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    Rock of Ages
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Rock of Ages
    Von Andreas Staben
    Der Juni 2012 steht in Deutschland ganz im Zeichen der Fußball-Europameisterschaft. 22,33 Millionen Fernsehzuschauer sahen das Auftaktmatch von Joachim Löws Elf gegen Portugal, bei diesem geballten Interesse am Fußball haben es andere Freizeitangebote schwer. Das gilt auch für das Kino und entsprechend wurde Ridley Scotts weltweit im Juni startender Science-Fiction-Kracher „Prometheus - Dunkle Zeichen" hierzulande in den August verschoben. So ist die Musical-Verfilmung „Rock of Ages" der von den Namen her mit Abstand hochkarätigste Kinostart bis zu den letzten EM-Tagen. Offenbar will man vor allem dem weiblichen Publikum ein Alternativprogramm zum Gekicke in Polen und in der Ukraine bieten. Dazu passt, dass eine sexy Lapdance-Nummer mit Hauptdarstellerin Julianne Hough aus dem Film herausgeschnitten wurde, nachdem die Mehrheit der Frauen bei Testvorführungen negativ auf die Szene reagiert haben soll. Das bleibt allerdings nur eine Anekdote, denn Regisseur Adam Shankman macht aus „Rock of Ages" auch so weit mehr als nur ein perfekt konfektioniertes Zielgruppenprogramm. Sein Rock-Musical ist ein lust- und liebevoller Trip in die Zeit der schrecklichen Frisuren und schrillen Outfits, der ungehemmten Gefühle und der überlebensgroßen Stars. Und als ebensolcher führt Tom Cruise, der sich auch als Sänger bewährt, in einer grandiosen Darbietung eine insgesamt tolle Mannschaft an: ein Volltreffer.

    1987. Sherrie Christian (Julianne Hough) kommt mit ein paar Dollars, einem Koffer voller Schallplatten und großen Träumen von einer Karriere als Sängerin von Oklahoma nach Los Angeles. In der kalifornischen Metropole wird sie jedoch als erstes bestohlen. Auch Drew Boiley (Diego Boneta), der im legendären Rock-Club „Bourbon Room" an der Bar arbeitet, ebenfalls den Durchbruch als Sänger erhofft und Zeuge des Vorfalls wird, kann den Dieb nicht aufhalten. Aber er empfiehlt Sherrie seinem Chef Dennis Dupree (Alec Baldwin) und so wird sie dort Kellnerin. Unterdessen führt die Bürgermeistergattin Patricia Whitman (Catherine Zeta-Jones) einen Kreuzzug gegen den „Bourbon Room", den sie als Sündenpfuhl geißelt. Ihr Zorn richtet sich besonders gegen einen Auftritt des Rocksuperstars Stacee Jaxx (Tom Cruise). Clubbesitzer Dupree und seine rechte Hand Lonny Barnett (Russell Brand) sind jedoch dringend auf die Einnahmen des Konzerts angewiesen, haben dabei aber die Rechnung ohne Stacees schmierigen Manager Paul Gill (Paul Giamatti) gemacht. Sherrie und Drew sind sich inzwischen nähergekommen und als am großen Abend die Vorband ausfällt, winkt der musikalische Durchbruch...

    Echte Rocker, die aus „ihrer" Musik ein Lebensgefühl und eine Weltanschauung ableiten, werden wie schon bei der Musicalversion auch hier womöglich ihre Nase rümpfen. Das liegt nicht unbedingt (nur) daran, dass hier Musik von Kalibern wie Journey, REO Speedwagon, Starship und Bon Jovi erklingt. „Rock of Ages" ist kein „Almost Famous - Fast berühmt" und erst recht kein „Velvet Goldmine", hier gibt es keine persönliche Innenansicht einer musikalischen Epoche, kein Best Of wie es im angesagtesten Musikmagazin stehen würde, sondern eher die nach Lust und Laune zusammengestellte Playlist eines Mainstream-Radiosenders wie sie unverbindlicher nicht sein könnte. Auch die Handlung erscheint auf den ersten Blick fast beliebig. Wenn etwa Catherine Zeta-Jones („Chicago") gegen den Rock wettert, dann denkt man zunächst an den Tanzbann in „Footloose", aber schon direkt danach fetzt sie selbst mit Pat Benatars „Hit Me With Your Best Shot" los: Adam Shankman gibt uns das unmissverständliche Signal, dass ihn herkömmliche Dramaturgie wenig interessiert. Figurenzeichnung findet in den Songs statt, in den oft durchaus willkürlichen Übergängen gilt es nur, den kürzesten Weg zur nächsten Musical-Nummer zu nehmen.

    In der äußerst dünn gestrickten Handlung haben die beiden Hauptdarsteller die undankbarsten Aufgaben und während Diego Boneta („Girls Club 2") trotz schöner Singstimme insgesamt tatsächlich eher farblos bleibt, macht Julianne Hough („Footloose") das Beste aus der Rolle des etwas naiven „Small Town Girls". In ihrem „More Than Words" liegt echte Liebe, in „Harden My Heart" eine Spur Verzweiflung und in den schnelleren Nummern ordentlich Power. So funktioniert am Ende sogar die zentrale Liebesgeschichte, eben weil sie in der Musik Wahrhaftigkeit bekommt. Trotz einiger augenzwinkernder Einzelheiten dreht Shankman keine Parodie wie „This Is Spinal Tap" und so ist das Liebesduett des köstlichen Alec Baldwin („30 Rock") und des unverwechselbaren Russell Brand („Männertrip") an seinem Ende nicht etwa eine ironische Koketterie, sondern tatsächliche Romanze ganz im Sinne des Songs: „Can‘t Fight This Feeling".

    Adam Shankman ist nicht nur ein erfahrener Tänzer und Choreograf, sondern er ist auch ein Regisseur mit dem Händchen für originelle Casting-Entscheidungen. So machte er Muskelmann Vin Diesel zum „Babynator" und steckte John Travolta für „Hairspray" in Frauenkleider. Diesmal besetzte er die Rolle des (fiktiven) größten Rockstars der 80er mit dem größten Filmstar der 80er. Und Tom Cruise zeigt nach seinem köstlichen Auftritt in „Tropic Thunder" nicht nur einmal mehr seinen Sinn für Humor und Selbstironie, sondern der fast 50-Jährige beweist auch, dass sein schauspielerischer Ehrgeiz keinesfalls gestillt ist. Perfekt durchtrainiert, mit imposanter Langhaarmähne und übersät mit Tätowierungen hat er sich in die perfekte hemdlose Rockerrampensau verwandelt und dazu gehört auch die passende Röhre: Cruise hält stimmlich locker mit den anderen mit, aber am meisten Vergnügen bereitet sein Auftritt hinter der Bühne. Die Scotch-Pulle immer griffbereit pendelt er zwischen Machomanieren und Künstlerpose, zwischen Axl Rose und Keith Richards – an seiner Seite stets sein Haustier, der freche Pavian Hey Man.

    Tom Cruise spielt das Klischee eines Rockstars, die Manierismen, das Fabrizierte, aber er verkörpert zugleich auch die echte Verführungskraft eines angehimmelten Idols. In einer der besten Nummern des Films wird diese Vermischung von Lust und Liebe, Schein und Sein auf den Punkt gebracht: Cruise und Malin Akerman („Watchmen"), die als „Rolling Stone"-Reporterin die Masche des Stars durchschaut und ihm dennoch nicht widerstehen kann, singen hingebungsvoll Foreigners „I Want to Know What Love Is", während sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib reißen und übereinander herfallen. Shankman hält nicht nur hier geschickt die Balance und geht über das Fast-Verruchte nie hinaus. Das kommerzielle Kalkül, das man ihm dabei unterstellen könnte, nimmt er am Ende, wenn Spießbürger zu Rockern werden und Rocker zu Familienvätern, genauso wissend aufs Korn wie zuvor, wenn es darum geht, Drew zum Kopf einer (natürlich ganz schlechten) Boygroup zu machen. Dabei zeigt der Regisseur stets den nötigen Sinn für Raum und Rhythmus, dazu klingen die musikalischen Arrangements wie aus einem Guss, auch wenn mehrere Songs gegeneinandergeschnitten werden. Die Wahrheit liegt in der Musik.

    Fazit: „Rock of Ages" ist perfekt gemachtes, schwungvolles und familienfreundliches Gute-Laune-Kino - besonders für alle Freunde des bombastischen Stadionrock und der kitschig-herzergreifenden Balladen aus den 80er Jahren. Großartige Musicalnummern sowie das spiel- und gesangsfreudige Ensemble, aus dem Superstar Tom Cruise in einem denkwürdigen Auftritt herausragt, runden das Vergnügen ab.
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