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    Der Mann, der den gruseligsten Film aller Zeiten gedreht hat: Interview mit "The Black Phone"-Regisseur Scott Derrickson!
    23.06.2022 um 15:00
    Stefan Geisler
    Stefan Geisler
    -Redakteur
    "Tanz der Teufel 2" und ein manisch-lachender Bruce Campbell haben Stefans Horror-Herz gestohlen. Seitdem kann er nicht mehr ohne: "Der Babadook", "Halloween" und "The Lords of Salem" - Horrorfilme gehören für Stefan einfach zu einem guten Filmabend.

    Wie ist es, der Regisseur zu sein, der den gruseligsten Film aller Zeiten gedreht hat? Wir haben mit Scott Derrickson über Masken in Horrorfilmen, einen entfesselt aufspielenden Ethan Hawk und seinen neuen Film „The Black Phone“ gesprochen...

    Universal Studios

    Er brachte mit „Doctor Strange“ den Horror ins Marvel-Universum und sein Film „Sinister“ wurde 2020 vom „Science-Of-Scare”-Projekt als gruseligster Film aller Zeiten ermittelt - inzwischen wurde der Gruselfilm jedoch bei einer erneuten Durchführung der Studie 2021 vom Shocker „Host“ entthront. Jetzt meldet sich Horror-Regisseur Scott Derrickson mit seinem neuen Film „The Black Phone – Sprich nie mit Fremden“ (Kinostart: 23. Juni 2022) zurück. Der basiert übrigens auf einer Kurzgeschichte von Bestsellerautor Joe Hill (Sohn der Horrorlegende Stephen King) und erzählt von dem gekidnappten 13-Jährigen Finney (Mason Thames) ...

    ... der sich im Jahr 1978 in einen Keller nur mit einem schwarzen Telefon wiederfindet. Als es plötzlich klingelt, melden sich die Geister der früheren Opfer des Greifers, um Finney dabei zu helfen, seinem mörderischen Peiniger zu entkommen. FILMSTARTS hatte die Möglichkeit, mit dem Regisseur über seine Vorliebe für Super-8-Aufnahmen, einen manischen Ethan Hawk und die furchteinflößende Maske des Greifers zu sprechen...

    FILMSTARTS: Zum Einstieg muss ich dich direkt zum „Science-Of-Scare”-Projekt befragen. Auch wenn die Methoden des Projekts vielleicht etwas fragwürdig gewesen sind, wie fühlt es sich an, der Regisseur zu sein, der mit „Sinister“ den gruseligsten Film aller Zeiten gedreht hat? [Anm. d. Red.: Bei dieser Studie wurde der Herzschlag der Proband*innen gemessen, während sie sich verschiedene Horrorfilm angesehen haben]

    Scott Derrickson: [lacht] Es hat sich großartig angefühlt, als ich das gelesen habe. Das war wirklich aufregend. Und ja, „wissenschaftlich“ – es wurden Pulsraten gemessen. Aber gegen diese Filme zu gewinnen, gegen die wir antreten mussten, das hat mich wirklich glücklich gemacht. Denn wir haben nicht nur gewonnen, sondern wir haben sogar mit einigem Abstand gewonnen. Ich weiß nicht, ob „Sinister“ dadurch zum gruseligsten Film aller Zeiten wird, aber weißt du, was ich daran liebe? Wir haben den Film gemacht, der die größte Chance hat, eine Person umzubringen – nur durchs Anschauen. [lacht] Irgendjemand wird wahrscheinlich irgendwann durch diesen Film einen Herzinfarkt erleiden.

    FILMSTARTS: Warum hast du Joe Hills Kurzgeschichte als Vorlage für deinen nächsten Film gewählt?

    Scott Derrickson: Ich hab die Kurzgeschichte schon vor längerer Zeit gelesen und seitdem immer wieder gedacht, dass das eine großartige Idee für einen Film wäre. Hier wird eine Erzählung über einen Serienkiller mit einer Geistergeschichte kombiniert – so etwas hatte ich bisher noch nicht gesehen. [...] Ich dachte, dass die Geschichte erweitert werden müsste, bevor man einen Spielfilm daraus machen kann. Erst als ich diese Lücken gefüllt und die Geschichte entsprechend erweitert hatte, habe ich mich dazu entschlossen, aus der Kurzgeschichte einen Film zu machen.

    Universal Studios

    FILMSTARTS: Du hast dir einige Freiheiten genommen und einige Aspekte der Geschichte grundlegend geändert. Eine der größten und auffälligsten Änderungen ist die Maske des Kindermörders, der in der ganzen Stadt als „Der Greifer“ bekannt ist. Woher stammt die Inspiration für die Maske?

    Scott Derrickson: Joe ist offensichtlich sehr direkt vom Serienkiller John Wayne Gacy beeinflusst gewesen. In der Kurzgeschichte ist der Killer ein Clown, ein unangenehmer, fetter Typ. Wir hatten ihm in unserem Drehbuch eine alte, rissige Ledermaske mit einer lachenden und einer weinenden Seite gegeben – im Stile einer Komödien-Tragödien-Maske. Ich dachte, das wäre interessant, denn ich halte Masken für gruselig. Masken in Horrorfilmen haben eine besondere Wirkung auf das Publikum. Ich wusste noch nicht genau, inwieweit wir die Maske einsetzen würden – er sollte sie gar nicht die ganze Zeit tragen, sondern nur in einigen Szenen. Und dann habe ich mich langsam in die Idee verliebt, dass er die Maske die ganze Zeit trägt und die Maske ihm eine Möglichkeit bietet, sich hinter dieser zu verstecken – er kann er selbst sein, wenn er diese Maske trägt.

    Nachdem Ethan an Bord gekommen ist und wir mit der Vorproduktion begonnen hatten, sind mir zwei Dinge klar geworden. Zum einen, dass sich der Film über die Maske verkaufen wird, also musste ich eine ikonische Maske erschaffen. Zum anderen hatte ich aber auch einen Schauspieler wie Ethan Hawke. Möchte ich nicht zumindest einen Teil von seinem Gesicht sehen? Und so kam ich auf die Idee, drei in der Mitte geteilte Masken zu entwickeln. So kann der Killer jedes Mal eine andere Maske oder einen Teil der Masken tragen, je nachdem, welche Wirkung er auf Finney haben möchte. Manchmal möchte er einschüchternd wirken, manchmal etwas von sich preisgeben. Mit dieser Idee bin ich zu verschiedenen Special-Effects-Firmen gegangen und letztendlich hat der großartige Tom Savini [Anm. d. Red.: Maskenbildner, der für die Spezialeffekte in Horror-Klassikern wie „Freitag der 13.“ verantwortlich gewesen ist] meine Ideen am besten umgesetzt. Der Typ ist einfach ein Genie.

    Die ausführliche FILMSTARTS-Kritik zu "The Black Phone"

    FILMSTARTS: Ethan Hawke ist ein fantastischer Schauspieler. Ich würde sagen, dass er in „The Black Phone“ eine seiner besten Darstellungen zeigt. Wie hast du ihn auf die Rolle vorbereitet?

    Scott Derrickson: Eigentlich habe ich mit Ethan gar nicht großartig an der Rolle gearbeitet. Ich habe ihn damals stärker auf seinen Part in „Sinister“ vorbereitet. Für „Sinister“ habe ich mit ihm darüber gesprochen, was es heißt, Angst zu haben und wie sich das am Besten im Film darstellen lässt. Er hat mir damals auch gesagt, dass das auch der Grund ist, warum die wenigsten großen Hollywoodschauspieler in Horrorfilmen mitspielen: Angst zu haben, ist nicht sexy. Es ist natürlich auch nicht sonderlich sexy, einen sadistischen Kindermörder zu spielen. [lacht] Ich denke, dass er in beiden Rollen wirklich voll aufgegangen ist – er spielt wirklich furchtlos und lässt sich vollständig gehen. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe bis heute keine Ahnung, was er getan hat, um den Greifer so glaubwürdig darzustellen.

    Er ist mit einem Verständnis für die Rolle aufgetreten, das mich wirklich beeindruckt hat. Er ist furchteinflößend, gruselig, verstörend und authentisch. Es gibt diese eine Szene im Film, in der Finney langsam aufwacht und der Greifer neben dem Bett steht und ihn beobachtet – es ist die einzige Szene im Film, in der er sich so weit in den Kellerraum wagt. Das war Ethans Idee. Ich wollte ihn bei der Tür stehen lassen, dort, wo er eigentlich immer steht, aber Ethan wollte, dass sich der Greifer in dieser einen Szene nahe an den Jungen heranwagt und im Nachhinein muss ich ihm recht geben. Es ist so unangenehm und verstörend, ihn da an der Wand hocken zu sehen, wie er Finney beobachtet.

    Universal Studios
    Um den Killer zu stoppen, müssen die Geschwister Finney und Gwen zusammenhalten

    FILMSTARTS: Wie in deinem Film „Sinister“ erwächst das Grauen in „The Black Phone“ aus dem Alltäglichen. Es entsteht in den Vorstädten und in den Familien. Was beunruhigt uns so am Horror des Alltags?

    Scott Derrickson: Wenn es um das Alltägliche geht, fühlt sich eine beunruhigende Entwicklung nachvollziehbar an. Und eben jene Nachvollziehbarkeit lässt einen die aufkommende Furcht und den Terror noch stärker spüren. Die Leute hatten schreckliche Angst vor ihrem Wecker, nachdem sie „Der Exorzismus von Emily Rose“ gesehen hatten. Sie sind dann um 3 Uhr morgens aufgewacht, weil der Film ein nachvollziehbares Ding aus dem Alltag thematisiert hatte. Dasselbe gilt für Filme wie „Poltergeist“ oder „Der Exorzist“. Die Filme waren so effektiv, weil sie in einem normalen Haushalt spielten. Das Eindringen des Übernatürlichen in die normale Welt ist, was Schrecken kreiert. Ich versuche, meine Horrorfilme erst immer in der Realität zu verankern, bevor ich das Paranormale hereinbrechen lasse, weil der Schock über den aufkommenden Horror so noch verstärkt wird.

    FILMSTARTS: Ist das auch der Grund für den Einsatz von Super-8-Filmaufnahmen in gleich mehreren deiner Filme?

    Scott Derrickson: Ja, ich denke schon. Wir haben ein Verständnis dafür, was sich für uns realistisch anfühlt. Das menschliche Auge sieht wie ein Weitwinkelobjektiv und sieht alles hochauflösend. Und trotzdem empfinden wir Dokumentationen als näher an der Wirklichkeit. Dokumentationen und alte Filmaufnahmen wie der „Zapruder-Film“ [Anm. d. Red.: eine Filmaufnahme des Attentats auf John F. Kennedy] fühlen sich wie etwas an, das tatsächlich passiert ist. In meinen Filmen verwende ich sehr oft Handkameras und nutze Super-8-Filmaufnahmen, weil ich denke, dass sich die paranormalen Aspekte dadurch realistischer anfühlen.

    „The Black Phone – Sprich nie mit Fremden“  läuft seit dem 23. Juni 2022 in den deutschen Kinos (und ist zudem auch das Thema in der neuesten Episode unseres Podcasts Leinwandliebe, den ihr euch bei Spotify und überall sonst, wo es Podcasts gibt, anhören könnt).

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