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    The Black Phone - Sprich nie mit Fremden
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Black Phone - Sprich nie mit Fremden

    Gegen diesen Killer müssen alle zusammenhalten – sogar die Toten!

    Von Christoph Petersen
    Von 2020 bis 2021 galt „Sinister“ als gruseligster Film aller Zeiten, bis er von „Host“ abgelöst wurde. Zumindest wurde das in zwei Studien, die den Herzschlag der Proband*innen während des Filmschauens untersucht haben, so ermittelt. Wie wissenschaftlich fundiert der Ansatz wirklich ist, sei mal dahingestellt. Aber Regisseur Scott Derrickson beherrscht es eben wie aktuell kaum ein anderer, eine wahrhaft furchteinflößende Atmosphäre zu erzeugen, um einem dann mit handwerklich ausgereiften und perfekt getimten Schockmomenten den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Das steht nun spätestens nach „The Black Phone – Sprich nie mit Fremden“ wohl endgültig außer Frage. Im Nachhinein war es also eine gute Entscheidung, dass er nach seinem MCU-Abstecher „Doctor Strange“ bei „Doctor Strange In The Multiverse Of Madness“ ausgestiegen ist, um stattdessen wieder zu seinen Horror-Wurzeln zurückzukehren.

    Basierend auf einer Kurzgeschichte von Joe Hill („Horns“, „Locke & Key“), der sich inzwischen eigentlich schon zu viele eigene Lorbeeren erarbeitet hat, um ihn noch weiterhin als Sohn von Literaten-Legende Stephen King vorzustellen, entpuppt sich „The Black Phone“ zunächst als eine atmosphärische Meisterleistung, die neben der grandiosen Kameraarbeit und dem sofort unter die Haut gehenden Sounddesign vor allem von seinem großartigen zentralen Schauspieler*innen-Trio profitiert. Der vierfach oscarnominierte Ethan Hawke („Moon Knight“) dreht in der Rolle des larmoyanten Serienkidnappers zwar voll auf, aber letztlich stiehlt ihm trotzdem ein kleines Mädchen die Show.

    Die aktuelle Verfassung des Grabbers (Ethan Hawke) lässt sich an der Mimik seiner Maske ablesen.


    1978 in einer typischen amerikanischen Kleinstadt nördlich von Denver: Auf dem Pausenhof der örtlichen Highschool kennt jeder die Namen der verschwundenen Kinder, aber kaum jemand traut sich, den Namen des The Grabber getauften Kidnapper-Phantoms auszusprechen. Auch der 13-jährige Finney Shaw (Mason Thames) gerät irgendwann in die Fänge des Teufelsmaske tragenden Serienmörders (Ethan Hawke), der seinen schwarzen Lieferwagen bis obenhin mit ebenso schwarzen Luftballons vollgeladen hat.

    Während die Polizei und Finneys offenbar übersinnlich begabte jüngere Schwester Gwen (Madeleine McGraw) nach dem Teenager suchen, findet sich dieser in einem schalldicht isolierten Keller mit einem schwarzen Telefon an der Wand wieder. Sein Kidnapper sagt ihm zwar gleich zu Beginn, dass es schon seit Jahrzehnten nicht mehr funktioniert und dennoch hört Finney das Telefon klingeln. Am anderen Ende der Leitung sind die Geister der im Keller ermordeten Kinder, die sich zwar kaum noch an ihre eigenen Namen erinnern können, aber unbedingt verhindern wollen, dass Finney dasselbe grausige Schicksal wie sie ereilt…

    Solidarität auf dem Schulhof


    Die Gewalt wirkt real, vor allem auf dem Pausenhof. Da wird immer und immer wieder ins Gesicht geschlagen, um sicherzustellen, dass der bisherige Schul-Bully die Nachricht auch wirklich verstanden hat. Selbst Finneys kleine Schwester schlägt mit einem Stein so fest zu, dass das Blut in Strömen die Stirn herunterfließt – woraufhin auch sie einen kräftigen Tritt gegen den Kopf abbekommt. Und trotzdem ist „The Black Phone“ im Kern ein – in dieser Hinsicht trotz der ganzen Schocks erstaunlich berührender – Film über kindliche Solidarität: Am Ende der Schulhofschlägerei hocken alle völlig benommen und blutend nebeneinander am Zaun. Und gleich in der allerersten Szene des Films kassiert Finney als Pitcher seines Baseball-Teams im allerletzten Wurf des Spiels einen Homerun, woraufhin ihn sein diesmal überlegener Gegner aber nicht etwa verhöhnt, sondern ihm im Gegenteil zu seiner guten Leistung gratuliert. Es wird nicht ausgesprochen, aber die Kids (und mit ihnen die Zuschauer*innen) spüren, dass man – gerade in Zeiten des Grabbers – unbedingt zusammenhalten muss, um in dieser verkommenen Welt überhaupt eine Chance zu haben.

    „The Black Phone“ ist ein düsterer, schon vor dem Kidnapping unheilverkündender Film. Außerhalb der geschwisterlichen Solidarität gibt es hier wenig Hoffnung: Finneys Mutter wurde wie seine Schwester ebenfalls von hellseherischen Träumen geplagt und von diesen letztendlich sogar in den Selbstmord getrieben – und sein alkoholkranker Vater (Jeremy Davies) schlägt mit seinem Gürtel auch sehr viel härter zu, als man es von vergleichbaren Unterhaltungsfilmen gemeinhin gewöhnt ist. Diese thematische Schwere hätte den Film auch erdrücken können, wenn er nicht von solch großartigen Schauspieler*innen geschultert werden würde: Mason Thames (die junge Version des Titelhelden in „Walker“) ist schon eine echte Entdeckung. Aber selbst in diesem hochkarätigen Cast stiehlt die schlagfertige Madeleine McGraw (spielt aktuell eine Hauptrolle in der Disney+-Serie „Das Geheimnis von Sulphur Springs“) noch einmal allen die Schau: Als zwar tiefgläubige, aber zugleich auch mit selbstbewusstem Verve Jesus und die Polizei verfluchende Gwen begeistert sie mit einer ansteckenden Aufgewecktheit.

    Mason Thames ist echt gut - aber was Madeleine McGraw hier abliefert, sieht man in der Altersklasse wirklich nur ganz, ganz selten.


    Nach dem Kidnapping nimmt die zuvor angedeutete Solidarität dann auch eine übersinnliche Form an, wenn sich die Stimmen der bereits getöteten Kinder am titelgebenden schwarzen Telefon melden – und das man sofort spürt, wie sehr Finney die geisterhafte Hilfe nötig hat, liegt vor allem an der unberechenbaren Performance von Ethan Hawke: Der Star der „Before…“-Trilogie gibt den Grabber, der je nach Gemütslage Masken mit unterschiedlicher Mimik trägt, als eine Art traurigen Clown, in dessen selbstmitleidigen Augen so sehr die Tränen anstauen, dass man fast auch noch Mitleid mit ihm haben könne. Zugleich lässt er aber auch die Tür zu Finneys Verließ absichtlich offen, nur um mit nacktem Oberkörper und gezücktem Gürtel darauf zu warten, dass sein Opfer die vermeintliche Chance nutzt – und ihm so die „moralische Rechtfertigung“ gibt, den Naughty Boy nach Strich und Faden zu verdreschen…

    Scott Derrickson und sein Kameramann Brett Jutkiewicz („Scream 5“) etablieren gleich zu Beginn einen Super-8-artigen Siebziger-Retrolook, der für einen Horror-Schocker einfach verdammt hochwertig aussieht. Damit geben sie zugleich ein handwerkliches Qualitätsversprechen ab, das „The Black Phone“ im weiteren Verlauf zum Glück auch vollständig einlöst: Nicht nur das Sounddesign ist absolut bemerkenswert, wie schon zu Beginn des Films in einer Szene mit dem auf Ruhe pochenden Vater vorgeführt wird. Auch die nie selbstzweckhaften Schockeffekte, bei denen vor allem die toten Kinder zum Einsatz kommen, hauen richtig rein. Kurz vor dem Finale gibt es mit den Auftritten des zugekoksten Hobby-Ermittlers Max (James Ransone) zwar noch einmal trügerisch-humorvolle Momente, aber dann spitzt sich alles parallel auf das schmerzhaft gewalttätige wie ungemein kathartische Finale zu.

    Fazit: Ein grandioser Cast in einem handwerklich furiosen und atmosphärisch dichten Horrorfilm, der konstant ungemütlich brodelt und im dritten Akt dann so richtig unter die Haut geht.

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