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    Picco
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Picco
    Von Alex Todorov

    Picco. Das ist der Kleine, das Opfer, der Neue, der, der sich noch beweisen muss. Constantin Von Jascheroff („Falscher Bekenner", „Jargo") kommt als eben jener in den Vorhof der Hölle in Philip Kochs bestürzendem Gefängnisdrama. An einer der Wände steht „Wir geben ihrer Zukunft ein Zuhause: JVA". Erst am Schluss wird einem die ganze Bitterkeit des Spruchs bewusst. „Picco", der 2010 in Cannes lief, orientiert sich an dem berüchtigten Vorfall in der JVA Siegburg im November 2006, an dessen Ende ein Insasse einen grauenhaften Tod starb. Weil vier ungleiche junge Männer auf diesen wenigen Quadratmetern ihrer gemeinsamen Zelle einfach nicht wissen, wohin mit sich, ihrer Wut, Langeweile und Angst. Ein Verbrechen, das Denk- und Vorstellungsräume sprengt. In seinem Langspiel-Erstling setzt Philip Koch es fern von Voyeurismus und Sensationsgeilheit um. Wichtiger noch: Er zeichnet den Weg der Eskalation nach und zeigt in eindringlichen Bildern ein System, das seine Kinder frisst.

    Während Andreas Veiel die Bluttat von Plotzow in dem verstörenden Theaterfilm „Der Kick" mit zwei alle Personen darstellenden Schauspielern besetzte, baut Koch im Kern auf vier Jungdarsteller, – Frederick Lau („Die Welle", „Die Entdeckung der Currywurst"), Martin Kiefer („Schläft ein Lied in allen Dingen"), Joel Basman („Songs of Love and Hate") und oben genanntem von Jascheroff –, die den Zuschauer mit zunehmender Dauer in den Sitz spielen. „Intensität" trifft es sowas von auf den Punkt. „Picco" ist beklemmend bis zur Unerträglichkeit. Eine brillierende Jungdarstellerriege wird aufeinander losgelassen und heraus kommt das Grauen. Ein kleines Meisterstück.

    Kevin (Constantin von Jascheroff) ist neu in der JVA. Er ist auf Zelle mit Marc (Frederick Lau), Andy (Martin Kiefer) und Tommy (Joel Basman). Nur schwer kann er sich im Alltag behaupten, der von Repressionen, latenten Gewaltausbrüchen und Langeweile bestimmt wird. Allein zu Tommy und dem homosexuellen Juli (Willi Gerke) findet er Zugang. Als Letzterer vergewaltigt wird, hält Tommy Kevin davon ab, einzuschreiten, um sich selbst und ihn zu schützen. Kevin plagt das Gewissen. Er hält dieses Vorgehen für feige und gerät mit Tommy aneinander. Der macht ihm klar, dass man entweder Täter oder Opfer ist. Als Juli sich auch noch das Leben nimmt, setzt sich eine schleichende Eskalation in Gang.

    Auf frappierende Art geht „Picco" der Frage auf den Grund, was passiert, wenn man zehn Bullys in einen Raum sperrt. Und was geschieht mit den kleineren Kalibern, die nicht getötet oder vergewaltigt, sondern „nur" gestohlen oder zugeschlagen haben. Deren Assimilation ist gefragt, um hier nicht unterzugehen. Sie sind gefährdet, sich erst in dieser „Erziehungsanstalt" aus schierem Überlebenstrieb Repression oder Gewalt als Konfliktlösung anzueignen. Teils mutet die Konstellation an wie eine böswillige Laborsituation zur Ergründung psychischer Grauzonen oder einer aus dem Ruder gelaufenen Testreihe ähnlich jener, von der „Das Experiment" erzählt. Dummerweise ist hier scheinbar alles so, wie es sein soll. Man möchte es besser nicht erwähnen, aber auch Uwe Bolls „Stoic", vorher subtilerweise „Siegburg" betitelt, rekurriert auf eben jene Geschehnisse. Während es dem Bollchen indes ausschließlich um den voyeuristischen Blick auf den Gewaltexzess ging (inklusive pseudo-authentischer Interviewsequenzen), zeichnet Philip Koch die Mechanismen, die zur Eskalation führten, nach und nimmt sich Zeit, den Bogen zu spannen.

    Dabei erleben wir immer wieder den Alltag zwischen Tischtennis, Fernsehen, Kickern, Hofgängen, Nahrungsaufnahmen, seltenen Besuchen von draußen oder Gesprächen mit der Psychologin, der nicht ausreichend Ventile bietet. Er besteht aus unaufhörlichen Bewährungs- und Selbstbehauptungsproben und wird für „Piccos" schnell zum Spießrutenlauf. Koch beschreibt das Milieu eingehend und akkurat, scheut sich aber keinesfalls, die Brutalitäten zu zeigen. Das wird so manchen Zuschauer abschrecken. Einfach weil eine schlüssige Zuspitzung unaufhaltsam auf das Undenkbare, das Unerträgliche zusteuert. Ohne Selbstzweck. Eine erschaudernde Wirkung erzielen hierbei die präzisen und milieutreuen Dialoge, die Stück für Stück die Stellschrauben anziehen, noch bevor die entsprechenden Bilder folgen.

    Frederick Lau ist eine Naturgewalt. Erratisch und unberechenbar. Willkürlich sucht er die Konfrontation. Sein Marc ist grobschlächtige, stumpfe und willkürliche Aggression im Unterhemd als Maskerade totaler Unsicherheit. Einmal sehen wir ihn weinen, er hat eben seine Tochter erstmals per Video gesehen, und kurz sitzt man dem Trugschluss auf, dies sei Anlass für ihn, ins Lot zu rücken. Martin Kiefer als Andy hingegen ist der Knastintellektuelle. Intrigant und manipulativ teilt er nach unten aus, um selbst im besten Licht dazustehen. Ein Dreckschwein, wie es im Buche steht, das abstoßende Resultat, wenn Bösartigkeit auf einen Rest von Intelligenz stößt. Während Marc als Eskalationsmotor fungiert, verfeinert Andy die Sadismen. Was für eine Kombination. Beide Alphatiere gehen Streits miteinander aus dem Weg und richten ihre Aggressionen zusammen eher auf die beiden anderen Zellengenossen. Der Dritte in der Zelle ist der schmächtige Tommy, dessen Überlebensstrategie seiner Physis geschuldet ist: nicht auffallen. Er weiß, sich zu positionieren, um nicht in die Schusslinie zu geraten. Der Schweizer Joel Basman spielt ihn zurückhaltend, zugänglich und sympathisch, was die Wirksamkeit der schlussendlichen Konfrontation intensiviert. Einen Selbsttötungsversuch hinter sich und eigentlich schon gebrochen, hat er es mit Hilfe von Beruhigungsmitteln wieder auf ein halbwegs laufendes Funktionsniveau gebracht. Alle sind angstgetrieben, nicht selbst unter die Räder zu kommen, und ein jeder repräsentiert einen eigenen Schutzmechanismus. Was Kevin letztlich retten wird, ist, was ihn reingebracht hat.

    Im Gespräch mit der Freundin erfahren wir andeutungsweise, dass seine empathische und reflektierte Art von Aggressionsschüben durchbrochen wird. Der hervorragende Constantin von Jascheroff glänzt am wenigsten von den vieren – was einiges über das Schauspiellevel sagt –, hat aber die mit Abstand schwierigste Gratwanderung zu meistern. Gefangen in steter Unentschiedenheit und Zerrissenheit, ist er noch nicht angekommen im System und sein Handeln bis zum Schluss von verzagten Entschlossenheitsversuchen bestimmt. Seine Wandlung mag einen Tick zu reibungslos anmuten, ist sie indes nicht, führt man allein den steten Leidensdruck an. Innerhalb des Charakters waltet eine höhere Schlüssigkeit, als es zunächst den Anschein macht. Seine grundsätzliche Veranlagung mag von einem moralischen Bewusstsein, Konstruktivität und Zurückhaltung geprägt sein, gleichermaßen wissen wir um einen Keim der Destruktivität und Ungehemmtheit. An ihm wird exerziert, wie erst das Milieu diese Keime sprießen lässt. Die Psyche als Sollbruchstelle.

    Es müssen nicht viele Worte verloren werden über die eminenten Kritikpunkte, derer sich „Picco" annimmt. Ab jenem Punkt, ab dem der Staat als Strafsanktion einem „unfertigen" Menschen die Freiheit entzieht, trägt er schlagartig die gebündelte Verantwortung für dessen weitere Entwicklung. Koch skizziert sämtliche Autoritätsinstanzen – ob Beamte oder Psychologin – als passiv oder erniedrigend. Sie ermahnen kurz und lustlos und verschwinden ohne pädagogisches Gespür für Befindlichkeiten, Tendenzen oder Entwicklungen innerhalb der Gruppen. Eine Einstellung bringt diese mangelnde Bindung zwischen den Autoritäten und den Häftlingen auf den Punkt. Nachdem zu Anfang links der Insasse und rechts die Psychologin – von den Jugendlichen nur „Dachdeckerin" genannt – im stockenden Gespräch in den Bildrand rücken, sieht man bald nur noch den Tisch und dahinter starrt man auf eine blanke Wand und hört: nichts. Verweigerung der Jugendlichen hin oder her: Hier wird nicht erzogen oder geholfen, nur noch Mangel verwaltet.

    Koch verzichtet auf große Inszenierungskniffe. Ein Graufilter fundiert die Grundstimmung. Der Regisseur verzichtet auf einen Score liefert den Zuschauer vollends den Bildern und Dialogen aus und unterbindet künstliche „Atempausen". Die Kamera folgt immer wieder Rücken durch die Traktgänge oder den Gefängnishof und liest über Close-Ups in den Physiognomien. Lange Einstellungen. Ein steter Wechsel von Anonymität und Intimität und über allem schweben Ausweg- und Aussichtslosigkeit. Ein gewaltiges Hamsterrad. Dem Drehbuch, ebenfalls von Philip Koch, gelingt es der Pathosfalle zu entgehen. Selbst wenn Marc oder Kevin in Schlüsselszenen das Dilemma auf den Punkt bringen, klingt es kein bisschen nach Zeigefingermentalität. Nur nach einem absoluten Unort, der das Verderblichste im Menschen hervorkehrt.

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