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Barbara
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Barbara
Von Björn Becher
Christian Petzold ist ohne Frage einer der besten deutschen Kinoregisseure. Ob in TV-Filmen wie „Toter Mann" und „Dreileben - Etwas Besseres als den Tod" oder im Kino mit „Die innere Sicherheit", „Yella" oder „Jerichow", Petzold ist ein Meister des präzisen Erzählens. Kein Wort ist zu viel, keine Einstellung überflüssig, jedes Element findet sich im Bild am genau passenden Platz. Doch mit seinem neuesten Film „Barbara" übertrifft sich Petzold noch einmal selbst. Das herausragende Drama geht unter die Haut und ist ungewöhnlich facettenreich. Petzold erzählt die berührende Geschichte einer einsamen Frau und zugleich eine zarte Liebesgeschichte, dazu überzeugt „Barbara" auch als differenzierte Beschreibung des Lebens in der DDR und als spannendes Fluchtdrama. Großen Anteil daran haben auch die herausragenden Darsteller, allen voran Nina Hoss, Ronald Zehrfeld und Rainer Bock.

Die DDR im Jahr 1980: Weil sie es gewagt hat, einen Ausreiseantrag in den Westen zu stellen, wird die Ärztin Barbara (Nina Hoss) von Berlin in die tiefste Provinz versetzt. Dort folgt ihr die Stasi in Gestalt des strengen Schütz (Rainer Bock) auf Schritt und Tritt. Barbara will an ihrem neuen Arbeitsplatz nur Dienst nach Vorschrift machen, ihr Geliebter aus dem Westen Jörg (Mark Waschke) plant ohnehin schon ihre Flucht. Die freundlichen Versuche des Chefarztes Andre (Ronald Zehrfeld) sie stärker einzubinden, weist sie kalt ab. Erst als Stella (Jasna Fritzi Bauer), ein aus einem sozialistischen Arbeitslager geflohenes junges Mädchen, eingeliefert wird, setzt sich Barbara stärker für eine Patientin ein. Und obwohl sie fürchtet, dass Andre für die Stasi über sie berichtet, öffnet sie sich langsam dem charismatischen und engagierten Arzt gegenüber. Während der Tag ihrer Flucht immer näher rückt, droht sie sich zu verlieben...

„Hier kann man nicht glücklich werden", heißt es einmal in „Barbara" über die DDR, und die Titelfigur empfindet dies auch so. In eindringlichen Bildern zeigt Petzold etwa wie die Stasi jeden Winkel der kargen Wohnung von Barbara auf den Kopf stellt. Damit ist aber noch nicht Schluss, denn anschließend ist auch jeder Zentimeter und jede Öffnung ihres Körpers dran. Petzold vermittelt Barbaras Paranoia durch viele sprechende Details, macht sie nicht nur nachvollziehbar, sondern lässt sie uns gleichsam mitempfinden. Immer wieder lugt sie aus dem Fenster auf den Wagen auf der anderen Straßenseite, aus dem sie beobachtet wird. Immer wieder spürt sie die Blicke der Hausmeisterin (Rosa Enskat) in ihrem Nacken, wenn sie die Wohnung verlässt. Alle, selbst die Mitreisenden im Zug, sind potentielle Stasi-Spitzel.

Eine der besonderen Qualitäten von Petzolds Film ist, dass die Sicht auf Zeit und Ort trotz einer klaren Konzentration auf Barbaras schwierige Situation nie einseitig wird. Den Bildern vom Überwachungs- und Spitzelstaat werden auch andere Perspektiven entgegensetzt. Da gibt es Menschen wie die junge Steffi (Susanne Bormann), die sich auf ihre ganz eigene Weise mit dem Leben in der DDR arrangiert haben, und es gibt vor allem Barbaras neuen Kollegen Andre, der erst gar nicht über den Westen nachdenkt, sondern da, wo er gebraucht wird, täglich Menschen hilft. Mit ähnlicher Offenheit und Einfühlsamkeit blickt auch Petzold auf seine Figuren. In einer der schönsten Szenen des Films ist Barbara auf der Suche nach Andre; in der Kneipe, in der sie ihn vermutet, sitzt aber nur ihr Stasi-Schatten Schütz - der sonst immer so eiskalte Peiniger kauert wie ein Häufchen Elend an einem Tisch. Schlagartig werden sich in diesem Moment sowohl Barbara als auch der Zuschauer der Menschlichkeit dieser Person bewusst.

„Barbara" beginnt ohne viel Worte. Petzolds Lieblingsschauspielerin Nina Hoss (sie spielte auch schon Hauptrollen in „Toter Mann", „Wolfsburg", „Yella" und „Jerichow") spielt eine schweigsame, in sich zurückgezogene Frau, die sich von anderen „separiert" wie ihr einmal vorgeworfen wird. Sie isst meistens alleine, nutzt jede Gelegenheit für eine Zigarette oder radelt einsam über die Felder. Erst nach und nach öffnet sich Barbara etwas – sie beschützt Ausreißerin Stella, hat einen kurzen Liebesmoment mit ihrem Westfreund Jörg und geht auf den charmanten Andre zu. Doch sie bleibt immer auch undurchschaubar. Was ist ehrlich, was nur eine Vorbereitung der West-Flucht? Auch Andre bleibt mysteriös. Ronald Zehrfelds („Im Angesicht des Verbrechens", „Zwölf Meter ohne Kopf") Chefarzt ist unglaublich einnehmend und doch fällt es schwer, Vertrauen zu ihm zu fassen. So stellt er seine Erzählung darüber, wie er in die Provinz gekommen ist, selbst wieder in Frage und deutet an, dass sie gelogen sein könnte. „Barbara" ist ein Film der Ambivalenzen und der Zwischentöne, dabei verzichtet Petzold fast komplett auf den Einsatz von Filmmusik und setzt ausschließlich auf die Wirkung seiner Bilder, die eine für diesen sonst so kühlen Erzähler ungewohnt starken emotionalen Sog entfalten.

Fazit: Christian Petzold gelingt mit seinem ersten in der Vergangenheit angesiedelten Werk einer seiner besten Filme. Selten wurde so differenziert und unaufdringlich, aber dennoch intensiv vom Leben in der DDR erzählt: ein absoluter Höhepunkt der Berlinale 2012.
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