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    Ist "Mulan" wirklich so ein Rekord-Hit für Disney? Darum ist Skepsis angebracht
    Von Björn Becher — 17.09.2020 um 18:24

    Während Disney selbst noch schweigt, behaupten Marktforscher, dass die Veröffentlichung von „Mulan“ auf Disney+ statt im Kino ein Erfolg für das Maushaus ist. Die angebliche Hit-Meldung machte schnell die Runde. Doch es ist viel Skepsis angebracht.

    Walt Disney

    Die Analysefirma 7Park Data veröffentlicht immer wieder Daten, wie Filme und Serien auf Streamingplattformen wie Netflix, Amazon Prime oder Disney+ angeblich performen. Wir haben schon in der Vergangenheit mehrfach ausgeführt, dass solche Angaben von Dritten immer mit großer Skepsis zu betrachten sind – und das gilt auch für die neueste Meldung.

    Laut 7Park Data haben allein in den ersten 9 Tagen nach Veröffentlichung 29% aller US-Haushalte mit einem Disney+-Abo sich zusätzlich den Premium-Zugang für 30 Dollar gekauft, um „Mulan“ schauen zu können.

    Schon diese Zahl darf mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden, auf jeden Fall muss das für die Erfolgsmeldung gelten, die daraus gestrickt wurde.

    Die Geschichte vom 260-Millionen-Hit

    Denn Yahoo hat die Zahlen von 7Park Data weitergestrickt – und am Ende war plötzlich die Meldung in der Welt, dass „Mulan“ über 260 Millionen Dollar in nur einer Woche allein in den USA eingespielt habe – und mit dem Gegenbeispiel „Tenet“ die Folge daraus abgeleitet:

    Das Kino ist tot, VoD ist die Zukunft und Disney hat alles damit richtig gemacht, den Film aus den Kinos zu nehmen und stattdessen auf VoD zu zeigen.

    Doch diese Erzählung hat ihre Fehler – und das führen wir nicht nur aus, weil wir bekanntermaßen immer wieder das Kinoerlebnis verteidigen. Es ist von Anfang an eine eher krude Rechnung, die auf viel zu vielen Unbekannten basiert.

    Dass man ein Fragezeichen schon hinter die 29% machen muss, haben wir bereits anfangs gesagt, doch es geht weiter. Disney hat bisher nie berichtet, wie viele US-Kunden man hat. Das Unternehmen sprach im letzten Einnahmenreport Anfang August nur davon, gerade die Marke von 60 Millionen Abonnenten weltweit durchbrochen zu haben. In einer Beispielrechnung geht Yahoo einfach davon aus, dass rund die Hälfte dieser Abonnenten aus den USA ist – und plötzlich war die Ziffer von 260 Millionen Dollar im Raum.

    Es ist also eine Rechnung, die nun schon auf zwei komplett unsicheren Zahlen basiert – und damit wäre allein schon eine Menge Skepsis angesagt (dass in der Weitererzählung der Zeitraum der Einfachheit wegen auf eine Woche verkürzt wurde, spielt da kaum eine Rolle mehr). Doch es gibt noch mehr Gründe.

    Warum sollte Disney einen Superhit verschweigen?

    Man kann zwar durchaus davon ausgehen, dass „Mulan“ auf ein größeres Interesse bei Disney+ stieß, weil auch die Nachfrage nach den Apps des Streamingdienstes in jenem Zeitraum anstieg, aber was gegen diese Fabelzahl von 260 Millionen Dollar spricht, ist das weitgehende Schweigen von Disney selbst.

    Das Maushaus hat bislang nur bekannt gegeben, dass man „sehr erfreut“ über die Zahlen für „Mulan“ am ersten Wochenende gewesen sei, hat aber – wenig verwunderlich – keine konkreteren Zahlen genannt. Das ist auch üblich so. Solche Zahlen werden von Streamingdiensten wie auch Netflix – wenn überhaupt – erst nach einigen Wochen verkündet – mit einer Ausnahme!

    Zumindest bei Netflix gab es in der Vergangenheit eher schneller einmal eine Ankündigung, wenn man eine Form von Rekord- oder Superhit-Meldung damit kreieren kann. Und genau so ein Fall wären 260 Millionen Dollar in rund einer Woche für „Mulan“!

    Nicht nur Forbes-Box-Office-Experte Scott Mendelsohn stellt die Frage, warum Disney ein solches Ergebnis verschweigen sollte. Auch wir fragen uns das. Zum Vergleich: Die bisher erfolgreichste Disney-Adaption eines hauseigenen Animationsfilms „Der König der Löwen“ spielte in seinen ersten neun Tagen mit knapp 330 Millionen Dollar an den nordamerikanischen Kinokassen nicht so viel mehr ein – und das sind 330 Million Dollar, bei denen Disney 40% an die Kinobetreiber abgeben musste, während die Einnahmen von „Mulan“ durch Disney+ zu 100% in den Taschen des Maushauses landen.

    „Mulan“ hätte also in einer Woche der legendären Mickey-Maus-Company mehr Geld eingebracht als jede andere Realverfilmung der eigenen Animationsklassiker bislang. Die Geschichte der jungen Kriegerin, die sich als Mann ausgibt, wäre ein absoluter Rekord-Hit.

    Wir sind ziemlich überzeugt: Wenn „Mulan“ so ein Rekord-Hit auf Disney+ wäre, dass Einnahmen in der Größenordnung der Startwochen der 15 größten Kinohits aller Zeiten generiert wurden, hätte es ziemlich schnell eine Pressemeldung dazu gegeben.

    Teilweise war heute als Gegenargument zu lesen, dass Disney die Zahlen bewusst zurückhält, weil die Wahrheit über den VoD-Mega-Erfolg die Kinobranche zu sehr erschüttern würde und man deren Unterstützung für kommende Veröffentlichungen braucht, doch das ist schon eine sehr, sehr weitgehende Verteidigung für von Anfang an sehr zweifelhafte Zahlen.

    Gilt der VIP-Zugang für "Mulan" für alle Profile? Und wie lange eigentlich? Wir klären auf

    Vielleicht ist „Mulan“ ein Mega-Hit, vielleicht wird er es – am Ende weiß das momentan natürlich nur Disney. Und der Konzern wird wohl erst in einigen Tagen oder Wochen, spätestens bei den nächsten Quartalszahlen, eigene Daten zu „Mulan“ und der dafür ins Leben gerufenen Premium-Funktion veröffentlichen. Bis dahin sollte daher jeder Zahl (egal ob unglaublich hoch oder super tief oder irgendwo dazwischen) mit mehr oder weniger viel Skepsis begegnet werden.

    Der sogenannte VIP-Zugang für „Mulan“, der in Deutschland 21,99 Euro kostet, kann übrigens direkt im Disney+-Abo gekauft werden. Im regulären Abo* gibt es den Film dann ab dem 4. Dezember 2020.

    Lohnt sich der neue "Mulan" auf Disney+? Wir diskutieren über das Remake

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