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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Beziehungsweise New York
Von Björn Becher
Mit „L'Auberge Espagnole - Barcelona für ein Jahr“ veröffentlichte Cédric Klapisch 2002 auf dem Festival in Cannes einen Film, der zum Pflichtprogramm für alle Erasmus-Studenten wurde. Der Regisseur fing das Leben junger Leute während ihres Studienjahrs im Ausland mit all seinen Facetten ein und bot gemeinsam mit einer glänzend aufgelegten internationalen Besetzung charmant-leichtfüßige Unterhaltung. Drei Jahre später kehrte Klapisch für „L'Auberge Espagnole - Wiedersehen in St. Petersburg“ erstmals zu einigen Figuren des Vorgängers zurück und nun lässt er dem zwar auch unterhaltsamen, aber schon deutlich weniger inspirierten Nachfolger mit „Beziehungsweise New York“ eine weitere Fortsetzung folgen. Dabei ist es ungemein reizvoll zu erfahren, was aus Xavier, Isabelle, Wendy und Martine geworden ist, aber das allein trägt keinen fast zwei Stunden langen Film. Klapisch vergisst daneben nämlich völlig, eine eigenständige Geschichte zu erzählen und ergeht sich stattdessen immer wieder in inszenatorischen Spielereien und aufgesetzter Selbstreflexion.

Die Studentenzeit von Autor Xavier (Romain Duris) ist lange vorbei. Er ist inzwischen 40 Jahre alt, Vater zweier Kinder und sein Verleger (Dominique Besnehard) wartet dringend auf ein neues Buch. Das Problem: Xavier hat keine Ahnung, worüber er schreiben soll. Als ihn seine Freundin Wendy (Kelly Relly) verlässt und samt der Kinder von Paris nach New York zu ihrem neuen Freund John (Peter Hermann) übersiedelt, packt Xavier kurzerhand die Koffer und reist hinterher. Dort kommt er erst einmal bei Ex-WG-Mitbewohnerin Isabelle (Cécile De France) unter, der er per Samenspende zur Schwangerschaft verholfen hat und die mit ihrer Lebensgefährtin Ju (Sandrine Holt) nun ebenfalls in New York wohnt. Wie es ihm auf Wohnungssuche ergeht, welche Wege er findet, um vom illegalen zum legalen Einwanderer zu werden, und was passiert, als plötzlich noch seine einstige große Liebe Martine (Audrey Tautou) vor der Tür steht, wird bald zum Stoff für Xaviers neues Buch…


Cédric Klapisch erweist sich in „Beziehungsweise New York“ einmal mehr als Liebhaber verspielter Details. Da gibt es aus Papiercollagen animierte Szenen oder es werden Internetdienste wie Google Maps und Google Earth sowie der New Yorker U-Bahn-Plan genutzt, um große Entfernungen zu illustrieren oder die vergebliche Wohnungssuche der Hauptfigur graphisch auf den Punkt zu bringen. Das ist für sich genommen meist sehr hübsch, aber allzu oft wird zugunsten von netten Inszenierungsideen oder Einzelmomenten der Gesamtzusammenhang vernachlässigt – und das geht nicht nur auf Kosten des Erzählrhythmus, sondern führt auch zu losen Enden und zuweilen zu Ungereimtheiten. Als Xavier sich beispielsweise auf der Suche nach einer Bleibe in New York bereits die Hacken abgelaufen hat, zaubert seine Mitbewohnerin Ju plötzlich ihre leerstehende alte Wohnung aus dem Ärmel, die sie ihm anbietet. Zunächst zeigt Klapisch die Ostküsten-Metropole als Stadt, in der es so gut wie unmöglich ist, ein bezahlbares Apartment zu finden, aber dann präsentiert er uns mit einem dramaturgischen Taschenspielertrick eine Frau, die es sich nicht nur leisten kann, wertvollen Wohnraum ungenutzt zu lassen, sondern die auch offenbar monatelang noch nicht einmal auf die Idee kommt, dem suchenden Hausgast weiterzuhelfen, der ja immerhin auf ihrer Couch schläft und ihr Privatleben deutlich belastet.

Um sinnvolle den ganzen Film übergreifende Handlungsstränge kümmert sich Klapisch also wenig, er hat anderes im Sinn: Über die namenlose Verlegerfigur macht er in einer unnötig verschachtelten Rückblenden-Erzählung die Struktur des Films selbst zum Thema. Xavier stellt dem Verleger dann immer wieder per Skype die Handlung seines Buches vor, die dieser kritisch kommentiert. Wenn der Auftraggeber dann eine von Xaviers Handlungswendungen wegen Unglaubwürdigkeit moniert, ist er kaum verschlüsselt zugleich auch der Filmkritiker, der den Regisseur Klapisch angreift  - und der wiederum legt Xavier (der hier mehr und mehr zu dessen Alter ego wird) die vermeintlich entwaffnenden Worte in den Mund, um jeden Vorwurf gleichsam schon im Vorhinein zu entkräften. So darf der Protagonist dann auch ausführlich darüber schwadronieren, dass die scheinbar belang- und bedeutungslosen Momente, in denen nichts passiert, zum Leben einfach dazu gehörten und deshalb auch in seinem Buch (und in Klapischs Film) vorkommen müssten. Nur vergisst der Regisseur und Drehbuchautor dabei scheinbar, dass auch diese aufdringliche Selbstreflexion zu seiner Erzählung dazu gehört und dass die zahlreichen Filmszenen, die außerhalb eines zwingenden Handlungszusammenhangs stehen, sich deshalb eben nicht selbstgenügsam entfalten können, sondern nur noch als hohle und wichtigtuerische Illustration der Thesen des Protagonisten/Regisseurs erscheinen.

Wenn dann auch noch die Philosophen Schopenhauer und Hegel dem Autor zum Zwiegespräch erscheinen und ihn bestärken, dann wird Klapischs ohne jede Ironie vorgebrachte indirekte Selbstbeweihräucherung endgültig ärgerlich – mit dem Nebeneffekt, dass mit Xavier die einstige Identifikationsfigur nach und nach zum unsympathischen Narziss verkommt. Dennoch liegt in dem Wiedersehen mit den alten Bekannten aus den Vorgängerwerken der größte Reiz dieses Films. Wie die Figuren (und ihre Darsteller) sich äußerlich verändert haben, hebt Klapisch gleich im Vorspann hervor, darüber hinaus sind seine Sympathien ungleich verteilt: Wendy wird zur Randfigur degradiert, die ihre Beziehung mit dem schmächtigen Intellektuellen Xavier für einen breit gebauten, leicht arroganten Vorzeige-Ami aufgibt. Martine laviert sich  als Geschäftsfrau und alleinerziehende Mutter durchs Leben, die zwar endlich ihre Verstocktheit abgelegt hat, am Ende aber doch nur einen Partner sucht. Isabelle ist die lebenslustige Lesbe, bei der früh deutlich wird, dass eine monogame Beziehung nach wie vor einfach nicht ihr Ding ist. Bei all dem ist letztlich Isabelle mit ihrer Lebensfreude (einmal mehr wunderbar: Cécile de France) nicht nur die schönste, sondern auch die interessanteste Figur. Ihr Intermezzo mit einem Kindermädchen, das zufällig auch Isabelle (Flore Bonaventura) heißt, führt zu einem wunderbar-witzigen Gag, den Klapisch auch mit einem vorherigen bedeutungsschwangeren Zoom auf das Kruzifix um den Hals der Jüngeren nicht zerstören kann.

Fazit: „Beziehungsweise New York“ bietet ein Wiedersehen mit einigen Figuren aus „L'Auberge Espagnole - Barcelona für ein Jahr“ – vom alten Zauber ist dabei aber nicht mehr viel übrig.

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