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Cyrus
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Cyrus
Von Jens Hamp
Vermutlich von der dänischen Dogma-Bewegung beeinflusst, kristallisierte sich Anfang des 21. Jahrhunderts in den USA eine Gruppe junger Filmemacher heraus, die ohne die Zwänge eines Drehbuchs und mit einer Handkamera bewaffnet preiswerte Filme drehten. Aufgrund der improvisierten und häufig dahingenuschelten Dialoge wurde die Genreschublade kurzerhand Mumblecore getauft. Nachdem Bradley Rust Grays Beitrag „The Exploding Girl" dem deutschen Kinopublikum einen ersten Vorgeschmack bot, legen die Berlinale-honorierten Jay und Mark Duplass („The Intervention") nun mit „Cyrus" nach. Doch im Gegensatz zu ihren Brüdern im Geiste wurde den Duplass-Brüdern von Ridley und Tony Scott ein üppigeres Budget zur Verfügung gestellt, so dass sich nun ein erlesenes Grüppchen oscarnominierter und -honorierter Schauspieler in der feinsinnigen Tragikomödie tummelt.

Einer Studie des Statistischen Bundesamtes zufolge leben 47 Prozent der Männer mit 24 Jahren noch im Hotel Mama. Cyrus (Jonah Hill) ist einer dieser Nesthocker, die sich nur schwer abnabeln können. Doch im Gegensatz zu seinen spätzündenden Altersgenossen genießt Cyrus nicht die Bequemlichkeit, vielmehr ist das Verhältnis zu seiner junggebliebenen Mutter Molly (Marisa Tomei) von einer innigen Freundschaft geprägt. Die Welt des Filius‘ gerät allerdings ins Wanken, als Molly auf einer Party John (John C. Reilly) kennenlernt. Urplötzlich hat Cyrus einen Konkurrent, mit dem er hinter Mollys Rücken um deren Gunst kämpft...

Es gibt zahlreiche Momente, in denen das Beziehungsgewirr mühelos in die Regionen einer lautstarken Komödie im Stile von „Arrested Development" abdriften könnte. Wenn Cyrus und John versuchen, Mollys Zuneigung zu erhaschen, könnten jederzeit die Geister Will Ferrells (John C. Reillys Filmpartner in „Die Stiefbrüder") oder Russell Brands (Jonah Hills Co-Star in „Männertrip") von der Szene Besitz ergreifen und einen deftigen Schlagabtausch der Peinlichkeiten heraufbeschwören. Die Duplass-Brüder brechen aber mit den Erwartungen des Publikums, indem sie die Konfliktmomente stets vor dem eigentlichen Eklat ein abruptes Ende finden lassen. Denn in „Cyrus" stehen nicht unfreiwillige Witzfiguren im Mittelpunkt, sondern zwei Erwachsene, die auf ihre eigene Art mit Verlusten umgehen. Nachdem John vor einigen Jahren von seiner – nunmehr – Ex-Frau (Catherine Keener) verlassen worden ist, flüchtete er in ein selbstgewähltes Dasein als Eremit. Chancen auf eine erneute Liebschaft klammert er bereits im Vorfeld aus. Schließlich möchte niemand Zeit mit einem langweiligen Normalo wie ihm verbringen. Cyrus schottet sich in gewisser Weise nach dem Ableben seines Vaters auch von der Außenwelt ab und verbringt die Zeit in seinem Musikstudio im Wohnzimmer. Der einzige Unterschied ist, dass sich Cyrus zudem an Molly klammert und mit dieser eine ödipale Freundschaft pflegt. Äußere männliche Einflüsse, die dieses Verhältnis beeinträchtigen könnten, blockt er hinterrücks mit Engelsmiene ab.

Diese Gratwanderung zwischen komödiantischer Zuspitzung und charakterlicher Wahrhaftigkeit ist letztlich so unterhaltsam, weil die Duplass ihre Stars an der langen Leine führen. Diesen Umstand nutzt insbesondere Jonah Hill mit seinem zwischen Verständnis und Eifersucht schwankenden Auftreten. Mühelos spielt er sich in den Mittelpunkt, wenn er die zaghafte Harmonie zwischen den nicht minder überzeugenden John C. Reilly und Marisa Tomei mittels feine Nadelstiche torpediert.

Der Zuschauer nimmt bei dieser konfliktbelasteten Dreiecksbeziehung eine ungewohnt nahe Position ein. Die Handkamera schaut den Charakteren unmittelbar über die Schulter, was ein Gefühl vermittelt, als würde man guten Freunden zusehen. Untermauert wird dieser Eindruck noch durch die lebensnahen Dialoge, die von den Akteuren größtenteils improvisiert wurden.

Fazit: „Cyrus" ist eine klassische Independent-Komödie, die aufgrund ihrer etwas spröden Art sicherlich nicht jedem gefallen wird. Denn entgegen des Trailers wird hier kein Gagfeuerwerk gezündet, sondern unter Verwendung humoristischer Elemente ein glaubhaftes Porträt dreier Charaktere auf der Suche nach Zuneigung gezeichnet. Und obwohl sich die Duplass-Brüder in vielerlei Hinsicht den Hollywood-Mechanismen verweigern, ist vor allem das erste Anbandeln zwischen John und Molly ein kleiner magischer Moment, der auch einer neumodischen Romanze entspringen könnte: Völlig betrunken singt er auf einer Party zu Human Leagues „Don't you want me". Die anderen Gäste sind sichtlich genervt – als Molly aber zur Rettung den weiblichen Gesangspart übernimmt, fühlt man, dass zwischen den Figuren erste Funken sprühen...
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