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    Dredd
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Dredd
    Von Björn Becher
    Als 1995 „Judge Dredd" mit Sylvester Stallone in der Titelrolle in die Kinos kam, hatte seine Darbietung nur noch wenig mit der Figur des gnadenlosen Rächers zu tun, wie sie erstmals 1977 in der britischen Comic-Anthologie „2000 A.D." aufgetreten war. Die Fans des Originals waren entsprechend enttäuscht, aber die Mehrheit der „Rocky"- und „Rambo"-Freunde störte das weniger und so strömten in Deutschland immerhin 1,1 Millionen Besucher in Danny Cannons Action-Film. Nun kommt mit Pete Travis‘ „Dredd" eine Neuadaption des Comics in die Kinos, bei der genau umgekehrte Reaktionen zu erwarten sind. Die eingefleischten Anhänger der Vorlage werden von dem grimmig-brutalen Sci-Fi-Actioner mit seinen explodierenden Köpfen begeistert sein, während viele andere Zuschauer mit der (über)stilisierten Zeitlupen-Gewalt, die hier zelebriert wird, wahrscheinlich deutlich weniger anfangen können - zumal Travis auf eine Auflockerung durch Humor weitgehend verzichtet und nur äußerst subtile satirische Spitzen setzt. Das größte Problem der „Dredd"-Neuauflage mit „Herr der Ringe"-Star Karl Urban ist jedoch ein anderes: Die Non-Stop-Action-Orgie sieht zwar in 3D unglaublich gut aus, es mangelt aber in der zweiten Hälfte an frischen Ideen und so geht dem Film allmählich die erzählerische Puste aus.

    In der Zukunft ist die Welt eine Atomwüste. An der Ostküste der längst zerfallenen USA liegt die gigantische Stadt Mega City One, ein Riesen-Slum, in dem das Verbrechen die Oberhand hat. Nur die sogenannten Judges sorgen für ein letztes bisschen „Ordnung". Als Polizisten, Richter und Henker in Personalunion können sie allerdings gerade einmal sechs Prozent der täglich 70.000 gemeldeten Schwerverbrechen nachgehen. Als Judge Dredd (Karl Urban), der als bester seiner Zunft gilt, gemeinsam mit der übersinnlich begabten neuen Rekrutin Anderson (Olivia Thirlby) einen Dreifachmord in einem 200 Stockwerke hohen Hochhaus verfolgt, scheint es sich um einen Routinefall zu handeln. Doch das Haus steht unter der Kontrolle von Drogenbaronin Ma-Ma (Lena Headey), deren neuestes Rauschmittel Slo-Mo ihre Konsumenten die Realität in Zeitlupe erleben lässt und sich wie eine Seuche in der Stadt ausbreitet. Als Dredd und Anderson den für die Morde verantwortlichen Kay (Wood Harris), einen engen Vertrauten von Ma-Ma, verhaften, erklärt die Oberschurkin den Vollstreckern den Krieg. Sie lässt das gesamte Hochhaus abriegeln und hetzt den Judges ihre Häscher auf den Leib. Die bedrängten Ordnungshüter sehen bald nur noch einen Ausweg: Sie müssen sich in Ma-Mas Kontrollzentrum im 200. Stock vorkämpfen.


    Polizisten, die sich durch ein von einem Drogenbaron kontrolliertes Hochhaus, das zur tödlichen Falle geworden ist, kämpfen müssen: Hatten wir das in diesem Kinojahr nicht schon einmal? Aber ja. Nicht nur die Story von „Dredd" ist ganz ähnlich wie die des indonesischen Action-Highlights „The Raid", sogar die jeweiligen heruntergekommenen Slum-Hochhäuser sehen fast gleich aus. Für die Macher der Comic-Adaption kommt noch erschwerend hinzu, dass sie den direkten Vergleich mit der asiatischen Konkurrenz deutlich verlieren. Wo „The Raid" mit mehreren Stilwechseln und Spannung pur bis zum Ende fesselt, lässt „Dredd" nämlich nach fulminantem Anfang deutlich nach. Im letzten Filmdrittel sorgt nur noch die phänomenale Handfeuerwaffe des Protagonisten für Abwechslung, die auf seinen Zuruf immer wieder unterschiedliche Kaliber abfeuert. Wenn es nicht mehr aufregend genug ist, die Gegner mit normalen Kugeln zu durchsieben, wird kurzerhand auf „Hotshots" umgeschaltet, mit denen Köpfe zum Schmelzen gebracht werden.

    Der Brite Pete Travis, der bei „8 Blickwinkel", seinem ersten großen Kinofilm als Regisseur, noch allerlei Probleme hatte, ein wirres Storykonstrukt zu bändigen, kann hier aber zumindest inszenatorisch deutlich mehr bieten. Um es ausnahmsweise mal nicht ganz so sachlich auszudrücken: „Dredd" sieht einfach nur geil aus. Wenn etwa Dredd und Anderson eine Drogenhöhle stürmen, erleben wir das aus der Perspektive der zugedröhnten Junkies. Die nehmen die Realität unter dem Einfluss der Slo-Mo-Droge extrem verlangsamt wahr und wir teilen ihren Blick: Kugeln durchdringen in Superzeitlupe die Wangen von Menschen und Hautfetzen schweben durch die Luft. Das ist natürlich mega-brutal, aber durch die extrem verfremdende Stilisierung besitzen diese Bilder auch eine morbide Schönheit. Mit der Unterstützung von Drehbuchautor und Produzent Alex Garland („The Beach"), der immer am Set war und ihm zur Seite stand, gelingen Travis einige der besten 3D-Actionszenen, die es im Kino bislang zu sehen gab – und Oscarpreisträger Anthony Dod Mantle („Slumdog Millionär") beschert uns dabei einige atemberaubende Kamerafahrten durch das Slum-Hochhaus.

    Die Inszenierung befindet sich jedoch nicht durchgängig auf dem hohen Niveau der erwähnten Bravourstücke. Wenn die Gedankenleserin Anderson in die Köpfe anderer Menschen eindringt, wird dies auf eine monotone und immer gleiche Weise bebildert, dabei hätte es gerade für diese Intimspionage jede Menge spannender visueller Möglichkeiten gegeben. Ähnlich uneinheitlich wie die formale Umsetzung ist auch der Erzählton, den Travis anschlägt. Mit wenigen subtil gesetzten Blicken, Worten und Kameraperspektiven nehmen der Regisseur und sein Drehbuchautor ihrer Hauptfigur die Heldenrolle: Dieser Judge Dredd ist kein Guter. Das lässt sich soweit durchaus als Satire auf Genre-Gepflogenheiten oder gar als Keim einer Gesellschaftskritik verstehen. Schwierig wird es dagegen, wenn sich die Filmemacher an anderer Stelle den Zynismus ihres Protagonisten zu Eigen machen: Da verweist Dredd einen Penner (Desmond Lai Lan) seines Platzes, der ihm aber nicht gehorcht. Bevor der Judge ihn bestrafen kann, wird der Obdachlose durch die herunterfallenden Tore bei der Abriegelung des Hochhauses in zwei Hälften geteilt – inszeniert ist das Ganze als derbe Gewalt-Einlage für ein johlendes Genre-Publikum.

    Regisseur Pete Travis, Autor Alex Garland und Hauptdarsteller Karl Urban („Priest", „Star Trek") machen ihre Ankündigung wahr und gehen keine Kompromisse ein. So ist Urban wirklich nie ohne Helm zu sehen und bleibt im wahrsten Sinne des Wortes gesichtslos. Seine wenigen Dialogzeilen knurrt er in Halbsätzen irgendwie raus und dazu läuft er stoisch Stockwerk um Stockwerk nach oben. Die Handlung bleibt rudimentär, die Figuren erfüllen alle nur ihren Zweck, sie werden nicht ausgestaltet, sondern nur umrissen. Wenn wir erfahren, dass Anderson den Aufnahmetest für die Judges eigentlich nicht bestanden hat, aber wegen ihrer besonderen Fähigkeiten trotzdem eine Chance bekommt, kann das hier schon als geradezu ausschweifende Erklärung gelten. Bis auf eine gute Handvoll Figuren bleibt der Rest dann auch eine gesichtslose Masse, die ohnehin schnell das Zeitliche segnet. So ist „Dredd" ein hartes, filmgewordenes Computerspiel – passend dazu bewegen sich Dredd und Anderson im Finale in bester „Counter Strike"-Manier durch die Hochhausgänge.

    Fazit: „Dredd" ist unglaublich brutal und kompromisslos, sehr subtil wird zudem der satirische Unterton der Vorlage gewahrt. Aber vor allem sieht die Comicverfilmung von Pete Travis in 3D einfach nur unglaublich gut aus. Für Genre-Fans ist er das Action-Spektakel ein Muss, auch wenn der Film insgesamt recht uneinheitlich ausfällt und in der zweiten Hälfte deutlich nachlässt.
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