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    The Gambler
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Gambler
    Von Carsten Baumgardt
    Rupert Wyatt gilt in Hollywood als Mann der Zukunft, schließlich hat er mit „Planet der Affen: Prevolution“ ein seltenes Kunststück vollbracht und einen ebenso intelligenten wie erfolgreichen Blockbuster mit individueller Handschrift vorgelegt - es ist kein Zufall, dass der Brite zu den heißen Kandidaten für den vakanten Regieposten von „Star Trek 3“ gehört. In der Zwischenzeit geht Wyatt mit dem düsteren Spieler-Drama „The Gambler“ weiter den steinigen Weg eines Unangepassten. Sein Remake von Karel Reisz‘ und James Tobacks „Spieler ohne Skrupel“ (1974) ist sperrig und unbequem. Doch bei genauerem Blick entpuppt sich das bestechend fotografierte und mit einem grandiosen Soundtrack veredelte Zocker-Porträt als feine Charakterstudie eines schmerzhaft selbstzerstörerischen Mannes, der kein Mittelmaß toleriert und bereit ist, für diesen Anspruch den höchsten Preis zu zahlen.

    Literaturprofessor und Buchautor Jim Bennett (Mark Wahlberg) führt ein Doppelleben: Während er tagsüber am College unterrichtet, treibt ihn nachts seine Spielsucht in die dunkelsten Ecken von Los Angeles. In der Parallel(unter)welt des illegalen Glücksspiels geht Bennett immer volles Risiko, was ihn bald in eine ausweglose Situation befördert. Er schuldet dem Veranstalter der gesetzwidrigen Runden, Mister Lee (Alvin Ing), eine horrende Summe Geld, noch gefährlicher sind aber seine Ausstände bei dem skrupellosen Gangster Neville (Michael Kenneth Williams). Bennetts reiche Mutter Roberta (Jessica Lange) hilft widerwillig aus und gibt ihm die insgesamt benötigten 260.000 Dollar. Aber der Sohn verspielt alles, bevor er auch nur darüber nachdenkt, seine Schulden zu begleichen. Nebenbei fängt Bennett auch noch eine Affäre mit seiner brillanten Studentin Amy (Brie Larson) an und lässt sich mit dem gefährlichen Kredithai Frank (John Goodman) ein…


    Wer sich von „The Gambler“ einen typischen Mark-Wahlberg-Reißer in der Art von „2 Guns“, „Contraband“ oder „Shooter“ erhofft, wird zunächst einmal  enttäuscht sein. Rupert Wyatt macht es dem Betrachter bewusst schwer, der Protagonist Jim Bennett wird als unangenehmer, wenig sympathischer Typ eingeführt und gibt eine Menge Rätsel auf. Er gerät nie in Panik, empfindet aber auch keine Euphorie. Er bleibt stets gelassen, selbst wenn das eigene Leben auf dem Spiel steht. Er ist ein Fatalist, der sich dem einfachen Ausweg verweigert und sich nicht gegen den Untergang auflehnt, sondern ihn vielleicht sogar provoziert. Eine gewisse Todessehnsucht scheint über diesem Bennett zu liegen, bis irgendwann klar wird: Er kommt gegen seine Natur nicht an – es geht ihm da wie dem Frosch in dem berühmten Gleichnis mit dem Skorpion. So entpuppt sich der stets in eleganten Edelzwirn gewandete Literaturprofessor als tragische Figur, für die es nur eine Alternative gibt: alles oder nichts.

    Jim Bennett ist letztlich so eigenwillig wie seine 70er-Jahre-Frisur und bei ihm ist das Klischee vom Leben auf des Messers Schneide keine hohle Phrase. Für so einen Mann gibt es nichts Schlimmeres als Durchschnittlichkeit, deshalb nimmt er auch nur seine beste Studentin Amy ernst und verachtet den unwürdigen Rest. Diese Mischung aus der Aura des anspruchsvollen Einzelgängers und den Abgründen eines ewigen Außenseiters bringt Mark Wahlberg („The Departed“, „Ted“) in einer der besten Leistungen seiner Karriere in ihrer ganzen Komplexität zum Ausdruck. Dabei ist „The Gambler“ keine One-Man-Show. „The Wire“-Star Michael Kenneth Williams („12 Years A Slave“) bietet Wahlberg mit einer energetischen Vorstellung als brandgefährlicher Gangster mit Charisma die Stirn – ganz zu schweigen von John Goodman („The Big Lebowski“), der als nihilistischer Kredithai einen seiner typischen kauzigen Auftritte samt knackiger Dialoge hat. Die hochtalentierte Brie Larson („Short Term 12“) ist als studentische Liebschaft dagegen weitgehend unterbeschäftigt, dennoch passt es perfekt zu Bennett, dass er sich in der vielleicht letzten Woche seines Daseins noch auf sie einlässt.

    Neben der ungewöhnlichen Figurenzeichnung begeistert auch Wyatts unglaublich selbstbewusste (aber nicht selbstverliebte) Regie. Mit seiner Kameraarbeit schafft Greig Fraser („Foxcatcher“, „Killing Them Softly“) eine faszinierende Atmosphäre: düster und doch poetisch. Die ausdrucksstarken Bilder werden durch einen herausragenden Soundtrack ergänzt, für den Stücke von Künstlern wie Pulp, Billy Bragg und M83 zusammengebracht wurden – besondere Akzente setzen die Easy Star All-Stars mit ihren Reggae-Coverversionen der Pink-Floyd-Klassiker „Time“ und „Money“. „The Gambler“ ist alles andere als ein Actionfilm und lebt eindeutig von seiner Stimmung – physische Konfrontationen sind hier seltene Ausnahmen. Dafür ist die innere Spannung dieses Psychogramms einer Spielernatur beträchtlich – die chronologische erzählte Geschichte ist auf die sieben Tage bis zum Ablauf des Rückzahlungsultimatums verdichtet – das Ende rückt mit der unerbittlichen Konsequenz eines unausweichlichen Schicksals näher: Spieler-Drama und Gangster-Thriller finden sich auf bemerkenswert effektive und vielschichtige Weise vereint.

    Fazit: Rupert Wyatts „The Gambler“ ist ein kantiges Spieler-Drama und eine elegante, brillant inszenierte Genre-Stilübung.
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