Gänsehaut wie beim ersten Mal. Filmmagie hat kein Verfallsdatum, Filmmagie wird nicht verdorben.

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