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    Neues französisches Kino: Das Berliner Kino Arsenal zeigt herausragende französische Filme, die in Deutschland keinen Verleih gefunden haben
    Von Andreas Staben, Christoph Petersen, Carsten Baumgardt — 01.12.2017 um 16:10

    Bei der Französischen Filmwoche in Berlin stehen traditionell die Premieren und die Stargäste im Fokus. Tolle Überraschungen erleben entdeckungsfreudige Cinephile jedoch auch, wenn sie einen Abstecher ins Kino Arsenal am Potsdamer Platz machen.

    Hinter dem etwas unscheinbaren Programmtitel „Neues französisches Kino“ verbergen sich ganz besondere Beispiele des aktuellen französischen Filmschaffens, die trotz ihrer Qualität bedauerlicherweise keinen Verleih für einen regulären deutschen Kinostart gefunden haben. Vom 1. bis zum 6. Dezember 2017 sind im Rahmen der in Kooperation mit der Französischen Filmwoche entstandenen Reihe fünf ebenso herausragende wie unterschiedliche Werke zu sehen - passend zum diesjährigen Schwerpunkt des Hauptfestivals allesamt inszeniert von Frauen.

    Die Regisseurinnen erzählen von Arbeit und Liebe in einem Kernkraftwerk, vom Sehnsuchtsort Wald, vom Camping in der Uni-Bibliothek und vom Leben einer schwangeren 17-Jährigen, die sich als Zimmermädchen durchschlägt. Der Stil der Filmemacherinnen ist dabei so verschieden wie ihre Themen – nur eines haben sie alle fünf gemein: eine unverwechselbare künstlerische Stimme, die es sich zu hören lohnt. Deshalb möchten wir euch das Filmquintett an dieser Stelle auch kurz vorstellen.

    „Milla“ von Valérie Massadian (Eröffnungsfilm) (am 1.12. um 20 Uhr & am 6.12. um 21 Uhr)

    Die 17-jährige Milla (Severine Jonckeere) und ihr Freund Leo (Luc Chessel) richten sich in einem leerstehenden Haus ein – mit allem, was sie so auf dem Sperrmüll finden können. Als Milla schwanger wird, scheint auch das kein großes Problem zu sein, Leo heuert in der Nachtschicht auf einem Fischkutter an und trotz zusammengeklaubter Einrichtung erinnert das besetzte Haus bald schon fast an ein bürgerliches Zuhause. Aber dann kommt Leo in einem Sturm ums Leben…

    Dass Severine Jonckeere als Laienschauspielerin nicht so wandlungsfähig ist, passt überraschend gut ins Konzept – während die elliptische Erzählung zwischen Zeiten und Orten springt, bleibt sie immer dieselbe, die sich einfach nicht unterkriegen lässt. Zugleich ist es absolut erstaunlich, wie viel Valérie Massadian einfach nur durch die Einrichtungen der verschiedenen Wohnung erzählt. Und zur Auflockerung ihrer betont-naturalistischen Erzählung gönnt sich die Regisseurin zwischendurch auch mal kleinere surreale Einschübe, etwa wenn die inzwischen in einem Hotel jobbende Milla auf dem verlassenen Flur plötzlich auf eine Performance des Songs „Why Can’t I Get Just One Kiss?!“ der amerikanischen Punkband Violent Femmes stößt. (3,5 von 5 Sterne)

    „Montparnasse Bienvenue“ von Léonor Serraille (am 2.12. um 21 Uhr & am 6.12. um 19 Uhr)

    Als die impulsive Paula (Laetitia Dosch, auf dem Titelbild dieses Artikels) in Paris bei ihrem Freund rausfliegt, ergattert sie eine Stelle als Kindermädchen und kann in einer kleinen Kammer in der Wohnung der Familie unterkommen. Nebenbei arbeitet sie als Verkäuferin für Unterwäsche in einem Kaufhaus und versucht so, ihr aus dem Ruder gelaufenes persönliches Chaos wieder in den Griff zu bekommen... In „Montparnasse Bienvenue“ schildert Léonor Serraille das ungezügelte und unbändige Leben einer jungen Frau, deren Energie man sein einfach nicht entziehen kann (obwohl Paula einem mit ihren Ausbrüchen zwischenzeitlich auch mal gehörig an den Nerven zerrt). Ein tragikomisches Drama völlig ohne Filter - mit einer umwerfenden Hauptdarstellerin Laetitia Dosch! Beim Filmfestival in Cannes gab es dafür zu Recht die Caméra d’Or für den stärksten Debütfilm. (4 von 5 Sterne)

    „Grand Central“ von Rebecca Zlotowski (am 2.12. um 19 Uhr)

    Der ungelernte Gary (Tahar Rahim) nimmt einen Job in einem Kernkraftwerk an. Dort arbeitet auch Karole (Léa Seydoux). Zwischen ihnen funkt es, aber eigentlich will Karole Toni (Denis Ménochet) heiraten… Rebecca Zlotowski kontrastiert dokumentarisch anmutende, faszinierende Aufnahmen vom Arbeitsalltag im Atommeiler mit lyrischen Liebesszenen in sonniger Natur. Dabei kontaminieren sich die beiden Sphären gegenseitig, es erklingt ansteckende Musik und der Geigerzähler der Gefühle schlägt immer stärker aus. (4 von 5 Sternen)

    „Suite Armoricaine“ von Pascale Breton (am 3.12. um 19.30 Uhr & am 5.12. um 20 Uhr)

    Die Kunsthistorikerin Françoise (Valérie Dréville) kehrt an die Uni von Rennes zurück, an der sie einst selbst studiert hat. Zur gleichen Zeit verliebt sich der Geografie-Student Ion (Kaou Langoët) in die blinde Lydie, wird dann aber von seiner alkoholkranken Mutter aus seinem Studentenzimmer vertrieben, woraufhin er heimlich in die Uni-Bibliothek einzieht… Ein Jahr an der Uni, verdichtet auf zweieinhalb unheimlich inspirierende Stunden - mit Vorlesungen über Kunsthistorie und Kartenreliefs fordert Pascale Breton ihr Publikum zwar durchaus intellektuell heraus, genauso gut kann man sich aber auch einfach von der traumhaft-flüssigen Ellipsen-Erzählung mitreißen lassen und über Heimat und Zeit sinnieren, während sich der Punk und die Klassik auf dem Soundtrack eben nicht beißen, sondern ganz wunderbar ineinenander überfließen. Unser persönlicher Favorit aus dem diesjährigen Programm. (Am Drehbuch mitgearbeitet hat übrigens auch Robin Campillo, dessen starkes Aids-Drama „120 BPM“ glücklicherweise einen deutschen Verleih gefunden hat und aktuell in den Kinos läuft.) (4,5 von 5 Sternen)

    „The Woods Dreams Are Made Of´“ von Claire Simon (am 4.12. um 19.30 Uhr)

    Der Bois de Vincennes, den Claire Simon in ihrem zweieinhalbstündigen Dokumentarfilm, ist ein Waldstück mitten in Paris. Hier trifft die Regisseurin auf die unterschiedlichsten Charaktere von der Prostituierten bis zum Taubenzüchter, von im Wald hausenden Aussteigern bis zu schnell hindurchrasenden Rennradfahrern… Die Helden sind hier meist die Außenseiter, die hier abseits der städtischen Hektik nicht nur nach Ruhe, sondern auch nach einem Stück Glück suchen – noch mehr als die Natur mitten in der Metropole sind es so letztendlich sie, die den Bois de Vincennes zu einem Pariser Paradies machen. Eine unendlich empathische Dokumentation - wie ein Sonntagsspaziergang, bei dem man sich nicht nur mal richtig zeitlässt, sondern auch mal wirklich hinguckt. Und manchmal kann das auch richtig wehtun, wie in einer der merkwürdigsten und verstörendsten Filmszenen, die wir je im Kino gesehen haben: ein Exhibitionist, der um ein fremdes Paar herum seinen ganz eigenen Fahrradhosen-Balztanz aufführt. (4,5 von 5 Sternen)

    Alle weiteren Infos zur Französischen Filmwoche findet ihr in unserem ausführlichen Bericht zum Hauptfestival und auf www.franzoesische-filmwoche.de.

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