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Premium Rush
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Premium Rush
Von Andreas Staben
In seinen Anfängen war der Film eine Jahrmarktsattraktion und bis heute kann er uns Adrenalinschübe versetzen wie eine Achterbahnfahrt auf der Kirmes. Titel wie „Speed" oder „Unstoppable - Außer Kontrolle" sind in dieser Hinsicht Programm und zugleich Versprechen auf Hochgeschwindigkeits-Nervenkitzel. Auch David Koepps „Premium Rush" sorgt für Adrenalinstöße erster Güte, schließlich lautet das Motto seines Protagonisten „Bremsen sind der Tod". Allerdings ist es kein Linienbus und schon gar kein Güterzug, was hier ungebremst außer Kontrolle zu geraten droht, sondern ein Fahrrad. So ungewöhnlich ein Pedalritter als Action-Held auf den ersten Blick erscheint, so rasant ist Koepps Thriller geraten. Der Regisseur, der als Autor oder Co-Autor bereits an Blockbustern wie „Jurassic Park", „Mission: Impossible" und „Spider-Man" beteiligt war, präsentiert uns in knackigen 91 Minuten einen schlanken, schnellen Action-Spaß ohne viel Schnickschnack.

Wilee (Joseph Gordon-Levitt) arbeitet als Fahrradkurier in Manhattan. Er stürzt sich geradezu todesmutig in die New Yorker Autolawinen und gilt als Bester seines Fachs. Privat läuft es allerdings nicht so gut bei dem Studienabbrecher: Sein Konkurrent Manny (Wolé Parks) schnappt ihm eine Lieferung vor der Nase weg und hat auch noch ein Auge auf Wilees Freundin Vanessa (Dania Ramirez) geworfen, die sich vernachlässigt fühlt. Doch es bleibt keine Zeit, sich um solche Probleme zu kümmern, denn Wilee bekommt von seinem Boss Raj (Aasif Mandvi) einen extrem eiligen Auftrag: Er muss einen Umschlag bei der Columbia Law School abholen und spätestens in 90 Minuten in Chinatown, am anderen Ende der Stadt abliefern. Die Auftraggeberin ist Nima (Jamie Chung), die chinesische Mitbewohnerin Vanessas, aber sie verrät Wilee nicht, was es mit dem Umschlag auf sich hat. Sie sagt nur, dass es lebenswichtig sei, ihn pünktlich bei der angegebenen Adresse abzuliefern. Genau daran will Wilee jedoch der windige Bobby Monday (Michael Shannon) hindern, der alles daran setzt, das Papier an sich zu bringen: Eine wilde Hetzjagd durch Manhattan beginnt...

Zu den druckvollen Klängen von „Baba O'Riley" von The Who geht es gleich zu Beginn mittenrein ins gemeingefährliche Getümmel auf Manhattans Straßen. Tollkühn schlüpft Wilee durch schmalste Lücken, kurvt um offene Taxi-Türen und rast bei roter Ampel über Kreuzungen. Ein wahrer Höllenritt, der bald ein jähes (vorläufiges) Ende nimmt. Action-Einlage und Figurenzeichnung fallen hier zusammen: Wilee (wie in Chuck Jones‘ berühmtem Cartoon-Kojoten Wile E. Coyote) fährt ein „Fixie", ein Eingangrad ohne Bremse, und kennt keine Rücksicht auf die Verkehrsregeln. Deshalb ist er der Schnellste, aber wird von den anderen auch für lebensmüde gehalten. Koepp zeigt uns zuweilen, was ihm alles passieren könnte, sollte er nur einmal einen falschen Schlenker machen: Vor Wilees innerem Auge laufen die verschiedenen Möglichkeiten und ihre Folgen ab – für uns werden gelbe Linien auf die Straße gezogen und wir sehen einige spektakuläre Crashs im Konjunktiv, denen der rasende Radler gerade noch einmal entgehen kann. Was die Stuntleute hierbei leisten, ist beeindruckend, die unterstützende Arbeit der (Computer-)Effektabteilung makellos und unaufdringlich.

Frenetische Action allein macht indes noch keinen Film und David Koepp als alter Drehbuch-Hase weiß das natürlich genau. Also tritt er gelegentlich auf die erzählerische Bremse und dreht die Uhr zurück: Nach und nach enthüllt er in Rückblenden die Hintergründe, die sich um die ominöse Lieferung ranken, er zeigt, was der finstere Bobby Monday im Schilde führt und gibt auch der Geschichte von Wilee und Vanessa gerade genug Substanz. Clever setzt er Details ein (besonders effektiv ist etwa ein kleiner Hinweis auf einen kritischen Aufsatz zur Lage in Tibet im Zusammenspiel mit einer düsteren Szene im strömenden Regen Chinas), behält bei aller Abwechslung aber immer seine Haupthandlung im Blick – allerdings mit einem Augenzwinkern. Da kann es durchaus schon einmal sein, dass trotz des Zeitdrucks ein kleines Radrennen im Central Park ausgetragen wird und wenn eine Szene einfach gut ist, dann darf sie auch ruhig etwas länger dauern wie das virtuos-akrobatische Katz- und Mausspiel, das Wilee und Vanessa in einer Lagerhalle der Polizei für abgeschleppte Fahrzeuge mit Monday veranstalten.

In einem so stark actionorientierten Film wie „Premium Rush" sind von den Hauptdarstellern eher Starqualitäten als Schauspielfinessen gefragt. Am Film ist kein Gramm (erzählerisches) Fett und Joseph Gordon-Levitt ist sein Ebenbild aus Fleisch und Blut. Er meistert die körperlichen Herausforderungen seiner Rolle scheinbar spielend und mit seiner jungenhaften Ausstrahlung macht er auch eine nicht ganz unproblematische Figur zum Sympathieträger. Andererseits fehlt ihr das gewisse Etwas, das über reine erzählerische Effektivität hinausgehen würde, dafür kann auch Gordon-Levitt, der nach seinem Auftritt in „The Dark Knight Rises" - dazu mit „Looper" und „Lincoln" in den Startlöchern – derzeit hervorragend im Geschäft ist, nicht sorgen. In dieser Hinsicht hat ganz klar Michael Shannon („Zeiten des Aufruhrs", „Take Shelter") den dankbareren Part und gibt einen herrlich durchgeknallten Bösewicht: Mit intensivem Blick und der irren Logik des Getriebenen vertritt der vermeintliche Ordnungshüter eine ganz eigene Sicht auf die Regeln der Gesellschaft. Wenn er sich in einem Hinterhof mit zwei Schergen der Chinesen-Mafia anlegt oder wenn er gegenüber Wilee die schlechten Sprach-Manieren der jungen Generation (und des Fernsehens) beklagt, dann ist Shannon sichtbar in seinem Element: Man darf sich schon jetzt auf seinen General Zod in Zack Snyders „Superman: Man Of Steel" freuen.

Fazit: David Koepps Fahrradkurier-Thriller ist locker-leichte Unterhaltung ohne Flausen, Schnörkel und Wichtigtuerei: anderthalb Stunden Spannung und Action mit Pfiff.
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Kommentare

  • niman7
    Da muss ich euch recht geben was Shannon betrifft :D Wirklich grandios. Ja von mir kriegt er auch 3,5.
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