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    Cäsar muss sterben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Cäsar muss sterben
    Von Robert Cherkowski

    Mit heutigen Maßstäben bemessen sind Shakespeares berühmteste Antihelden echte Härtefälle. Man denke nur an Titus Andronikus, der eine Mutter das Fleisch ihrer Söhne kosten ließ, oder Macbeth, den fiesen Meuchelmörder, der für die Macht bald alle Hemmungen fallen ließ. Auch der Dänenprinz Hamlet schreckte vor kühl kalkuliertem Mord nicht zurück. Beim besten Willen und dem größten Respekt vor ihrem literarischen Status: Die Protagonisten des englischen Dichterfürsten gehören in den Knast und der Schlüssel weggeschmissen. Für besonders schräge Figuren ist das Gefängnis wiederum genau der richtige Ort, um den Künstler in sich zu entdecken. Fjodor Dostojewski, der französische Unzuchtspoet Jean Genet („Querelle") und der gemeingefährliche britische Schläger „Bronson", der hinter schwedischen Gardinen den Aktionskünstler und Zeichner in sich entdeckte – sie alle wurden von Einsamkeit und räumlicher Beschränkung zu Höchstleistungen angespornt. In Paolo und Vittorio Tavianis „Cäsar muss sterben" kommt nun zusammen, was zusammen gehört: Shakespeare meets Knast. Konzeptionell geht diese Rechnung leider nicht ganz auf, phasenweise fesselnd ist der Film dennoch.

    Der Hochsicherheitsknast Rebibbia ist eines der härtesten und bestbewachten Gefängnisse Italiens. Hier sitzen die härtesten und einflussreichsten Gangster des Landes ein. Ein wenig Abwechslung kommt in die traurigen Hallen, als ein Theaterworkshop veranstaltet wird und die Insassen als Darsteller für Shakespeares „Julius Cäsar" rekrutiert werden. Bald befinden sich die harten Hunde in einem ebenso ergiebigen wie heiteren Probenprozess, bei dem es den gefährlichen Soziopathen bemerkenswert leicht fällt, Wandlungsfähigkeit und Kreativität unter Beweis zu stellen...

    Was haben sich klassisches Drama und heutige Knastbrüder zu sagen? Shakespeares Erzählung vom erfolgreichen Feldherren, dessen Methoden und Ideen für die Tagespolitik der römischen Republik zu extrem waren und die ihm letztendlich den Kopf kosteten, könnte heute vor dem Hintergrund brutaler Machtpolitik im Nahen und Mittleren Osten durchaus den Nerv der Zeit treffen. Baz Luhrmann („Romeo + Julia") und Ralph Fiennes („Coriolanus") haben es bereits gewagt, die Original-Verse in moderner Umgebung neu zu entdecken. Auch „Cäsar muss sterben" stützt sich auf die Original-Zeilen und hofft auf entsprechende Resonanz. All zu groß ist das Echo diesmal jedoch nicht. Mit dem Konflikt zwischen modernem Staatsideal und absolutistischer Tyrannei setzen sich die Tavianis nicht auseinander.

    Vielmehr spiegeln sich hier Gefängnis-Machtpolitik und die persönlichen Dämonen der Protagonisten im klassischen Bühnentext. Die Tavianis sehen sowohl in Shakespeares brutalem Stück als auch im Knastalltag von Rebibbia hermetisch abgeriegelte Männerwelten, in der das Recht des Stärkeren und des Gerisseneren gilt. Oft erinnert das an Jacques Audiards kompromisslose Knast-Studie „Ein Prophet". Ob Feldherr Cäsar oder Mafiosi Giovanni Arcuri – beide haben vor allem eine Reputation zu verteidigen und sich gegen eine Überzahl an Intriganten und Neidern zu behaupten. Was Rom für Cäsar war, ist die vergitterte Welt von Rebibbia für Arcuri. Die Rollen werden dabei jedoch nicht nach dramaturgischen Gesichtspunkten vergeben. Cäsar ist nicht automatisch der große Gefängnis-Pate und Brutus (Salvatore Striano) nicht sein abgefallener Zögling.

    Wir erfahren nicht viel über das vorige Leben der Darsteller – bloß, dass sie allesamt Schwerverbrecher sind und entweder lebenslänglich oder mindestens noch 20 Jahre abzusitzen haben. Es ist ihr darstellerisches Charisma und nicht ihre Verbrechenslaufbahn, die hier im Mittelpunkt steht. Simone Zampagnis versiert-zurückhaltende Kameraarbeit schafft es immer wieder, echte Theaterstimmung zu erzeugen. Bis auf den Prolog und das Finale, die in Farbe und auf einer regulären Theaterbühne stattfinden, herrscht ein staubtrockenes Schwarz-Weiß vor, mit dem die Flure, der Innenhof und die kargen Gefängnisräume selbst zur Bühne werden. Wenn das Stück in den Alltag einbricht und man mehrmals nicht weiß, ob die Darsteller noch proben oder ernst machen, wird „Cäsar muss sterben" zum faszinierenden Filmerlebnis.

    Solange die Tavianis ihr erzählerisches Verwirrspiel konsequent umsetzen, hält „Cäsar muss sterben" das Interesse. Je länger der Film jedoch dauert, desto mehr nutzt sich der Reiz dieser Inszenierung jedoch ab. Und wenn die Darsteller im Epilog nach getaner Arbeit wieder in ihre Zellen geführt werden und der bedeutungsschwere Satz „Erst seit ich die Kunst kenne, erscheint mir meine Zelle wie ein Gefängnis" fällt, rutscht dem Film die Maske herunter und offenbart ein naives Gesicht, das zu einem höhnischen Lächeln herausfordert. Es ist dem Charisma der Darsteller, ihrem komödiantischen Gespür und der geringen Laufzeit zu verdanken, dass „Cäsar muss sterben" dennoch zumindest bis dahin spannend war und eine kurze Zeit nachhallt.

    Fazit: Weder über Shakespeare, noch über den italienischen Gefängnisalltag erschließt „Cäsar muss sterben" nennenswert Neues. Als interessantes Film- und Gedankenexperiment muss die mühelos zwischen Theater, Dokumentation und Spielfilm balancierende Regiearbeit der Tavianis trotzdem gelten.

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