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    Die FILMSTARTS-Kritik zur zweiten Staffel von "Top Of The Lake: China Girl"

    Wir haben die sechs Episoden der zweiten Staffel der Thriller-Serie „Top Of The Lake“ schon vorab in Cannes gesehen. Die Ausstrahlung in den USA ist für September 2017 geplant. Wann die Serie nach Deutschland kommt, steht noch nicht fest.

    Dass sich immer mehr bekannte Kinoregisseure dem Fernsehen mit seinen erzählerischen und wirtschaftlichen Freiheiten zuwenden, ist längst nichts Neues mehr. Eine der Vorreiterinnen dieses Trends ist Oscarpreisträgerin Jane Campion (Drehbuchpreis für „Das Piano“), deren atemberaubend atmosphärische Mystery-Thriller-Serie Top Of The Lake 2014 als Beste Miniserie für einen Golden Globe nominiert wurde. Darin erzählt sie vor dem betörenden Hintergrund der neuseeländischen Landschaft von der wahrhaft verstörenden Suche nach einem verschwundenen Mädchen, die bis hinein in die höchsten Ebenen von Polizei und Politik führt. Die zweite Staffel setzt nun nicht direkt am Ende der ersten an, sondern dreht sich um einen komplett neuen, eigenständigen Fall, der diesmal auch nicht in Neuseeland, sondern in Australien spielt – lediglich die zentrale Ermittlerin und einige Nebenfiguren tauchen wieder auf.

    Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, seitdem Detective Constable Robin Griffin (Elisabeth Moss) im neuseeländischen Laketop einen Kinderprostitutionsring ausgehoben und dessen Anführer erschossen hat. Aber die Beweislage war so dünn, dass Robin seit ihrer Rückkehr ins australische Sydney von den Kollegen bestenfalls noch schief angesehen wird. Als der Mordfall einer jungen asiatischen Frau, die in einem Koffer ins Meer geworfen wurde, auf dem Tisch von Detective Griffin und ihrer neuen Assistentin (bzw. Aufpasserin) Constable Miranda (Gwendoline Christie) landet, führt eine erste Spur in ein Vorort-Bordell, in dem vorzugsweise Asiatinnen arbeiten. Eine von ihnen, Cinnamon, wird auch tatsächlich vermisst. In dem Etablissement hat Alexander (David Dencik), ein 42-jähriger Junior-Professor aus Leipzig, der von allen nur Puss genannt wird, das Sagen. Der gebildete und freigeistige Zuhälter hat sich in die 17-jährige Schülerin Mary (Alice Englert) verliebt und will sie nun unbedingt heiraten, womit deren Mutter Julia (Nicole Kidman) verständlicherweise gar nicht einverstanden ist, während Marys Vater Pyke (Ewen Leslie) schon etwas mehr Verständnis für die Liebe aufzubringen scheint. Derweil trifft sich Mary das erste Mal überhaupt mit ihrer leiblichen Mutter, die sie damals direkt nach der Geburt zur Adaption freigegeben hat – und die ist niemand anderes als Detective Robin Griffin, die mit 15 von drei Männern vergewaltigt wurde…

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    Einen ersten kleinen Schock gibt es für Fans von „Top Of The Lake“ gleich am Anfang zu verdauen: Die grandios-ursprüngliche neuseeländische Landschaft, die einen Gutteil der Faszination der ersten Staffel ausmacht, kommt diesmal nicht vor, stattdessen spielt die zweite Staffel nun in der australischen Metropole Sydney. Aber das war es dann auch mit den schlechten Neuigkeiten, denn das dramaturgische und psychologische Konstrukt, das Jane Campion und ihr Serien-Co-Schöpfer Gerard Lee hier mit Ariel Kleiman (er inszenierte vier der sechs neuen Folgen) flechten, ist ähnlich feinmaschig und faszinierend wie das der ersten Staffel.

    Neben der überragenden Leistung der für diese Rolle mit einem Golden Globe ausgezeichneten Hauptdarstellerin Elisabeth Moss („Mad Men“, „The Square“) lebt die erste Staffel vor allem von den kantigen Nebenfiguren – echte neuseeländische Originale eben! Aber keine Angst, Campion hat gemeinsam mit Gerard Lee (die beiden haben zusammen alle Drehbücher geschrieben) auch diesmal wieder ein reichhaltiges Arsenal an wunderbar verrückten Typen erschaffen: Der Schwede David Dencik („Dame, König, As, Spion“) erweist sich als charmant-charismatischer Zuhälter-Professor als würdiger Nachfolger von Peter Mullens bedrohlichem Klanchef Matt. Man kann ihn nie wirklich einordnen, wenn Puss konsequent zwischen Psychopath und Menschenfreund pendelt. Nicole Kidman („Die Verführten“, „The Killing Of A Sacred Deer“) bewegt sich als graugelockte neu-lesbische Feministin schnell am Rand der Raserei, rückt den Mittelteil der Staffel aber in den Hintergrund, bevor sie erst im Finale wieder eine wichtigere Rolle spielt und ihre ganze schauspielerische Klasse aufzeigt.

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    Die großartige Elisabeth Moss ist wie gewohnt eine Wucht. Ihr Spiel ist so intensiv, dass Robins physische und psychische Qualen nicht nur sichtbar, sondern fast schon körperlich spürbar werden. Gwendoline Christie (Brienne von Tarth aus „Game Of Thrones“) ragt als ihr Sidekick nicht nur optisch heraus (sie misst 1,91 Meter), sondern trägt auch sonst eine Menge zur Stimmung der Serie bei: Zunächst unterstützt sie Robin und bringt nebenbei sogar ein wenig Humor in die ansonsten so düstere Erzählung, aber dann tun sich bald auch schon erste offene Konflikte zwischen den beiden auf. Zusammen mit Kidman gibt es so eine geballte Ladung Frauenpower. Nur schade: Der großartige, in der ersten Staffel noch so zentrale Thomas M. Wright taucht als Johnno diesmal lediglich in einer rund zehnminütigen Rückblende kurz auf.

    Wie die erste Staffel lebt auch die zweite von der Ambivalenz der Erzählung, bei der die Figuren immer mehr in immer schwärzere Abgründe hineingezogen werden. Der Plot um einen Sexarbeiterring ist nicht neu, aber Campion nutzt ihn auch eh nur als Antrieb für ein psychologisch brillant und atmosphärisch unglaublich dichtes Drama, dessen trügerisch schönen Bilder auch auf einer Kinoleinwand keinesfalls deplatziert wirken, von einigen glänzend-kunstvollen Einstellungen mal ganz zu schweigen.

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    Zudem nimmt die Geschichte schön schnell Fahrt auf: Natürlich steckt mehr hinter dem Mord, als man zunächst glauben könnte. Außerdem wird mit der Verbindung von Robin und ihrer leiblichen Tochter, die mit dem Hauptverdächtigen verlobt ist, eine Lunte angezündet, die zu einer gigantischen Ladung emotionalem Sprengstoff führt und gleichzeitig unbeantwortete Fragen aus der ersten Staffel aufgreift. Schließlich sucht Robin offensichtlich nach Erlösung und Vergebung dafür, dass sie einst ihr Kind weggegeben hat. „China Girl“ (so heißt das tote Mädchen für die Gerichtsmediziner zynisch, bis die Identität geklärt ist) ist aber nicht ausschließlich abgründig, sondern zugleich auch eine Geschichte über zweite Chancen - nicht nur für die Hauptfigur. Das Setting im halbseidenen Sexarbeiter-Milieu mit machodominierter Polizei fällt trotzdem betont düster aus - es rottet etwas Verdorbenes vor sich hin, was erst nach und nach ans Tageslicht kommt und auch dort kaum weniger stinkt. Champion und Kleiman drängen tiefer unter die Oberfläche als die allermeisten anderen Serien und treiben ihre Story dabei mehr über die Figuren als über die Krimihandlung voran.

    Fazit: Jane Campions grandiose Krimi-Serie „Top Of The Lake“ hat auch in der zweiten Staffel nichts von ihrer herausragenden Qualität eingebüßt. Das Sequel „China Girl“ ist erzählerisch sogar noch dichter, bietet dafür aber weniger Möglichkeiten zum Miträtseln, weil diesmal eher die Drama- als die Mystery-Elemente im Zentrum stehen.

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