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    "Bodyguard" neu auf Netflix: Wird der Serien-Megahit dem Hype gerecht?
    Von Regina Singer — 24.10.2018 um 18:00

    Ab dem heutigen 24. Oktober 2018 ist „Bodyguard“ endlich auf Netflix zu sehen. Nachdem der Hype um die Thriller-Serie bei den Briten schon so rekordhoch war, wollten auch wir wissen, was sie zu bieten hat. In unserer Kritik verraten wir es euch.

    BBC One

    Bodyguard“ startete in Großbritannien schon Ende August 2018 auf dem Sender BBC und bescherte der Thriller-Serie mit zehn Millionen Zuschauern einen starken Auftakt. Getoppt wurde diese Zahl kürzlich aber sogar noch einmal von der finalen sechsten Folge, die ganze 17,1 Millionen Menschen vor den Bildschirmen versammelte und damit die meistgesehene Folge aller Drama-Serien in Großbritannien wurde, seitdem die Aufzeichnungen 2002 begannen (via BBC Press Office). Man bedenke: Das Land hat derzeit circa 66 Millionen Einwohner, über ein Viertel davon schalteten also am Ende bei „Bodyguard“ ein. Doch nicht nur das: Sie mochten das Gesehene ganz offensichtlich auch. Auf der Plattform IMDB bewerteten die User „Bodyguard“ durchschnittlich mit 8,3 von 10 möglichen Sternen (bei fast 12.000 Stimmen) und auch die Kritiker zeigen sich begeistert.

    Die Serie hat sowohl einen gewagten Twist, der nach Luft schnappen lässt, als auch die methodische Konstruktion von langsamer aufgebautem Nervenkitzel zu bieten, heißt es in dem Magazin Variety. Unter anderem auch Forbes schwärmt von der Serie und bezeichnet sie als meisterhaftes Glanzstück. Die überschwängliche Resonanz zeigt sich auch bei der Kritiken-Sammelseite Rotten Tomatoes, wo 100 Prozent der 24 gesammelten Texte als positiv eingestuft werden. Was aber fesselt die vielen Zuschauer an „Bodyguard“ so sehr? Wir haben vor dem hiesigen Netflix-Start alle sechs Episoden gesehen und verraten euch, was wir von der Thriller-Serie halten.

    Worum geht’s in "Bodyguard"?

    „Bodyguard“ beginnt mit Richard Madden, dem schottischen Schauspieler, der vor allem für seine Rolle als Robb Stark in „Game Of Thrones“ bekannt ist. Als Ex-Soldat David Budd sitzt er mit seinen beiden Kindern in einem Zug und ist auf dem Weg zu deren Mutter (großartig: Sophie Rundle). Alles könnte idyllisch sein, wenn da nicht die spannende Musik im Hintergrund und eine nervöse Zugbegleiterin wären, die andeuten, dass etwas Furchtbares bevorsteht. Mit seiner scharfen Beobachtung erkennt auch David schnell, dass hier etwas vor sich geht und steht kurz darauf der Selbstmordterroristin Nadia (stark gespielt von Anjli Mohindra) gegenüber, die einen Sprengstoffgürtel trägt und bereit scheint, sich und alle Zuginsassen in die Luft zu jagen. Schon die ersten 20 Minuten von „Bodyguard“ sind nervenaufreibend und verraten uns, dass Budd ein Mann mit eigenen Prinzipien ist, die er nur schwer über Bord wirft, weil er die Anweisungen der Einsatzleitung vor Ort nicht befolgt und die gefährliche Situation versucht, auf seine Weise zu lösen.

    An seinen Prinzipien hält er auch fest, als er zum Leibwächter der ambitionierten Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) befördert wird, was ihm nicht sonderlich passt. Von deren politischen Ansichten hält er schließlich nichts und trotzdem versucht er, seinen Job gewissenhaft zu meistern. Dennoch steht er im inneren Konflikt mit den eigenen Überzeugungen und dem, was sich ihm im Inneren der Politik offenbart. Diese Geschichte wird uns zumindest zunächst erzählt. Spätestens mit der vierten Folge zeigt uns Serien-Schöpfer Jed Mercurio („Line Of Duty“) aber, dass sich hinter dem Thriller-Plot noch viel mehr verbirgt...

    Spannung am laufenden Band

    Die ersten Szenen verraten uns nicht nur, dass Budd ein Mann mit eigenen Prinzipien ist, sondern geben auch einen Vorgeschmack auf die Spannung, die uns mal offensiver, mal subtiler erwartet, ihren Höhepunkt aber fraglos in der letzten Folge findet. Mehr wollen wir zumindest an dieser Stelle noch nicht über die Handlung preisgeben, um die vielen Überraschungsmomente, die es fast in jeder Episode gibt, nicht zu verderben.

    So viel sei aber verraten: Die Regisseure Thomas Vincent („Versailles“) und John Strickland („Troja: Untergang einer Stadt“) verstehen sich darin, einen Moment, den man nur fühlen kann – Machtlosigkeit, Enttäuschung, Ratlosigkeit, Schock – nicht nur visuell, sondern auch auf der Soundebene spürbar zu machen. In einer äußerst dramatischen Szene ist es unerträglich still, wo es doch im Kopf, im Herzen und im ganzen Körper eigentlich laut sein müsste. Totenstill. Und ganz langsam, wie wenn man aus einer Ohnmacht erwacht, kommen die Geräusche zurück. Der Zuschauer wird in diese Stille hineingesogen und hinterher wieder in die Realität geschmissen, wie auch David Budd.

    Richard Madden als menschliche Maschine

    Genauso wie die (audio-)visuellen Effekte sind auch Richard Maddens Gesichtsausdrücke zu den jeweiligen Situationen oft so eindringlich, dass wir uns selbst vollkommen hilflos und wütend vorkommen. Obwohl er manchmal wie ein Roboter wirkt, kann er im nächsten Moment schon wieder ein emotionales Wrack sein. Denn den Protagonisten macht aus, dass er menschlich ist, auch wenn er, vermutlich getrimmt von seiner Soldaten-Ausbildung, hin und wieder wie eine 0815-Maschine erscheint, wie man sie ähnlich aus so manchem Agenten-Film kennt, in dem dem Helden stets alles leicht zu gelingen scheint. Maddens Figur Budd kriegt eben nicht alles hin, macht Fehler und fühlt sich überfordert, was wir an seinen feuchten Augen und der aus der Stirn herausstechenden Ader sehen, die beim Zusehen fast schmerzt.

    Stellenweise steht Madden die posttraumatische Störung, die bei seiner Figur angedeutet wird, ins Gesicht geschrieben und man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass diese Belastung, die er mit sich trägt und nicht rauslassen kann, einfach mal aus ihm ausbricht; er anfängt zu weinen oder ausrastet und alles um sich herum zerstört oder einfach explodiert und verpufft, damit auch wir wieder aufatmen können.

    Ist "Bodyguard" mehr als Unterhaltung?

    Jed Mercurio behandelt von Anfang an Themen wie Korruption, Abhörung, Beschattung, Putschideen und Terrorismus. Dabei siedelt er die Serie wohl bewusst in der unmittelbaren Zukunft an (die Serienhandlung beginnt im Oktober 2018, ausgestrahlt wurde sie aber schon im August), um die Bedrohlichkeit des Kommenden noch größer zu machen und uns noch stärker in das Geschehen hineinzuziehen, da es uns zeigt: die Ereignisse sind zwar definitiv in unserer heutigen Realität angesiedelt, ihr Ausgang ist aber ungewiss. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass sich Mercurio von Terrorangriffen inspirieren ließ, die Europa in den vergangenen Jahren (leider) tatsächlich erschüttert haben, wie zum Beispiel ein LKW, der in eine Menschenmenge rast. Der Autor schafft es dabei immer wieder, uns auf falsche Fährten zu locken, da lange Zeit nicht klar ist, wer für die Angriffe verantwortlich ist, sodass zwischenzeitlich immer wieder David Budd zum Verdächtigen wird (zum Beispiel, als er Nadia befragt), obwohl viele Hinweise gegen ihn als Täter sprechen.

    ACHTUNG SPOILER: Ab hier gibt es einen massiven Spoiler zum Ausgang der Serie. Ihr könnt aber ab dem Fazit weiterlesen, ohne gespoilert zu werden.

    Die Auflösung der Serie lässt zwar beim ersten Ansehen einige Fragen offen, doch sie kommt: Nadia, die anscheinend hilflose Terroristin der ersten Szene, ist für alle Terroranschläge verantwortlich. Vielleicht rückt an dieser Stelle der Unterhaltungsfaktor in den Hintergrund, da Mercurio uns, wenn wir uns darauf einlassen, vor eine spannende Frage stellt: Haben wir innerlich protestiert, als Budd vermutete, dass die verängstigte Frau mit dem Sprengstoffgürtel nur von ihrem Mann unterdrückt und gezwungen wird, seinen Auftrag – sich und andere Menschen in die Luft zu jagen – auszuführen? Haben wir ihr in den Szenen, in denen sie von der Polizei befragt wird, genau wie Budd, blind abgekauft, dass ihr Mann sie Zuhause eingesperrt und im Unwissen über sein Vorhaben gelassen hat? Oder sind wir innerlich auf die Barrikaden gegangen und haben über Budds Vermutungen den Kopf geschüttelt? Wenn dem nicht so ist, offenbart sich in „Bodyguard“ zum Schluss gar ein cleveres Spiel mit Vorurteilen.

    SPOILER ENDE

    Fazit

    „Bodyguard“ unterhält mit spannenden und überraschenden Höhepunkten, die wir in Form von Anspannung am eigenen Körper spüren können. Die Perlen sind neben der Bildgestaltung vor allem der Sound – besonders in Momenten, in denen er nicht vorhanden ist – sowie Richard Maddens Figur, die er mit solch einer Verzweiflung in den Augen spielt, dass er uns selbst in den Momenten, in denen er als funktionierende Maschine erscheint uns das Gefühl gibt, dass dahinter auch stets ein von einer traumatischen Erfahrung gepeinigter Mensch steckt.

    Der Hype um die Serie lässt sich vermutlich damit erklären, dass Serien-Macher Jed Mercurio es schafft, uns in den ersten 20 Minuten in die Geschichte zu ziehen und uns bis zur finalen Erlösung nicht mehr gehen lässt. Wer sich auf „Bodyguard“ einlässt, der wird die Außenwelt in sechs Episoden vergessen und später doch noch Gelegenheit haben, über die realen Elemente zu reflektieren.

    Alle sechs Folgen von „Bodyguard“ könnten ab sofort auf Deutsch und Englisch bei Netflix abgerufen werden.

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