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    Godzilla
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Godzilla
    Von Björn Becher
    Als 1954 in Japan der erste „Godzilla“-Film entstand, war das ganze Land noch immer gezeichnet von der verheerenden Wirkung einer der schrecklichsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte: der Atombombe. So gibt es in Ishirô Hondas Klassiker nicht nur viele mehr oder weniger stark allegorisch verfremdete, aber dennoch unmissverständliche Verweise auf die Bombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg, sondern in ihm spiegeln sich auch die damals aktuellen Ängste einer traumatisierten Gesellschaft angesichts der anhaltenden Nukleartests im Pazifik. Von diesen ernsten Untertönen war nichts mehr zu spüren, als der längst zum Kultmonster aufgestiegene Godzilla 2004 zum 50. Jubiläum mit der spaßigen Hommage „Godzilla: Final Wars“, dem offiziellen Abschlussfilm der japanischen „Millenium“-Filmreihe, vorerst in Rente geschickt wurde. Das ist beim Hollywood-Comeback des Monsters wieder anders: Pünktlich zum 60. Geburtstag schlägt Regisseur Gareth Edwards, der sich durch seinen starken Low-Budget-Film „Monsters“ für größere Produktionen empfohlen hat, mit seinem „Godzilla“ einen thematischen Bogen zum Urklassiker. Auch bei ihm spielt die Atomkraft eine wichtige Rolle, drei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima steht nun aber vor allem die friedliche Nutzung der Kernenergie am Pranger. Doch während es im Original noch stark um menschliche Schicksale ging, bleiben diese in der Neuauflage ähnlich wie schon in Roland Emmerichs 1998er Blockbuster trotz einer erstklassigen Besetzung über weite Strecken nur Beiwerk. Dafür ist die Monster-Action bei Edwards so imposant wie noch nie…

    1999 erschüttert eine Katastrophe im örtlichen Kernkraftwerk die japanische Großstadt Janjira. 15 Jahre später ist der Amerikaner Joe Brody (Bryan Cranston), der damals in dem Atommeiler gearbeitet und Schlimmeres verhindert hat, noch immer auf der Suche nach Antworten. Er glaubt nicht daran, dass ein Erdbeben den Zwischenfall verursacht hat, wie es die Behörden behaupten und wittert eine großangelegte Vertuschungsaktion. Als Joes beim US-Militär beschäftigter Sohn Ford (Aaron Taylor-Johnson) nach Japan reist, um den starrsinnigen Vater zurück in die Heimat zu holen, wird er von diesem zu einem heimlichen Trip ins atomar verseuchte und rigoros abgesperrte Janjira überredet. Dort werden sie Zeugen, wie die Experimente des mysteriösen Ichiro Serizawa (Ken Watanabe) außer Kontrolle geraten: Ein gefangenes urzeitliches Flugmonster, das auf den Namen Muto getauft wird, kommt zu neuen Kräften und schlägt sich eine Schneise der Zerstörung in die Freiheit. Während Muto Richtung Hawaii fliegt, versucht das US-Militär die Bestie mit dem ganzen ihm zur Verfügung stehenden Waffenarsenal zu stoppen. Die Wege des Monsters kreuzen such dabei immer wieder mit denen von Ford Brody, der versucht zu seiner Frau Elle (Elizabeth Olsen) nach San Francisco zurückzukommen. Ichiro Serizawa schlägt derweil eine unkonventionelle Lösung vor: Er glaubt, dass ein anderes Monster längst die Fährte Mutos aufgenommen hat und setzt darauf, dass dieser natürliche Feind die entflohene Kreatur besiegt. Sein Name: Godzilla…




    Wenn zu Beginn des Films das Atomkraftwerk in der fiktiven Stadt Janjira in die Luft fliegt, werden sofort Erinnerungen an die Katastrophe von Fukushima wach, als uns ein reales Erdbeben nachdrücklich daran erinnerte, dass jede Nutzung der Kernenergie ein großes Risiko birgt. Die Skepsis gegenüber der Atomtechnik schwingt in „Godzilla“ sehr deutlich mit: Nicht zufällig bezieht das Monster Muto seine Energie und seine zerstörerische Stärke aus der Kernkraft und wandert daher von einem Atommeiler zum anderen. Und wenn den amerikanischen Militärbefehlshabern nichts Besseres einfällt, als ausgerechnet den Einsatz einer Atombombe von gigantischer Sprengkraft gegen Muto zu planen, dann entlarven Regisseur Edwards und sein Drehbuchautor Dan Borenstein („Der siebte Sohn“) die menschliche Überzeugung, die Kräfte von Natur und Technik kontrollieren zu können, als anmaßend. So wird hier ausgerechnet ein Monster zur letzten Hoffnung der Menschheit: Der leicht spleenige Ichiro Serizawa predigt von Anfang an, dass die Natur von alleine wieder ins Gleichgewicht kommt und meint damit, dass es zu einem Wesen, das alles zerstört, immer eine weitere Kreatur geben müsse, die es besiegen kann. Wie schon die titelgebenden „Monsters“ in Edwards‘ vorigem Film sind Muto und Begleitung (er bekommt im Verlauf des Films noch Verstärkung) keineswegs abgrundtief böse, auch sie wollen letztlich nur ihr eigenes Überleben sichern. Und so ist es mehr als ein Selbstzitat, wenn der Regisseur an einer Stelle in „Godzilla“ auf die eindringlich-poetische Elektro-Liebesszene am Ende von „Monsters“ anspielt.

    Von den Briten Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky“) und Aaron Taylor-Johnson („Kick-Ass“) über den Japaner Ken Watanabe („Last Samurai“) und die Französin Juliette Binoche („Der englische Patient“) bis hin zu Amerikanern wie David Strathairn („Good Night, and Good Luck.“), Bryan Cranston („Breaking Bad“) und Elizabeth Olsen („Oldboy“) – selten hatte ein Monster-Blockbuster eine so illustre internationale Besetzung. Wer damit allerdings auch die Hoffnung auf starke Figuren verbindet, wird enttäuscht. In „Monsters“ hatte  Gareth Edwards noch gekonnt von einer Mann-Frau-Beziehung erzählt, aber hier bleiben die Menschen fast ausschließlich Statisten. Für die Schauspieler gibt es kaum Gelegenheiten zu brillieren, die stärksten Akzente setzt noch Bryan Cranston zu Beginn. An seine berührenden Szenen bei der einleitenden Reaktorkatastrophe kommt hinterher niemand mehr heran – zu schematisch und emotionslos verläuft das Geschehen. So ist etwa Sally Hawkins als Assistentin kaum mehr als Szenenschmuck und Fords Versuch zu seiner Familie zu kommen (immerhin so etwas wie der zentrale Handlungsstrang) ist zu offensichtlich bloßes Mittel zu dem Zweck, den Soldaten möglichst oft mit den Filmmonstern zusammenstoßen zu lassen. Die phantastischen Urzeitwesen wiederum bekommen durch beiläufig erzählte Hintergrundgeschichten (da geht es mal um Vermehrung, mal um die Jagd) so etwas wie Herz und Seele - und wirken damit fast menschlicher als die Menschen.
        
    Das große finale Aufeinandertreffen der rivalisierenden Monster ist DAS Highlight des Films. Dieser Höhepunkt wird frühzeitig vorbereitet, geschickt spielt Edwards mit den Erwartungen und der Vorfreude des Publikums. So ist die erste Auseinandersetzung zwischen Godzilla und Muto nur auf dem Fernsehbildschirm im Hintergrund einer Szene zu sehen, später wird die Sicht auf einen Kampf durch ein sich schließendes Tor verdeckt. Auch beim ersten „Auftritt“  Godzillas wendet Edwards diese Strategie der Andeutungen an und zeigt uns nur eine Rückenflosse, die durchs Wasser gleitet - „Der weiße Hai“ lässt grüßen. Der Regisseur schränkt den Blick auf seinen Titelhelden immer wieder ein, lässt uns Details erhaschen. Erst als Godzilla endlich gegen Muto und dessen Gefährtin kämpft, gibt uns Edwards die Sicht auf Dauer frei – mit grandioser Wirkung: Das Kultmonster ist so gigantisch und eindrucksvoll wie noch nie. Der Filmemacher weiß, was er an diesen prächtigen Kreaturen hat und setzt nicht etwa auf schnelle Schnitte, sondern auf Übersichtlichkeit, die Kamera bleibt dabei stets auf den überdimensionalen Widersachern - so gelingt ihm der bis dato beste Monsterkampf der Kinogeschichte. Weit mehr als eine reine Zerstörungsorgie mitten in San Francisco ist das brutale Ringen eine existenzielle Auseinandersetzung zwischen lebenshungrigen Wesen. Godzilla wird dabei sogar zur echten Identifikationsfigur für den Zuschauer und beeindruckt nicht nur mit dem virtuosen Einsatz seines gigantischen Schwanzes. Dass das Monster so – auch bestärkt durch das Mienenspiel – „vermenschlicht“ wird, ist zugleich ein weiterer Fingerzeig auf die Originalfilme, in denen Godzilla nicht am Computer entstand, sondern Schauspieler im Gummi-Kostüm durch Miniaturstädte trampelten. Das Ergebnis ist die perfekte Symbiose von moderner Technik und dem Geist der alten Schule.

    Fazit: „Godzilla“ hat einen starken emotionalen Beginn und großartige Monster-Action im Finale, dazwischen gibt es allerdings einigen Leerlauf – nicht zuletzt wegen des Fehlens von (menschlichen) Identifikationsfiguren.
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