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Paulette
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Paulette
Von Falk Schön

Jérôme Enricos Komödie „Paulette“ ist ganz sicher kein sommerlich-französisches Feelgood-Movie à la „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Stattdessen bietet die Geschichte über eine mit Cannabis dealende Rentnerin richtig galligen Humor und sorgt mit ihrer höchst ambivalenten Schlussszene im Schnee für reichlich kontroverse Reaktionen. Satirisch überdreht prangern Enrico und seine drei Co-Autoren die ernste wirtschaftliche und politische Lage in Frankreich anhand eines Einzelschicksals an. Zu den zahlreichen Bravourstücken der Macher gehört, dass sich ihre anfangs verbittert wirkende Hauptfigur glaubwürdig zu einer Sympathieträgerin wandeln.

Paulette (Bernadette Lafont) ist ein alter Drachen. Nach dem Tod ihres Mannes hat die Gastronomin und Konditorin ihr Restaurant verloren und fristet nun ein zunehmend erbärmliches Dasein in einem schäbigen Pariser Vorort, mit Gerichtsvollziehern als fast einzigen Besuchern. Den Zorn über ihr Unglück reagiert die 80jährige an den Menschen in ihrer Umgebung ab: Zielscheibe sind vor allem ihre Tochter Agnès (Axelle Lafont), Schwiegersohn Ousmane (Jean-Baptiste Anoumon) und ihr kleiner Enkel Léo (Ismaël Dramé). Erst als Paulette mit dem Verticken von Cannabis im Dienste des lokalen Großhändlers Vito (Paco Boublard) ihre finanzielle Zwangslage überwindet, tritt eine Wende ein: Plötzlich hat Paulette Geld und beginnt zusammen mit Maria (Carmen Maura) und anderen alten Freundinnen Hasch-Kekse zu backen, die weit über ihre Vorstadt hinaus Kunden anlocken. Bis die Polizei und die russische Mafia auf sie aufmerksam werden…

Die besondere Qualität von „Paulette“ liegt darin, dass es den Machern gelingt, die grimmige Lebenswirklichkeit einerseits realistisch darzustellen und sie andererseits auf phantasievolle Weise zu durchbrechen. So unwahrscheinlich Paulettes Einstieg in den Drogenhandel auch sein mag: Wenn jugendliche Dealer die ‚Konkurrentin’ Paulette abpassen, zusammenschlagen und ihr Geld und Ware rauben, hat man trotzdem den Eindruck, dass sich das so auch in Wirklichkeit abspielen könnte. Doch die Empörung attackiert zu werden und dies auch noch von französischen Landsleuten, weicht bei der Rentnerin bald dem Geschäftssinn: Bei Kaffee und Haschkeksen schlägt Paulette den Jung-Dealern so einen Deal vor.

Wie in einigen französischen Filmen der jüngeren Vergangenheit – so in der Polizeiklamotte „Ein Mordsteam“, in der melodramatischen Komödie „Sag, dass Du mich liebst!“ oder im Publikums-Mega-Hit „Ziemlich beste Freunde“ – ist die Versöhnung über soziale und ethnische Barrieren auch hier das Grundthema. Um die französischen Konkurrenten buchstäblich an einen Tisch zu bringen, verknüpft Paulette raffiniert und spielerisch den Konsum sogenannter ‚weicher Drogen’ mit der Anziehungs- und Verführungskraft der französischen Pâtisseriekunst. Das wirkt utopisch, aber nie schönfärberisch. Die Geschichte ist grotesk, zugleich jedoch von einer unbarmherzigen Logik: Alle Lösungsansätze, die Paulette bemüht, ziehen neue Probleme nach sich. Kaum beginnt die Rentnerin ihr neues Leben als Kleindealerin zu genießen, steigt der Druck der Unterwelt, nun auch harte Drogen zu veräußern.

Neben dem leicht bizarren Figurenensemble verhindert die Situationskomik einen allzu bitteren Nachgeschmack: Verliebte Witwer stimmen vor Paulettes Tür Bardengesänge an, trottelige Polizisten sind blind für die keine Haschischbäckerei in ihrer Wohnung und als Höhepunkt macht sich unter Paulettes Führung eine scheinbar schwer bewaffnete Bande alter Damen auf, den von der Mafia entführten kleine Léo zu befreien. Auch wenn die melancholischen Untertöne von Jérôme Enricos Komödie einer Sommer-Wohlfühl-Stimmung entgegenstehen, sollte man sich dieses pfiffige Werk nicht entgehen lassen.

Fazit: „Paulette“ ist für Franzosen ein Spiegel ihrer sozialen Probleme, für deutsche Zuschauer ein Fenster zur schwierigen Situation des Nachbarlandes – witzig, aber nicht ausgelassen: eine bittersüße, leicht schwermütige Groteske mit einer formidablen Hauptdarstellerin.

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Kommentare

  • niman7
    Wunderbarer Film. Ich habe ihn vor 2 Wochen in der Sneak gesehen. Meine Kritik folgt bald.
  • Gordon Jannsen
    Habe ihn im Juni in der Sneak gesehn und lange nicht mehr so herzhaft gelacht. So konsequnter, schwarzer (rassistischer) Humor habe ich in einem Kinofilm wohl noch nie gesehen. Sehr gut ^^
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