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    Spring Breakers
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Spring Breakers
    Von Björn Becher
    Wenn die Disney-Stars Selena Gomez („Die Zauberer vom Waverly Place") und Vanessa Hudgens („High School Musical") gemeinsam in einem Film über das amerikanische Studenten-Party-Vergnügen schlechthin mitspielen, den berüchtigten Spring Break in Florida, scheint klar, was man zu erwarten hat: eine seichte Teenie-Komödie über ein paar junge Frauen, die auf unzüchtigen Strandpartys vom Weg der Wohlerzogenheit abkommen, um schlussendlich zu erkennen, dass es zu Hause doch viel schöner ist. Doch wenn Harmony Korine („Gummo"), der unter anderem auch die Drehbücher zu „Kids" und „Ken Park" verfasste, auf dem Regiestuhl sitzt, werden diese Erwartungen schnell unterlaufen. Sein „Spring Breakers" ist kein seichtes Feten-Lüftchen, sondern ein irre flackerndes Party-Biest - eine knalllaute, sperrige, schräge, abgefahrene Satire und ein Bilderrausch an der Grenze zum Epilepsie-Anfall!

    Die Freundinnen Candy (Vanessa Hudgens), Brit (Ashley Benson) und Cotty (Rachel Korine) träumen davon, in den kommenden Frühlingsferien endlich aus ihrer College-Tristesse auszubrechen und bei den legendären Spring-Break-Feierlichkeiten in Florida mal so richtig die Sau rauszulassen. Da ihnen das nötige Kleingeld fehlt, überfallen sie kurzerhand einen Fast-Food-Laden. Mit ihrer schüchternen Freundin Faith (Selena Gomez) im Schlepptau, der es im Kirchenkreis gerade auch nicht mehr so gut gefällt, starten sie in Florida eine wilde Party-Tour voller Exzesse... bis das Quartett bei einer Drogen-Razzia von der Polizei verhaftet wird. Als überraschender Schutzengel erweist sich der durchgeknallte Dealer Alien (James Franco), der die Kaution stellt und die Mädels aus dem Knast holt. Während Faith die Sache nun zu heikel wird, sind ihre drei Freundinnen begeistert vom mondänen Lebensstil ihres Retters mit teuren Schlitten in der Garage und dicken Knarren an der Wohnzimmerwand. Bald erledigen sie als schwer bewaffnetes Trio im Bikini und mit Pussy-Riot-Maske Raubüberfälle für den Dealer. Doch Unheil zieht auf, denn einer von Aliens Konkurrenten plant eine blutige Abrechnung...



    Harmony Korine sabotiert in „Spring Breakers" mit vollem Genuss die Sehgewohnheiten des Teeniekomödien-Stammpublikums. Erinnern einige Szenen zu Beginn (wie etwa eine Kissenschlacht auf den Gängen des College-Wohnheims) vielleicht noch an eine handelsübliche Hollywood-Studentensause, ist es damit schnell vorbei. Korine stellt solchen fröhlichen Standardsituationen von Anfang an die dunkle Seite gegenüber und zeigt das triste, graue Leben der Protagonistinnen. So wird der Ausflug nach Florida zur regelrechten Flucht, aber im Sunshine State ist die Ambivalenz sogar noch stärker hervorgehoben, die Aufnahmen von schönen Menschen und die Hochglanz-Partyszenen am Strand konterkariert Korine mit dreckigen Drogen-Exzessen im Hotel, denen sich die Mädels stattdessen hingeben: Hier besteht die „Party" nur noch aus reinem Rauschmittelkonsum.

    Die harten Kontraste macht Harmony Korine auch formal zu seinem obersten Prinzip und veranstaltet ein wahres „Schnittmassaker". Die angesprochenen Hochglanz-Partybilder werden immer wieder für wenige Sekunden mitten in andere Sequenzen hineingeschnitten, die assoziative Vermischung unterschiedlicher Elemente aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, führt dazu, dass die rein chronologische Abfolge des Geschehens immer wieder aufgebrochen wird. Es entsteht ein flirrender Rausch von Bildern und Tönen, denen drohendes Unheil eingeschrieben ist: Immer wieder ist etwa das Durchladen einer Pistole zu hören und anschließend knallt ein Schuss durch den Kinosaal. Korine setzt diese Technik so aggressiv wie kaum ein anderer vor ihm ein, nicht nur zur Vorbereitung des großen Finales. Auch der Ausgang von Einzelszenen wird durch kurze Inserts vorweggenommen, wenn etwa eines der Mädels mit einer Schusswunde gezeigt wird, bevor die Waffe überhaupt abgefeuert wurde. Und wenn auf der Zielgerade zum großartigen Ende ein einfältiger Dialog immer und immer wieder aus dem Off wiederholt wird, unterstreicht Korine mit Nachdruck die beschränkte Intelligenz des männlichen Posers – nicht nur dadurch bekommt der Film einen geradezu feministischen Anstrich. Die Schaulust der Männer wird zwar an der Oberfläche von den höchstens knapp bekleideten und auch sonst sehr freizügigen Heldinnen bedient, aber durch Korines Regie zugleich auch karikiert und kritisch beleuchtet.

    Mit seinem Inszenierungs-Inferno, zu dem „Enter the Void"-Kameramann Benoît Debie mit seinen dynamischen Bildern einen entscheidenden Beitrag leistet, betreibt Harmony Korine eine konsequente, oft satirische Überspitzung. Das zeigt sich auch beim herausragenden Musikeinsatz. Neben den wummernden Beats von Cliff Martinez („Drive") und Electro-DJ Skrillex, die den Zuschauer teilweise fast aus dem Kinosessel kippen lassen, setzt Korine auf kommentierende Popsongs. So ist etwa die mit einem Britney-Spears-Liedchen untermalte großartige Collage von Überfällen der Mädchen-Bande zugleich einer von vielen Seitenhieben gegen die rosa Disney-Welt - schließlich startete Spears wie auch Gomez und Hudgens einst dort ihre Karriere. Den Weg der Überzeichnung geht auch Korines enger Freund James Franco („Planet der Affen: Prevolution") mit und spielt Alien gnadenlos übertrieben als Ober-Idioten, der sich für den Größten hält. Mit wilden Rastas, Tattoos am ganzen Körper und versilberten Zähnen, die an das Gebiss des legendären James-Bond-Bösewichts Richard Kiel („Der Spion, der mich liebte") erinnern, ist er schon optisch eine Karikatur und stiehlt bisweilen sogar den Mädels die Schau. Von denen darf sich vor allem Vanessa Hudgens, die sich mit Werken wie „Sucker Punch" oder demnächst „Machete Kills" vom Disney-Image befreit hat, in den Vordergrund spielen, während ihre Kollegin Selena Gomez, die noch beim Mäusekonzern unter Vertrag steht, rechtzeitig vor der finalen Eskalation aus dem Film verschwindet.

    Fazit: Was wie eine Party à la „Project X" zu den Klängen von „Drive" beginnt, wird gen Ende zu einem wahnsinnigen Acid-Trip mit feministischer Botschaft: „Spring Breakers" ist einer der unkonventionellsten und ungewöhnlichsten Filme des Kinojahres. Diese Satire wird das Publikum spalten - und hat definitiv das Zeug zum Kultfilm!
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